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American Football : Die Macht der Witwen in der NFL

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Mittendrin statt nur dabei: Martha Ford (Mitte) ist die wichtigste Frau bei den Detroit Lions. Bild: Picture-Alliance

90 Jahre ist Martha Ford alt. Dennoch hält die Matriarchin bei den Detroit Lions die Zügel fest in der Hand – und überrascht dabei auch mal. Sie ist nicht die einzige mächtige Frau im knüppelharten Spiel der NFL.

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          Es war eine Hochzeit mit allem drum und dran. Die Kameras der „Wochenschau“ waren da und viele Klatschreporter. Nicht zu vergessen 900 Gäste, die bei dieser Gelegenheit gleich zwei berühmten amerikanischen Industrie-Dynastien ihre Reverenz erwiesen. Denn die Braut, Martha Firestone, war ein Spross des gleichnamigen Reifenimperiums. Und der Bräutigam, William Clay Ford, ein Enkel des Gründers des Automobilkonzerns.

          Solange die Heirat aus dem Juni 1947 mittlerweile auch zurückliegen mag, zumindest in einem Bereich wirkt sie noch immer nach. Das konnten die Anhänger der Detroit Lions in diesem Jahr mehrfach feststellen. Zum Beispiel Anfang November, als die inzwischen 90-jährige Martha eine kurze Pressekonferenz einberief und erklärte, sie habe die beiden Hauptverantwortlichen für die seit Jahren anhaltende Misere des Klubs gefeuert. „Unsere Fans verdienen ein siegreiches Football-Team“, sagte sie.

          Nach der Rolle als Matriarchin in einer Gruppe von Männern, die einem knüppelharten Spiel nachgehen, hat sie sich nicht gedrängt. Doch als vor einem Jahr ihr Mann starb, der die Lions 1963 für ein paar Millionen Dollar gekauft hatte, sah sich die rüstige Witwe in der Pflicht. Denn theoretisch symbolisiert die Mannschaft mehr als nur sportliches Mittelmaß.

          Sie steht geradezu beispielhaft für die desolate Lage einer ganzen Stadt, die zum Inbegriff des urbanen Zerfalls Amerikas geworden ist. In 52 Jahren seit dem Kauf des Klubs qualifizierten sich die Lions nur elfmal für die Play-offs und kamen nur ein einziges Mal eine Runde weiter. Es war dieselbe Zeitspanne, in der die amerikanische Automobilindustrie langsam, aber sicher fast allen Kredit verspielte.

          Ist Cheftrainer Jim Caldwell der Nächste, den Martha Ford auswechselt.
          Ist Cheftrainer Jim Caldwell der Nächste, den Martha Ford auswechselt. : Bild: AFP

          Dass Martha Ford Ambitionen im Sportgeschäft hatte, war in all den Jahren niemandem in Detroit bewusst gewesen. Weshalb sie, nachdem sie auf einmal vor Beginn der Saison jeden Tag zum Training erschien, Reporter mit dem Hinweis überraschte: „Ich bin vielleicht nicht so sichtbar gewesen, aber ich war in vielen Dingen involviert und habe es immer geliebt.“

          Ob ihre Eingriffe ins Management des Teams tatsächlich eine Wende zum Guten bringt, lässt sich noch nicht sagen. Die reguläre Saison geht für die Lions an diesem Sonntag (19.00 Uhr MEZ) mit einem Spiel bei den Chicago Bears zu Ende. Der Ausgang ist bedeutungslos, weshalb sich viele fragen, ob Cheftrainer Jim Caldwell der Nächste ist, den Martha Ford auswechseln wird. Als Eigentümerin des Klubs – zusammen mit ihren vier Kindern – kann sie tun und lassen, was sie will.

          „Ich bin vielleicht nicht so sichtbar gewesen, aber ich war in vielen Dingen involviert und habe es immer geliebt.“
          „Ich bin vielleicht nicht so sichtbar gewesen, aber ich war in vielen Dingen involviert und habe es immer geliebt.“ : Bild: Picture-Alliance

          Die wirtschaftlichen Konsequenzen sind minimal. Denn so wie in anderen amerikanischen Profiligen auch, gibt es in der National Football League keinen Abstieg. Der Marktwert der Lions liegt zwar im Vergleich zu den anderen Mannschaften mit geschätzt 1,4 Milliarden Dollar eher niedrig. Trotzdem wird er weiter steigen, solange die NFL wie bisher das Sportinteresse von Millionen von Fans an sich binden kann.

          Commissioner Roger Goodell lobte neulich schon mal die Arbeit der 90-Jährigen, was sicher auch damit zu tun hat, dass ihr mit dem Klub ein Anteil an der Liga gehört. Martha Ford ist damit indirekt Arbeitgeberin von Goodell. „Sie ist toll“, sagte er der Detroit Free Press. „Bei den Sitzungen steht sie auf und ergreift das Wort. Sie ist bestens informiert und versteht die NFL.“ Und sie reist nach Möglichkeit zu jedem Spiel mit.

          Die Lions um Quarterback Matthew Stafford sind nicht das erfolgreichste Team.
          Die Lions um Quarterback Matthew Stafford sind nicht das erfolgreichste Team. : Bild: USA Today Sports

          Dass Frauen im amerikanischen Profisport eine exponierte Stellung einnehmen, ist nichts Neues. Die Rolle fällt ihnen allerdings gewöhnlich als Hinterlassenschaft einer Ehe zu. So wie bei Georgia Frontiere, die oft verheiratet war, aber erst beim fünften Mann auf jene Goldader stieß, die sie später mit Erfolg ausschlachtete.

          Unter ihrer Regie mussten die Rams gleich zweimal umziehen (erst von Los Angeles nach Anaheim, dann nach St. Louis), weil Städte mit äußerst günstigen Stadionmieten lockten. Frontiere starb 2008, nach durchaus erfolgreichen Jahren. Die St. Louis Rams gewannen 2000 Super Bowl XXXIV.

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          Auch Carol Davis verdankt ihre Position bei den Oakland Raiders dem Tod ihres Mannes Al. Den hatte die 83-Jährige 1950 kennengelernt, als der noch als Football-Trainer auf Long Island arbeitete. Er starb 2011. Die Matriarchin stützt sich dabei allerdings anders als Ford, die ihren Sohn Bill an den Rand gedrängt hat, auf ihren Flilius Mark.

          Auch die Raiders sind seit langem kein gutes Team mehr und sorgen eher für Schlagzeilen in Sachen Umzug nach Los Angeles. Die Entscheidung darüber steht noch aus. Anders als damals, als sein Vater einen solchen Schritt sogar gegen die Mehrheit der anderen Klubbesitzer gerichtlich durchdrückte, hat die NFL sich diesmal ein Mitspracherecht gesichert und will erst mal sehen, ob und wie ein neues Stadion gebaut wird.

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