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Alternative Sportmedizin : Von Wunderheilern und Druiden

Dieter Trzolek: Leiter der medizinischen Abteilung von Bayer Leverkusen Bild:

Heilende Hände? Oder Einbildung? Viele verletzte Fußballprofis setzen auf bisweilen obskure Behandlungsmethoden. Sie lassen sich Formkrisen wegpendeln oder Muskelfaserrisse von hellsichtigen Mentaltrainern kurieren.

          5 Min.

          Es passiert immer am Morgen vor einem Spieltag. Dieter Trzolek macht es sich in seinem kleinen Behandlungsraum gemütlich, er breitet die Autogrammkarten der Spieler von Bayer Leverkusen auf dem Tisch aus und holt sein Messingpendel aus dem Schrank. Er ist dann ganz allein im Raum, niemand soll ihn ablenken, in seiner Konzentration stören. „Ich kann mit dem Pendel den Energiefluss der Spieler kontrollieren.“

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Mann spricht ohne Witz in der Stimme, Dieter Trzolek ist überzeugt von dem, was er macht: Vorhersagen treffen. Der 1. Dezember des vergangenen Jahres soll so ein Tag gewesen sein. Über dem Bild von Carsten Ramelow, dem großen Blonden aus dem Leverkusener Mittelfeld, sei der Ausschlag des Pendels besonders stark gewesen. Also ist Trzolek zu Ramelow gegangen, hat ihm auf die Schulter gehauen und gesagt: „Carsten, heute ist dein Tag.“ Wenige Stunden später hat Ramelow getroffen. Es war die 31. Spielminute, ein satter Rechtsschuss. Es war das erste und einzige Tor von Ramelow in der laufenden Saison der Fußball-Bundesliga. Wahrsagung? Einbildung? Oder einfach nur Glück?

          Informationen vom Körper

          Trzolek, ein hagerer Mann mit wenigen Haaren auf dem Kopf, ist Physiotherapeut und Heilpraktiker, er leitet die medizinische Abteilung von Bayer Leverkusen und geht oftmals eben nicht den klassischen Weg. Auch wenn es um Verletzungen geht. Man könnte ihn als einen Pionier auf einem Gebiet bezeichnen, das viele nicht verstehen können und einige nicht erklären wollen. Seit einiger Zeit hört man von immer mehr Männern, die durch alternative Heilungsmethoden von sich reden machen. Nur geht es dabei nicht nur um Fußpilz. Es geht um Magenerkrankungen, Bandscheibenvorfälle oder Kreuzbandrisse.

          Bayer-Spieler Ramelow: „Carsten, heute ist dein Tag”

          Diese Männer, die sich selbst als „Heiler“ bezeichnen, bleiben gerne unerkannt, sie reden nicht viel über sich und ihre Arbeit. Sie sagen, dass sie ja ohnehin nur kritisiert werden, dass an ihren Methoden gezweifelt werde. So wie Tim Meyer, der Arzt der Nationalmannschaft, das macht: „Ein Beleg der Wirksamkeit muss geführt werden können. Aber das meiden ja viele von ihnen wie der Teufel das Weihwasser.“ Diese „Heiler“ sollten einfach nicht immer behaupten, dass sie auf der Basis nicht nachvollziehbarer Mechanismen arbeiten.

          Muskelfaserriss in 24 Stunden geheilt

          Aber wie sollen solch vermeintliche Behandlungserfolge auch gedeutet werden? Die von Holger Fischer etwa. Der Fünfundvierzigjährige hat mal als Tennislehrer gearbeitet, bis er irgendwie gemerkt habe, dass er „hellsichtig“ sei. Seitdem arbeitet er als Mentalcoach, zu seinen Klienten zählen oder zählten unter anderem Bundesligaspieler wie Andreas Görlitz, Patrick Owomoyela oder Mike Hanke. Die Geschichten, die Fischer erzählt, verblüffen. Er sagt, dass er Regenerationszeiten verringern und die Selbstheilungsprozesse im Körper aktivieren könne. Einen Muskelfaserriss will er so in 24 Stunden geheilt haben, nach einem Wadenbeinbruch soll ein Spieler nach 19 Tagen wieder aufgelaufen sein, ein anderer brauchte angeblich nur zwei Wochen, um sich von einem doppelten Bänderriss zu erholen.

          Bei der Frage, wie dies funktionieren könne, ist auch Fischer für einen Moment ratlos. Er habe sich das auch selbst schon oft gefragt, sagt er dann. Und dass er noch keine Antwort kennt. Dann versucht er sich doch in einer Erklärung. Vom Körper bekomme er „entsprechende Informationen, wo ich wann, was und wie zu tun habe“. Man kann sich das irgendwie schwer vorstellen.

          Backpulver gegen Fußpilz

          Auch Dieter Trzolek hat in den vergangenen Jahren viele Skeptiker sprechen gehört, Zweifler, die einfach nicht an das glauben wollen, was er möglicherweise beherrscht. Die Spieler nennen ihn „Druide“, „Hexenmann“ oder „Wunderheiler“. Der Sechzigjährige hört so etwas gar nicht gern, es klingt ihm viel zu sehr nach Zauberei, nach Dingen, die niemand erklären kann.

          Dabei sagt Trzolek, dass er das, was er macht, schon seit beinahe dreißig Jahren in dieser Form praktiziert. So bekämpft er Fußpilz mit Backpulver, gegen Muskelkater soll eine Flasche Bier helfen. Und einen Apfel, in dem über Nacht sechs Nägel steckten, gibt Trzolek jenen Spielern, die an Eisenmangel leiden. Im Vergleich zu anderen Leiden klingt dies indes ausgesprochen harmlos.

          Ob Schlaghand, Bänderriss oder Bandscheibenvorfall

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