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Alba-Trainerlegende Aito : „Ein anderer Coach als die anderen“

Alter schützt vor Ehrgeiz nicht: Alba-Coach Aito Garcia Reneses Bild: dpa

Der spanische Trainer Aito hat unzählige Weltklasse-Basketballspieler geformt. Jetzt, mit 70 Jahren, soll er bei Alba Berlin eine Jugendbewegung anführen.

          3 Min.

          Ist das Alter eines Trainers entscheidend für seine Leistung? Der FC Bayern München mag mit der Reaktivierung des 72 Jahre alten Fußballtrainers Jupp Heynckes eine ungewöhnliche Personalentscheidung getroffen haben. In der Basketball-Bundesliga hat Alba Berlin Alejandro Garcia Reneses, der im Dezember 71 Jahre alt wird, nicht als Notnagel geholt, sondern mit einem Zweijahresvertrag ausgestattet. „Alter ist für mich nicht wichtig“, sagt der Spanier. „Das gilt auch für die Spieler.“ Wie zum Beweis ließ er beim 99:63 am Freitag über Tübingen den 17 Jahre alten Hendrik Drescher debütieren. Dafür haben sie ihn in Berlin verpflichtet: um aus Talenten Spieler zu machen, die sich mit den Besten in Deutschland und Europa messen können.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Alba hat Coach Aito, wie dieser in der Welt des Basketballs genannt wird, mehr als ein Jahr lang umworben. Die Verpflichtung war keine spontane Idee. „Jeder kennt ihn“, sagt Marco Baldi, der Manager des Klubs. „Die Frage war nicht, ob wir ihn wollen, sondern wie wir ihn überzeugen können.“

          Aito ist eine Basketball-Legende. In 45 Jahren als Trainer betreute er mehr als tausend Spiele in der spanischen Liga: für den FC Barcelona, für Badalona, Sevilla, Malaga und Gran Canaria. Neunmal gewann er die Meisterschaft, dazu den nationalen Pokal, den Pokal der Pokalsieger, Korac-Cup, Euro-Cup und Uleb-Pokal. Mit der spanischen Nationalmannschaft erreichte er bei den Olympischen Spielen von Peking 2008 das Endspiel, in dem die Auswahl der Vereinigten Staaten hart um ihren 118:107-Sieg kämpfen musste. Pau Gasol, Ricky Rubio, Rudy Fernandez und Juan Carlos Navarro sind die berühmtesten Spieler, die durch seine Schule gegangen sind. Wie er in Berlin dem 20 Jahre alten Tim Schneider einen festen Platz in der Rotation eingeräumt hat, wie er den drei Jahre jüngeren Drescher einsetzte, so kennt man ihn.

          Rubio, Aufbauspieler der Utah Jazz in der NBA, bekam von Aito seinen ersten Einsatz in der spanischen Liga für Badalona, da war er noch nicht fünfzehn Jahre alt. Im Olympia-Jahr betreute Nationaltrainer Aito neben der A-Auswahl Spaniens auch die U16.

          Training als Denksport

          „Früher war ich besonders stolz auf die Spieler, die ich jung in meinem Klub hatte und die es in die Nationalmannschaft schafften. Das waren viele“, erzählt Reneses in Berlin. „Danach habe ich von denen gesprochen, die es aus meiner Mannschaft in die NBA schafften. Zum Beispiel Pau Gasol, der an Nummer drei gedraftet wurde, Kristaps Porzingis an Nummer vier und Ricky Rubio als Fünfter. Ich liebe diese Spieler, aber ich spreche nicht mehr ausschließlich von ihnen. Unbekannte Spieler, die sehr gut für ihre Mannschaft waren, liebe ich genauso wie die Stars.“

          Alt und jung: Der Trainer und sein Team voN Alba Berlin

          Training bei Aito ist auch Denksport. „Bei ihm geht es darum, auf den Gegner zu reagieren“, sagt der Berliner Aufbauspieler Joshiko Saibou. „Er sagt dir, was du tun sollst, dann bricht er den Spielzug ab und fragt: ,Warum hast du dies oder jenes getan?‘ Du antwortest: ,Weil Sie es gesagt haben.‘ ,Aber dein Gegenspieler hat sich anders verhalten‘, sagt dann Aito. Das ist entscheidend, nicht was der Trainer sagt.“

          Drei Spieler sind aus der spanischen Liga nach Berlin gewechselt: der serbische Aufbauspieler Stefan Peno aus Barcelona, der Litauer Marius Grigonis von Champions-League-Sieger Teneriffa und von Meister Valencia der Amerikaner Luke Sikma, Sohn des einstigen NBA-Helden Jack Sikma. „Aito ist ganz entschieden ein Grund dafür, dass ich hier bin“, sagt Sikma. „Ich kenne seine Erfolge und seinen Stil. Seine Erfahrung, seine Geduld, wie er erklärt – man wird besser darin, das Spiel zu lesen, und bleibt frisch im Kopf.“ Mannschaftskapitän Niels Giffey hat festgestellt: „Er ist ein anderer Coach als die anderen. Er hat nicht nur Basketball im Kopf.“ Reneses hat bei Gastspielen mit spanischen Teams in Berlin Museen besucht, hat dort mit seiner Lebensgefährtin Urlaub gemacht und geht in seiner freien Zeit mit einigem Ehrgeiz seinem Hobby nach, der Fotografie. Spieler verblüfft er gelegentlich damit, dass er sich kenntnisreich mit ihnen über die Herkunft ihrer Nachnamen austauscht.

          Rente ist kein Thema für den Siebzigjährigen. 2011 legte er zwar eine Pause von einem Jahr ein, doch er nutzte sie zur Weiterbildung, unter andren bei den San Antonio Spurs in der NBA, wo er in deren Trainer Gregg Popovich einen Gesprächspartner auf Augenhöhe fand. „Er hat eine ganz große Ruhe und absolute Klarheit“, sagt Baldi über Reneses. „Er hat seinen Weg gefunden, und zugleich hält er mit der Entwicklung Schritt und antizipiert sie.“

          Doch mit der Weiterentwicklung ist das so ein Ding. „Wir hatten so viele Probleme in der Vorbereitung, dass es praktisch nicht möglich war, eine Mannschaft zu bauen“, klagt Reneses. „Jetzt haben wir die Schwierigkeit, Spiele zu spielen statt zu trainieren. Wir können sie nutzen, um uns zu verbessern. Aber der Druck zu gewinnen sorgt dafür, dass wir uns auf Ziele für das nächste Spiel konzentrieren statt für die gesamte Saison.“ Am Sonntag siegten die Berliner mühsam nach Verlängerung 89:80 in Weißenfels. An diesem Mittwoch (20 Uhr) beginnt mit der Partie gegen Partizan Belgrad der Euro-Cup. Vor zwei Jahren erreichte er in dem Wettbewerb mit Gran Canaria das Endspiel.

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