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Allison Stokke : Im Netz gefangen

  • -Aktualisiert am

Volle Konzentration: Allison Stokke will die Aufregung ignorieren Bild: pixathlon

Die Stabhochspringerin Allison Stokke fühlt sich im Internet verfolgt - und ihres Privatlebens beraubt. Sie gehört zur Gattung von Sportstars, die nur wegen ihres Äußeren bekannt werden. Ein Ende des medialen Tanzes aus Voyeurismus und Exhibitionismus ist nicht in Sicht.

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          Es ist nicht ganz klar, wie das begann - mit diesem einen Foto, auf dem sich eine Sportlerin in einem enganliegenden weißen Spandex-Trikot, den Blick versonnen ins Nichts gerichtet, an den Pferdeschwanz fasst. Denn genaugenommen ist es ein Bild wie viele andere. Eines, auf dem sich eine junge Stabhochspringerin auf ihren nächsten Versuch konzentriert und an alles Mögliche denkt, nur nicht an den Fotografen.

          Vor einem Jahr, als das Bild bei einem Leichtathletik-Meeting aufgenommen wurde, kannte kaum jemand ihren Namen. Seit diesem Frühjahr jedoch wissen Millionen, wie sie heißt. Tausende haben im Internet die Seite aufgerufen, auf der ein Verehrer zahllose, ganz alltägliche Bilder aus ihrem Teenagerleben zusammengetragen hat. Und die meisten dürften mitbekommen haben, dass die 18 Jahre alte Allison Stokke aus Newport (Kalifornien) zum Inbegriff einer neuen Gattung von Sportstar geworden ist: einer Athletin, die vor allem wegen ihres attraktiven Äußeren bekannt geworden ist und die sich deshalb so fühlt, als habe man ihr das Privatleben geraubt.

          „Unzüchtige Art der Beachtung aus dem Cyberspace“

          So schnell kann es gehen, wenn man gut aussieht, zu den besten Junioren-Stabhochspringerinnen Amerikas gehört, einer Reihe von Bloggern auffällt, die Bilder ins weltweite Web katapultieren, und wenn man in einem Video seine Gedanken zum Besten gibt, das anschließend bei YouTube landet. Das Video allein wurde bislang von mehr als einer Million Menschen betrachtet. Zehn Prozent von denen müssen nach YouTube-Angaben übrigens Leser der deutschen Website von Spiegel-Online sein, die - kaum machte die Geschichte in den Vereinigten Staaten die Runde - mit der kernigen Überschrift „Sexsymbol wider Willen“ geködert worden waren.

          Anfänglich hatte Allison Stokke noch versucht, der „ungewollten und manchmal unzüchtigen Art der Beachtung aus dem Cyberspace“, so die amerikanische Zeitung „Orange County Register“, noch etwas entgegenzusetzen. Weshalb sich ihr Vater Allan, ein prominenter Strafverteidiger, an die „Washington Post“ wandte. Doch wie reagierte das renommierte Blatt auf die Vorkommnisse aus der wohlhabenden Gegend südlich von Los Angeles? Im großen Stil - mit einem Artikel auf Seite eins. Der Beitrag in der Internetausgabe verbuchte eine der höchsten Klickraten der Woche.

          „Habe so hart für das Stabhochspringen gearbeitet“

          „Selbst wenn das alles nicht illegal ist, es fühlt sich wirklich herabwürdigend an“, wurde das Internet-Opfer zitiert. „Ich habe so hart für das Stabhochspringen gearbeitet. Und jetzt sieht es so aus, als ob es nichts wert ist. Niemand sieht das. Niemand sieht wirklich mich.“ Als Allison Stokke Anfang Juni bei den kalifornischen Schulmeisterschaften in Sacramento an den Start ging, schien sie von dem Rummel erstmals merklich beeinträchtigt. Sie blieb weit unter ihrer Bestmarke von 4,14 Metern.

          Sie gab sich zwar Mühe, die ungewollte Aufmerksamkeit und das Klicken der Fotoapparate zu ignorieren, unter der Devise: „Je mehr ich darüber rede, desto mehr wird es aufgeblasen.“ Daheim in Newport allerdings geht die Athletin, die vom kommenden Wintersemester an mit einem Stipendium an der University of California in Berkeley studieren wird, aus Angst vor Stalkern nicht mehr allein aus dem Haus.

          Medialer Tanz aus Voyeurismus und Exhibitionismus

          Ein solches Schicksal könnte alsbald auch anderen attraktiven Frauen blühen, deren Fotos über die schnelllebigen Multiplikatoren im Internet im Nu an ein ständig neue Phantasiefiguren suchendes Publikum herangetragen werden. Weibliche Sportler leben mit und teilweise auch von dieser Konstellation seit Jahren. Egal, ob sie damit bewusst kokettieren und sich für den „Playboy“ entkleiden wie die Boxerin Regina Halmich, erotische Fotokalender herausbringen wie die italienische Golferin Sophie Sandolo oder ihren Körper für karitative Zwecke entblößen wie jüngst die Tennisspielerin Serena Williams - oder eben nicht. Fast immer spielt im Hintergrund eine unsichtbare Kapelle zum medialen Tanz aus Voyeurismus und Exhibitionismus.

          Das hatte schon die Französin Nathalie Tauziat festgestellt, die auf dem Höhepunkt ihrer Karriere auf Platz drei der Tennis-Weltrangliste stand und irgendwann ein Buch über das Milieu schrieb (Titel: „Les dessous du tennis féminin“). Darin resümierte sie ohne jede Illusion: „Ästhetik und Charisma siegen über sportliche Leistung.“

          „Der Fall Allison Stokke? Das kann wieder passieren“

          Angesichts eines allgemeinen Bombardements der Öffentlichkeit mit erotisch angeheizten Botschaften verschwimmen zunehmend die Grenzen. Sportarten wie Tennis und Schwimmen, in denen viele Mädchen mit älteren Konkurrentinnen mithalten, leisten schon seit einer Weile ihren eigenen Beitrag zu einer neuen Ikonographie: den einer Kindfrauen-Kultur im Sport. Niemand verkörperte diesen Prototyp besser als die Russin Anna Kurnikowa.

          Allison Stokke, die gar nicht darauf aus war, hatte das Pech, mit dem einen Foto in diese Kategorie eingeordnet zu werden. Der Reporter Dan Albano, der die Auswirkungen durch seine Arbeit für den „Orange County Register“ in Newport hautnah erlebt hat, glaubt nicht, dass dies der letzte Fall gewesen sein wird: „Das kann wieder passieren. So wie die Sport-Blogs und das Internet funktionieren, werden sie sich bald an jemand anderen anhängen.“

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