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Basketball Top Four : Alba Berlin unter Druck

Dragan Milosavljevic (rechts) und Alba Berlin haben etwas wieder gut zu machen. Bild: Picture-Alliance

In der Liga läuft es für Alba Berlin unter Trainer Caki bislang noch nicht rund. Beim Top Four hat das Team nun die Chance auf einen ersten Titel – und damit ein bisschen Wiedergutmachung.

          „Dies zeigt, in was für einem Tief wir stecken“, sagt Basketballprofi Niels Giffey. Gerade hat Alba Berlin gegen Aufsteiger Jena 18 Punkte Vorsprung verspielt und 73:74 verloren; die fünfte Niederlage hintereinander. Das Publikum pfeift, Spieler sind fassungslos, Betreuer ratlos. Dabei waren die Aussichten noch vor wenigen Wochen so gut gewesen: Pokalsieger Berlin empfängt an diesem Wochenende Bayern München, Brose Bamberg und MHP Ludwigsburg zum Top Four in seiner Arena und hat die Chance, sich mit einem weiteren Erfolg über die Überlegenheit der großen Klubs hinwegzutrösten.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Doch Aufbauspieler Peyton Siva, mit dem die Mannschaft zehn Bundesligaspiele in Folge gewann, ist verletzt. Ohne ihn scheint Alba kopflos. In Malaga und in Bonn verlor das Team sowie zu Hause gegen Valencia, München und Jena. Schon ist von Krise die Rede. „Wir haben in der ersten Halbzeit ein richtig gutes Spiel gemacht“, widerspricht Trainer Ahmet Caki. „Wir haben 44 Punkte erzielt und nur 26 zugelassen.“ Als seine Mannschaft in der zweiten Halbzeit lediglich solide hätte verteidigen sollen, verlor sie die Nerven. „Die Spieler stehen durch die Niederlagen ein bisschen unter Druck“, sagt Caki. Er scheint das zu bedauern. Welch ein Gegensatz zu seinem Vorgänger Sascha Obradovic. Dieser pflegte als Spieler wie als Trainer die Spieler seiner Mannschaft unter Druck zu setzen; die Ausbrüche des vulkangleichen Serben waren manchmal spektakulärer als das Spiel seines Teams. Das ist von Caki nicht zu erwarten. Der Türke tobt nicht und schreit niemanden an.

          Trainer Ahmet Caki

          Dabei hat er wie Obradovic von einem großen serbischen Coach gelernt. Was für Obradovic Svetislav Pesic war, war für Caki der legendäre Duskan Ivkovic; beide Trainer wurden Weltmeister und Europameister. Im Gegensatz zu Obradovic war Caki kein erfolgreicher Spieler, sondern wurde bereits mit 18 Jahren Trainer. Mit 29 wurde er erstmals Chefcoach in der ersten türkischen Liga. Zehn Jahre später, 2014, heuerte er bei Anadolou Efes Istanbul als Assistent von Ivkovic an. Als der Altmeister vor Ablauf der zweiten Saison hinschmiss, führte Caki das Team ins Finale der Meisterschaft. Er habe viel von Ivkovic gelernt, sagt Caki. In jedem Bereich sei Ivkovic ein Anführer, ein Siegertyp, ein großer Organisator. „Er wollte Erfolg“, sagt er, „und alle sollten spüren, dass er der Kopf der Organisation ist.“ Doch er eifert dem übermächtigen Cheftrainer nicht nach: „Ich bin ein anderer Typ.“ Daran muss sich auch sein Klub gewöhnen, in dem Trainer von Pesic über Luka Pavicevic bis Obradovic immer auch das Gravitätszentrum bildeten. Caki, 41 Jahre alt, will sich in Berlin als internationaler Coach beweisen, als Experte, nicht als Patriarch.

          Im Vergleich zu Bamberg und Bayern ist das Berliner Budget klein; der Klub muss mit der zweiten und dritten Garde des europäischen Basketballs vorliebnehmen. „Wenn man es schafft, Talente zu entwickeln und ein Team zusammenzuhalten“, sagt Caki, „kann man genauso viel erreichen wie andere Klubs mit Geld.“ Die Mannschaft, die den besten Geist entwickle, glaubt er, habe am meisten Spaß und den größten Erfolg. Sein Engagement in Berlin begann mit einer Ernüchterung. „Ich hatte mir eine Taktik auf Euro-League-Niveau überlegt“, erzählt er. „Aber als wir das Team beisammenhatten, haben wir Trainer realisiert: Wir müssen einfacher spielen. Wir müssen es mit Energie, mit Intensität und mit Zusammenhalt machen.“ Doch Spaß und Erfolg scheinen für Alba derzeit entrückt. Das Team brauchte bis tief in die Saison, um sich halbwegs einzuspielen; noch im Dezember wechselte Alba Spieler aus.

          Stapelweise liegen Skizzen auf Cakis Schreibtisch: unendlich viele Spielzüge in Angriff und Verteidigung. Er erwarte Selbstlosigkeit von seinen Spielern, sagt Caki, und von der Mannschaft Kontinuität. Leider sei in Deutschland und in Europa praktisch jeder Spieler auf der Durchreise: zum nächstgrößeren Klub, zum nächsthöheren Vertrag. „Im Januar, Februar fangen die Spieler an, über ihren nächsten Vertrag nachzudenken“, klagt er. „Dabei sollte das individuelle Ziel doch auch das Ziel mit dem Team enthalten.“ Jetzt jedenfalls ist Cakis Mannschaft in einer Position, in der sie kaum noch enttäuschen und fast nur noch positiv überraschen kann.

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