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Alexandra Wester : Vom Catwalk in die Weitsprunggrube

Fünf vor sieben: Alexandra Wester gelingt Mitte Februar beim Istaf Indoof in Berlin ein Satz auf 6,95 Meter. Bild: GES-Sportfoto

Alexandra Wester war Model und entschied sich für den Weitsprung – Nun ist sie auf dem Sprung in die Weltklasse. Dafür verzichtet die 21-Jährige auf einiges.

          Grau lastet der Himmel auf der Stadt. In Kälte und Nieselregen trainieren Leichtathleten. An den Maschinen im Vereinsgebäude schuften Freizeitsportler. Andere wärmen sich an Tee- und Kaffeetassen die Hände. Willkommen beim ASV im Westen von Köln.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Southbeach Miami: Sonne, Sand, Meer. Eine Yacht bringt Alexandra Wester an den Strand, damit sie mit uns unter Palmen Liegestütz und Kniebeugen übt oder den Reifen eines Trucks stemmt. „Al-X-Fitness“ heißt das Programm. Das Video ist noch zu sehen im Internet. Doch es ist Vergangenheit.

          2015 wurde Alexandra Wester Deutsche Meisterin im Weitsprung.

          Warum nur hat Alexandra Wester, wie sie 1,80 Meter groß, athletisch und strahlend vor uns steht im Klubhaus, Florida aufgegeben für das Rheinland? „Ich habe Miami total genossen“, antwortet die 21-Jährige. „Aber ich habe mich für den Hochleistungssport entschieden.“ Dieser hat, das ist gewiss, nur auf sie gewartet. Beim Hallen-Istaf in Berlin machte die Weitspringerin einen Satz, der erst fünf vor sieben endete. Die 6,95 Meter bewiesen: Sie ist auf dem Sprung in die Weltklasse. Seit Heike Drechsler, Olympiasiegerin von Barcelona 1992 und Sydney 2000, ist keine deutsche Athletin mehr so weit gekommen.

          Entsprechend groß sind die Erwartungen, die Alexandra Wester trägt bei ihrem Start an diesem Freitag, dem Beginn der Hallen-Weltmeisterschaft in Portland. So weit wie sie ist in diesem Winter weltweit noch keine Frau gesprungen. Von Druck will sie dennoch nichts wissen. „Das ist allgemein bekannt, dass auf einem Athleten mehr Druck lastet, sobald er so eine Hammerweite raushaut“, sagt sie. „Für mich ist das eine Befreiung. Der Sprung hat mir Druck genommen.“

          Vom Catwalk in die Weitsprunggrube

          Vor Miami war Saulheim in Rheinhessen. Dort wuchs das Mädchen auf. Tochter eines Deutschen und einer Mutter aus Ghana, geboren in Gambia, trägt sie an einem Lederband eine Kauri-Muschel am Hals. „Sie erinnert mich daran, woher ich komme“, sagt sie. „Sie ist mein Glücksbringer.“ Doch mit dem Schicksal ist das so eine Sache. Damit die kleine Alexandra ihre unbändige Energie kanalisieren konnte, setzte ihr Großvater einen speziellen Sandkasten in seinen Garten: eine Weitsprunggrube. Das Mädchen nutzte sie begeistert. Aus dem Kind wurde eine Leichtathletin, so vielseitig wie vielversprechend. 2011 sollte sie als Mehrkämpferin an der U-18-Weltmeisterschaft in Lille teilnehmen; ihr erster internationaler Einsatz. Zwei Wochen vor der Qualifikation stürzte sie schwer beim Hürdenlauf. Die Diagnose war niederschmetternd. „Totalschaden im Knie“, fasst sie die Bänder- und Meniskusrisse heute zusammen.

          Da hätte ihre sportliche Laufbahn schon zu Ende sein können. Doch sie bewies, wie groß ihr Talent und ihr Ehrgeiz sind. Weil das Knie, das linke, das ihres Sprungbeins, wohl nie mehr so belastbar sein würde wie zuvor, lernte sie um. Nun springt sie mit rechts ab, wie manchmal als Kind. Und sie nahm das Angebot an, mit ihrer großen, schlanken Figur Kleidung zu präsentieren. Bevor sie in diesem Winter beim Istaf in Berlin die mehr als 12.000 hingerissenen Zuschauern mitnahm in den Anlauf zum Weitsprung, war sie schon zweimal bei der Fashion Week in der Stadt gewesen. Nicht, dass sie den Anlauf in einen Catwalk verwandelt.

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