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Alba Berlin : „Flying Harnisch“ treibt die Jugendlichen zur Korbjagd

Ran an die Jugendlichen: Alba Berlin will die Zukunft sichern Bild: picture-alliance / dpa

Alba Berlin will seine Führungsrolle im deutschen Basketball sichern: In Kooperation mit Schulen treibt der Klub den Nachwuchs zur Korbjagd. Der Motor der Jugendbewegung ist der ehemalige Nationalspieler Henning Harnisch.

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          Vom Jahr 2020 an werden Berliner das deutsche Basketball dominieren. Der Prognose liegt eine einfache Rechnung zugrunde: An zehn Grundschulen der Stadt beginnen Jahr für Jahr je 25 Kinder mit dem Spiel und trainieren täglich. „Aus 250 Schülern pro Jahrgang müssten fünf Nationalspieler rauskommen“, überschlägt Henning Harnisch so unaufgeregt wie man nur sein kann, wenn man gerade die Weichen für seine Sportart gestellt hat. „Man wird das erst in zehn Jahren sehen.“ In Wirklichkeit hat er schon fast zweitausend junge Menschen mit Basketball ins Spiel gebracht.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          In zehn Jahren wird Harnisch Anfang fünfzig sein. Vielleicht wird man ihn dann nicht mehr als Spieler in Erinnerung haben, der als „Flying Harnisch“ mit Bayer Leverkusen und Alba Berlin neun Mal deutscher Meister und mit der Nationalmannschaft 1993 Europameister wurde. Womöglich wird er derjenige sein, dessen großer Wurf es war, die Ganztagsschule, die weithin als Blockade für die Übungsstunden im Verein wahrgenommen wird, für den Sport aufgeschlossen zu haben.

          „Man kann nicht mehr trennen zwischen Schul- und Vereinssport, wenn die Kinder von acht bis sechzehn Uhr in der Schule sind“, sagt Harnisch. Vor vier Jahren hat er sich daran gemacht, dem Erstliga-Team von Alba Berlin einen Unterbau zu verschaffen. Bis dahin überließ dieser die Jugendarbeit TuS Lichterfelde. Nicht nur in den östlichen Stadtteilen, wo die Streichung von Basketball aus der staatlichen Förderung des DDR-Sports bis heute nachwirkt, auch in den westlichen Innenstadtbezirken ist die Sportart unterrepräsentiert.

          Flying Harnisch: Einst Basketballspieler, heute Nachwuchsförderer

          Mit Sport in der Großstadt aufwachsen

          Harnisch ging seine Aufgabe mit einer Leidenschaft an, die an seinen sportlichen Ehrgeiz erinnert, und mit einer Hartnäckigkeit, die Alba-Manager Marco Baldi als „Radikalität“ beschreibt. So zielt er viel weiter, als Talentscouts denken. Harnisch überzeugte die Berliner Politik davon, Alba eine marode Schulturnhalle am Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg zu verpachten. Der Verein steckte mehr als 300.000 Euro in die Sanierung. Jetzt steht sie Kindertagesstätten und einer Grundschule zur Verfügung, bis in die Nacht trainiert der Nachwuchs von Alba dort. Der Andrang ist so groß, dass Alba bereits die Rettung einer zweiten vom Abriss bedrohten Halle angeht, diesmal in Berlin-Mitte.

          Allein an dreißig Schulen in der Nachbarschaft von Alba sind Basketball-Arbeitsgemeinschaften für mehr als tausend Kinder und Jugendliche entstanden. Genauso viele Schulen hat Alba im Land Brandenburg gewonnen. Der Klub schickt ihnen Trainer, die mit dem Sportlehrer zusammenarbeiten. Im Verein trainieren mehr als vierhundert Kinder und Jugendliche. Selbst eine Grundschul-Liga gibt es in Berlin, an Werktagen vormittags.
          Wollte der Verein allein Kandidaten für Bundesliga und Nationalmannschaft finden, wäre das alles ein bisschen viel Aufwand. Doch Harnisch geht es um die Möglichkeit, in der Großstadt mit Sport aufwachsen zu können.

          Mit dem Kugelschreiber zeichnet er eine Pyramide, das Symbol des Leistungssports, an dessen Spitze es immer enger wird. „Eigentlich ist das System unsozial“, sagt er und stellt eine zweite Pyramide auf den Kopf. Sie symbolisiert die Aufgabe, auch diejenigen im Sport zu halten, die es nicht bis ganz oben schaffen. Harnisch sagt es nicht. Aber er kämpft um das Menschenrecht auf Bewegung.

