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America’s Cup : Segeln am Limit

  • -Aktualisiert am

Ist das noch Segeln oder schon Fliegen? Bild: REUTERS

Der Tod von Andrew Simpson zeigt: Beim America’s Cup ist die Gefahr ein ständiger Wegbegleiter. Zum Start streiten die Crews der hochtechnisierten Katamarane um Sicherheitsmaßnahmen. Luna Rossa boykottiert den Auftakt.

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          Warum musste Andrew Simpson sterben? Auf diese Frage gibt es auch zwei Monate nach dem fatalen Segel-Crash beim Training zum America’s Cup keine Antwort. Weder die Rechtsmedizin noch die Polizei von San Francisco, wo der Unfall in der Bucht vor der Golden Gate Bridge passierte, haben ihre Untersuchungen abgeschlossen. So existieren weiterhin nur Vermutungen, wie der 36 Jahre alte Olympiasieger am 9. Mai zu Tode gekommen ist.

          Konnte er sich nicht mehr befreien und ertrank, wie viele glauben, unter dem Sechs-Tonnen-Wrack, als sich der Katamaran seines schwedischen Teams (Artemis) plötzlich überschlug? Oder traf ihn auf dem kollabierenden Boliden ein berstendes Materialstück so schwer am Kopf, dass er vor dem Sturz ins Wasser daran starb? Auch der Grund für den plötzlichen Überschlag des Bootes bleibt ungeklärt. Führte ein Strukturbruch zur Katastrophe? War es ein Fahrfehler? Handelte das Team fahrlässig und ging ein zu großes Risiko ein? Wer trägt die Verantwortung?

          Am Sonntag sollte vor der Skyline San Franciscos die ersten Rennen der weltweit bedeutendsten Regatta beginnen. Aber weiterhin lastet das Unglück auf der Branche. Um die richtigen Sicherheitsvorkehrungen wird noch zwischen den Teams gestritten. Das italienische Team Luna Rossa boykottierte den Auftakt und will bis zur Entscheidung der am Montag geplanten Protestverhandlung nicht segeln. Es bleibt ein ungutes Gefühl. Wie noch nie zuvor in der 162 Jahre alten Geschichte des America’s Cup wird bei der 34. Ausgabe dieser Traditionsveranstaltung die Gefahr ein ständiger Wegbegleiter für die Segler sein.

          „Segeln ist dem Autorennen nähergekommen“, sagt Dean Barker, der Steuermann auf der neuseeländischen Yacht. Die neuen Katamaran-Geschosse sind komplexe Geräte mit gewaltigen Hebeln, sensibel zu steuern, sie erreichen Geschwindigkeiten um die 75 Kilometer pro Stunde. Auf dem Wasser ist das Formel-1-Tempo. Der Grat für die Crew zwischen Stabilität und maximalem Vortrieb ist sehr schmal. Dass sich die dynamischen Gefährte auf zwei Kufen obendrein noch aus dem Wasser heben können und dann nur noch auf schmalen Schwertern sowie den Rudern „fliegen“, ist ein spektakulärer Spezialeffekt. Massimiliano Sirena, Skipper der Italiener vom Team Luna Rossa, spricht von „heißen Kisten“. Vielleicht zu „heiß“?

          Vor San Francisco geht es um die Qualifikation für den America’s Cup
          Vor San Francisco geht es um die Qualifikation für den America’s Cup : Bild: AP

          Die Katamarane sind 22 Meter lang und 14 Meter breit. Angetrieben werden die Karbon-Boote von einem 40 Meter hohen, starren Flügel-Segel, das größere Ausmaße hat als die Tragfläche eines Jumbojets. Um das alles zu beherrschen, müssen die Segler an Bord körperlich ans Limit gehen. Elf gehören zur Crew, sie leisten Schwerstarbeit, bedienen die kraftraubenden Winschen (Seilwinden), kontrollieren die Trimmung, müssen bei Halsen und Wenden im Sprintertempo jedes Mal auf die dem Wind zugewandte Kufe wechseln. Die alte Segelei auf den Einrumpfbooten ist dagegen fast ein Opa-Sport.

          Richtige Hektik kommt auch durch den neuen Kurs zwischen den Bojen auf. Er ist kurz, schmal und nahe am Land, damit Zuschauer Einblicke erhalten. Fürs Finale stellen die Organisatoren Tribünen auf. Im Duell gegeneinander jagen die Katamarane über die Strecke, die durch virtuelle Linien begrenzt ist, damit die Gegner eng zusammenbleiben und nicht wie sonst beim Matchrace auseinanderfahren, weil sie eine unterschiedliche taktische Route verfolgen. Das GPS-System an Bord zeigt, ob der Kurs eingehalten wird. Knapp vor der imaginären Auslinie ertönt an Bord ein akustisches Warnsignal.

          Die Italiener um Skipper Max Sirena boykottierten den Auftakt
          Die Italiener um Skipper Max Sirena boykottierten den Auftakt : Bild: dpa

          Nicht länger als 30 oder 45 Minuten dauert ein Rennen, während beim America’s Cup 2007 vor Valencia noch stundenlang irgendwo draußen auf dem Meer gesegelt wurde. „Es ist eine physische Herausforderung, viel mehr als früher“, sagt der hochaufgeschossene Neuseeländer Barker. Er hat nebenher viel an seiner Fitness gearbeitet, damit er sich auch schneller von den Belastungen erholt. Aufgrund der körperlichen Anforderungen ist das Alter der Crews gesunken. Einen ergrauten Segelveteran mit dicker Wampe wird man diesmal an Bord der hochtechnisierten Boliden nicht stehen sehen. Nicht mal am Steuerrad. Die Chefs an Bord sind im Schnitt nicht älter als 35. Rekord für den America’s Cup.

          Der Steuermann hat auf jeder Seite ein Lenkrad und muss bei Manövern im Affenzahn die 14 wackligen Meter über die hintere Querverbindung zurücklegen. Der Puls schnellt da schon mal auf 180 hoch, purer Stress. Zuletzt stolperte der Pilot des amerikanischen Titelverteidigers Oracle, James Spithill, und fiel ins Wasser. Er verletzte sich nicht. „Für uns Segler ist das sehr anspruchsvoll, ein echter Kampf“, sagte er später in einer Fernsehshow, die den America’s Cup als „Superbowl des Segelns“ betitelte.

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