https://www.faz.net/-gtl-9jvbv

Alba Berlins Jonas Mattisseck : Immer wenn er schulfrei hat

Jonas Mattisseck (2.v.l., hier mit Akeem Vargas, Peyton Siva und Tim Schneider), einer von Alba Berlins starken Nachwuchsleuten. Bild: dpa

Jonas Mattisseck ragt im Berliner Talente-Biotop heraus: Im April stehen seine Abi-Klausuren an, schon an diesem Sonntag die Reifeprüfung unterm Korb – Alba braucht ihn im Pokalfinale bei Brose Bamberg.

          Jonas Mattisseck spielt am besten, wenn er schulfrei hat. Als Alba Berlin den deutschen Basketball-Meister und Pokalsieger Bayern München in dessen Halle aus dem Pokalwettbewerb warf, trug der Abiturient fünf Treffer aus der Distanz und damit 15 Punkte dazu bei; es war Sonntag, und der nächste Tag war Heiligabend. Erst sechs Wochen später durfte Mattisseck, da war er gerade 19 Jahre alt geworden, wieder als Aufbauspieler die Profi-Truppe führen. Beim 97:74 von Alba über Partisan Belgrad im Eurocup erzielte er zehn Punkte und gab sechs Pässe, die zu Treffern führten. Das war am zweiten Tag der Winterferien.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          „Ich bin noch in der Schule“, sagt Mattisseck. „Da habe ich noch eine Pflicht zu erfüllen.“ Im April stehen die Klausuren in Mathe und Englisch, in Sport und politischer Wissenschaft an. Spielt er nicht bei den Profis, führt der junge Mann das Farmteam von Alba, Lok Bernau in der ProB. Eine seiner vielen Auszeichnungen ist die als wertvollster Spieler des Wettbewerbs. Erst in der nächsten Saison soll Mattisseck Profi werden.

          Schon an diesem Sonntag allerdings könnte Alba den jungen Spieler wieder brauchen. Es geht um den ersten Titel der Saison: im Pokalfinale bei Brose Bamberg. „Gut, dass wir solche Spieler wie Jonas haben“, sagt Coach Aíto Reneses, „wegen seines Spirits.“ Bundestrainer Henrik Rödl hat Mattisseck für die Woche danach nominiert: für die Länderspiele in Israel und in Bamberg gegen Griechenland. In dieser Woche braucht Mattisseck nicht die übliche Entschuldigung von Alba, sondern eine von der Nationalmannschaft.

          Die Berufung von Mattisseck, neben der von Niels Giffey, Joshiko Saibou und Johannes Thiemann, ist auch eine Anerkennung der Berliner Jugend-Bewegung. In sein ohnehin sehr junges Profi-Team hat der Klub sechs Nachwuchsspieler integriert. Mattisseck, der 17 Jahre alte Franz Wagner und der 21 Jahre alte Bennet Hundt spielen mehr oder weniger regelmäßig mit bei den Profis. Im Training sind zudem Kresimir Nikic, Lorenz Brenneke und der zurzeit verletzte Hendrik Drescher dabei; Spielpraxis erwerben sie mit Bernau in der dritten Spielklasse. Darüber hinaus bittet Individualtrainer Carlos Frade regelmäßig zur Verbesserung von Fußarbeit, Koordination sowie Handlungs- und Entscheidungsgeschwindigkeit. „Man kriegt viel Vertrauen“, sagt Franz Wagner, der Bruder von Moritz Wagner, der es übers College zu den Los Angeles Lakers gebracht hat. „Talent sein heißt, dass man die Chance hat, irgendwann oben mitzuspielen. Aber nur wenn man hart an sich arbeitet. Das ist erst mal eine Chance, Wertschätzung.“

          Coach Aíto gilt als Talente-Flüsterer

          „Talent, das ist so ein Wort“, sagt Frade. „Für mich ist es fast eine Beleidigung.“ Es bedeute, führt der Spanier aus, anzunehmen, dass das, was überragende Sportler leisten, ein Geschenk Gottes sei und nicht das Ergebnis intensiver Arbeit. „Man wird nicht einfach so erleuchtet“, sagt Frade. „Selbst wenn Tiger Woods, Lionel Messi, Larry Bird eine außergewöhnliche Gabe haben, zu lernen: Niemand erreicht nur mit Talent die Spitze. Das gibt es in keiner Sportart.“ Vorbei die Zeit, in der sich Nationalspieler Johannes Herber beim Herumsitzen auf der Bank in Berlin als „Poster-Boy einer verlorenen Generation“ fühlte, wie er in seinem Buch „Almost Heaven“ schreibt. Ein Jahrzehnt später verlangt das Reglement von den Bundesliga-Klubs, mindestens sechs deutsche Profis zu beschäftigen. In Berlin wachsen sie in einem besonderen Biotop auf.

          Coach Aíto, 72 Jahre alt und in seiner zweiten Spielzeit in Berlin, gilt als Talente-Flüsterer. Er war es, der in Badalona Ricky Rubio in der spanischen Liga debütieren ließ – mit 14 Jahren. Wie Pau Gasol, Kristaps Porzingis und viele andere gehört Rubio zu den Stars, die ihren Status auch der Förderung durch Aíto verdanken. „Man kann nur hoffen, dass er noch viele Jahre Basketball trainieren wird“, sagt Mattisseck über den Coach. „Weil das ein Geschenk ist für Spieler wie uns.“

          Einen besonderen Blick auf den Nachwuchs hat der 33 Jahre alte Robert Kulawick. In der Bundesliga hatte er einen Ruf als begnadeter Distanz-Schütze. Bei Lok Bernau ist er Kapitän einer Mannschaft mit Spielern, die zehn, fünfzehn Jahre jünger sind als er. „Talente gibt es viele“, sagt er. „Vernunft und die Bereitschaft zu arbeiten unterscheidet diejenigen, die es schaffen, von den anderen.“ Sein Saisonziel sei es, „so viele von ihnen wie möglich nach oben zu bringen“. Weil der Nachwuchs reihum zu Alba gerufen wird, um für Verletzte einzuspringen, reist Bernau schon mal mit acht Spielern statt mit zwölf zu Auswärtsspielen. Dann muss der Senior 40 Minuten durchspielen. Die kurzfristige Verpflichtung des Amerikaners Derrick Walton Jr., um bei Alba den Ausfall von Stefan Peno wettzumachen, nimmt Mattisseck nicht persönlich. „Das ist auf keinen Fall ein Misstrauensvotum. Wir sind noch in drei Wettbewerben unterwegs und haben noch eine Menge Spiele. Ich werde so oder so da sein und alles geben, sei es im Training, auf der Bank oder auf dem Spielfeld.“

          Und wie soll das mit der Schule klappen? „Zeit für Basketball werde ich immer finden“, sagt Mattisseck. „Dafür bin ich auf einer Sportschule.“ Was er verpasst, kann er am Schul- und Leistungssportzentrum in Hohenschönhausen nachholen. Den Abschluss soll Mattisseck auf alle Fälle machen. „Lernen muss jeder“, sagt Coach Aíto. „Ich spreche nicht nur von 19-Jährigen, sondern auch von 72-Jährigen.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Unser Sprinter-Autor: Bastian Benrath

          F.A.Z.-Sprinter : Dunkle Wolken am Sommerhimmel

          In Sachsen beginnt der Prozess im Mordfall Daniel H., und in Paris möchte Boris Johnson weiter Zugeständnisse beim Brexit-Abkommen erwirken. Wie sie dennoch zu einem lockeren Sommertag kommen, steht im F.A.Z.-Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.