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Basketball-Talent Mattisseck : Aus Niederlagen lernen

Hoch hinaus: Jonas Mattisseck bestreitet jedes Spiel für Alba, als wäre es sein letztes. Bild: dpa

Der 19 Jahre alte Berliner Jonas Mattisseck sammelt in der Basketball-EuroLeague gegen die abgeklärten Stars der Branche schmerzhafte, aber auch wertvolle Erfahrungen. Daraus will er lernen für das Spiel bei Real Madrid.

          3 Min.

          Eine Lehrstunde, das sagt sich so leicht im Sport. Dienstagnacht ärgerten sich die Profis von Alba Berlin darüber, dass sie nicht mehr aus ihren Chancen gegen Armani Mailand im Heimspiel der Basketball-EuroLeague gemacht hatten als ein 78:81, ihre vierte Niederlage im fünften Spiel des Wettbewerbs. Mit dem Spiel bei Real am Freitag (21.00 Uhr bei Magenta TV) steht die fünfte bevor.

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          „Man kann daraus nur lernen“, tröstete sich der Berliner Flügelspieler Luke Sikma über die knappe Niederlage gegen das Team um den Spanier Sergio Rodriguez (17 Punkte, 4 Assists) und den Argentinier Luis Scola (14 Punkte, 6 Rebounds, 3 Assists) hinweg, Welt- und Europameister sowie EuroLeague-Gewinner mit Real Madrid und ZSKA Moskau der eine, Olympiasieger, Weltmeisterschafts-Finalist mit 39 Jahren der andere. „Ein Sieg in Madrid wäre wirklich viel verlangt. Das ist das Harte an dieser Saison: Wir haben uns in den vergangenen Jahren ans Gewinnen gewöhnt, und dieses Jahr ist es nicht so leicht damit.“

          Vor allem, wenn man nur neun von 28 Würfen aus der Nahdistanz trifft (32,1 Prozent) und 14 von 37 Dreier (37,8) wie in dieser Partie. Alba-Manager Marco Baldi lobte die weniger fahrige italienische Millionen-Truppe so: „Es ist eine Qualität, wenn man im heißesten Moment den abgeklärtesten Basketball spielen kann.“ Als antwortete er darauf, konstatierte der jüngste Spieler der Partie, der Berliner Jonas Mattisseck, zum Thema Abgeklärtheit: „Das kommt mit der Zeit und mit der Erfahrung.“

          Basketball-Lehre nach dem Abi

          Der Neunzehnjährige hat im Sommer seine Schulzeit beendet und, statt mit seinem Einser-Abitur an die Hochschule zu gehen, eine vierjährige Lehrzeit in der Bundesliga begonnen. Und plötzlich ist er in der ersten Klasse Europas am Ball.

          „Es war unglaublich, gegen Rodriguez und Scola zu spielen. Das sind Basketball-Legenden. Scola ist schon länger Profi, als ich alt bin“, sagte Mattisseck nach dem Spiel. „Bei der Weltmeisterschaft im Sommer habe ich gesehen, wie gut er spielt, und plötzlich spiele ich gegen ihn. Das ist beeindruckend.“ Schon im vergangenen Jahr hatte der Berliner Trainer Aito Reneses den 1,95 Meter langen Abiturienten Mattisseck im Pokal, in der Liga und im Euro-Cup eingesetzt. Als nun mal Aufbauspieler Peyton Siva (am Dienstag 20 Punkte, 2 Assists), mal Aufbauspieler Martin Hermannsson (7/5) verletzt ausfiel, setzte er den Jungprofi wie selbstverständlich in der EuroLeague ein, sogar in der ersten Fünf. „Ich lerne Übersicht und Ruhe auf höchstem Niveau von den besten Spielern Europas“, sagt Mattisseck. „Besser geht‘s nicht.“

          Zwei Mal triumphierte Mattisseck in den siebeneinhalb Minuten, die er im Spiel gegen Mailand mittat. Einmal passte er an Rodrigues vorbei unter den gegnerischen Korb auf Sikma, und der traf zum 63:69. Und einmal provozierte er mit harter Verteidigung einen Ballverlust des Spaniers; da riss er, anders als bei seinen Treffern (4 Punkte), beide Fäuste hoch. Vorbilder habe er nicht, hatte Mattisseck wenige Wochen zuvor gesagt; wenn es aber einen Aufbauspieler gebe, von dem er sich abschauen wolle, wie man, selbst ohne zu punkten, ein Team führe und ein Spiel lenke, dann sei das Rodriguez.

          Die Geste zeigt, wie Mattisseck Schritt für Schritt ins Spiel findet und wie gut seine Entscheidung war, sich für den Ausbildungsbetrieb Alba Berlin zu entscheiden. Gerade anderthalb Jahre ist es her, dass die von Mattisseck angeführte Jungen-Nationalmannschaft das Albert-Schweitzer-Turnier in Mannheim gewann, die inoffizielle U18-Weltmeisterschaft. Der Berliner wurde als bester Spieler des Turniers ausgezeichnet, ebenso als Bester der Nachwuchs-Bundesliga, die er mit Alba gewann. Seinem Klub tut es gut, das Talent gehalten zu haben; der zwei Jahre jüngere Franz Wagner, der ebenfalls eine großartige Perspektive im nationalen und internationalen Wettbewerb hatte, ist im Sommer seinem Bruder Moritz nach Amerika gefolgt, an die University of Michigan. „Es ist etwas sehr, sehr Besonderes, als Berliner für Alba zu spielen“, sagt Mattisseck, in Tempelhof aufgewachsen und auf dem Sprung in die eigene Wohnung in Prenzlauer Berg. „Ich kriege das direkte Feedback von den Fans, von der Stadt.“

          Wie ein Profi aus Teilerfolgen Selbstbewusstsein zieht, demonstrierte Mattisseck nach der Niederlage gegen die Mailänder. „Wir müssen uns Kredit geben dafür, dass wir ein sehr gutes EuroLeague-Team am Rande der Niederlage hatten“, sagte er. „Wenn wir von Spiel zu Spiel lernen, fangen wir in der Rückrunde an, das aufzuholen, was wir jetzt verlieren.“ Selbstverständlich ist für ihn, dass er mit Alba um die deutsche Meisterschaft spielt. Am Sonntag, weniger als 48 Stunden nach dem Spiel bei Real Madrid, steht das Duell mit Ratiopharm Ulm an.

          Muss man bei einem solchen Spielplan, bei einer absehbaren Belastung von gut achtzig Spielen in der Saison, nicht den Einsatz kalkulieren und mit den Kräften haushalten? Nicht bei Alba Berlin; da ersetzen Intensität und Tempo die Abgeklärtheit großer Stars. Mattisseck sagt es so: „Ich spiele jedes Spiel, als wäre es mein letztes.“

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