          Eltern dachten: „Aha, Kaderschmiede!“

          Deshalb auch eröffnet er jungen Trainern eine berufliche Perspektive. An zehn Grundschulen ist das Nachwuchsprojekt von der AG in die nächste Stufe eingetreten. Dort gibt es täglich mindestens eine Sportstunde. „Wir bieten den Rahmen, Alba liefert den Inhalt“, erklärt der Sport- und Mathelehrer Michael Reich von der Spartacus-Grundschule in Friedrichshain. Drei Mal in der Woche kommt ein Trainer in diese sportbetonten Klassen. Alba hat bereits acht von ihnen fest angestellt für diese Aufgabe. Ohne den Job, sagt Harnisch, wären sie dem Sport verloren gegangen.

          „Aha, haben einige Eltern gedacht: Kaderschmiede!“ erzählt die Sportlehrerin Brit Kroll, die mit der Grundschule am Kollwitzplatz an dem Projekt teilnimmt. Schnell hätten sie sich davon überzeugen lassen, dass es um Sport und Spiel geht, Ziele, die ohnehin im Lehrplan stehen. Im nächsten Schuljahr erwartet die Sportlehrerin einen Ansturm auf die neue sportbetonte Klasse.
          Mit hohem Andrang auf ihre sportbetonte Klasse hat die Spartacusschule Erfahrung. Doch anders als zu Zeiten von Kaderschmieden ist auch hier nicht der Spitzensport Ziel des Sportunterrichts, sondern Sport als Lebensart. „Ich wäre froh, wenn sie alle ihr Leben lang Sport trieben“, sagt Lehrer Reich. „Ich würde mir wünschen, dass die Zukunft des Kinder- und Jugendsports so aussieht wie dies hier.“ Trotzdem beharrt Harnisch darauf: „Was wir tun, hat nichts Visionäres. Das ist einfach durchdachte Praxis.“ Mit dreißig beendete er sein Leben als Basketballprofi und studierte Film- und Kulturwissenschaft. Sport versteht er als kulturelle Errungenschaft, Mannschaftssport schon gar. „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“, sagt er. Das ist von Schiller.

          Auch Volleyball oder Fußball sollen in die Offensive gehen

          Eine halbe Million Euro pro Jahr lässt sich Alba seine Nachwuchsarbeit von der Nachwuchs-Bundesliga bis zu den Drittklässlern in Prenzlauer Berg kosten. „Das geht zu Lasten unserer aktuellen Wettbewerbsfähigkeit“, sagt Manager Marco Baldi. „Aber unsere gesellschaftliche Verankerung ist wichtiger als ein größerer und besserer Kader.“ Selbstverständlich profitiert auch der Verein davon, der früher aus kaum mehr als seinem Profiteam bestand.

          Die Integration von Schul- und Vereinssport, wie sie Alba, Schulen und Senat vereinbart haben, zeigt die Defizite und Grenzen von Politik und organisiertem Sport in der sich wandelnden Zivilgesellschaft auf. Angestellte Trainer ersetzen Übungsleiter, feste Stellen das Ehrenamt. Die Fortsetzung des Programms von den siebten Klassen an aufwärts ist die nächste Aufgabe, die sich Harnisch vorgenommen hat. Die Verkürzung der Schulzeit auf zwölf Jahre bis zum Abitur erschwert das. „Die Schüler sind voll“, sagt Harnisch über den komprimierten Lehrplan und Tagesablauf. „Aber wir wollen die Möglichkeit schaffen, dass unsere Grundschüler auch weiterführende Schulen mit Alba-Programm finden können.“

          Harnisch erlebt, dass gerade die Profiklubs über die Zukunft des Sports nachdenken, nicht die Verbände. Von den unternehmerisch geprägten Vereinen nicht nur im Basketball, sondern auch im Handball, im Volleyball und im Fußball erwartet er, dass sie mit ihm in die Offensive gehen. Einerseits würden ihre Teams und ihre Nationalmannschaften davon profitieren. Andererseits würden sie etwas geben, das Harnisch so beschreibt: „Das Glück, spielen zu dürfen, ist keine Selbstverständlichkeit.“

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