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Boxen ohne Schutz : Damit der Kopf keine Waffe mehr ist

  • -Aktualisiert am

Die Verletzungen bleiben oberflächlich: Zwei Boxer duellieren sich bei der WM in Qatar Bild: AP

Zurück zum Athleten mit Gesicht: Bei Olympia in Rio sollen die Boxer ohne Helm in den Ring steigen. Der Kopfschutz vermittle nur eine trügerische Sicherheit, sagen Mediziner – das habe die gerade beendete WM bewiesen.

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          „Heads up“, also Köpfe hoch, lautet die neuerdings immer dringlichere Aufforderung an die Boxelite der Amateure. Deren Funktionäre legen sich nämlich mächtig ins Zeug, seitdem die Wiedereinführung des Kopfschutzes droht. Bei den Weltmeisterschaften in Qatar, die am Donnerstag beendet wurden, saßen die Gutachter vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) mit am Ring in Doha, um sich ein Bild zu machen. Auf Betreiben des IOC war das Tragen eines Kopfschutzes seit den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles obligatorisch. In London wurde noch mit Helm geboxt - und in Rio de Janeiro?

          Ohne, so die Beschlusslage. Die Statistiken des Fachverbandes Aiba nach Auswertungen von 15.000 Runden belegten zwar einen signifikanten Rückgang der Augenbrauenverletzungen dank des Helms, aber eine Vielzahl von Gehirnerschütterungen. Ohne Helm reduziere sie sich, so die Recherche der Medizinischen Kommission der Aiba, um 43 Prozent. Wie das Phänomen zu deuten ist? Der Amerikaner Charles Butler, Vorsitzender der Kommission, erklärt es mit der Bereitschaft der Athleten, mit Kopfschutz mehr Risiken einzugehen als ohne.

          Der Kopf als Waffe

          Der Schutz vermittle eine trügerische Sicherheit. Außerdem schränke er das Sichtfeld ein, vergrößere das Ziel für den Angreifer und erschwere es dem Ringrichter, auf Anhieb Verletzungen im Gesicht zu erkennen. Nicht konsequent genug wurde zudem der Regelverstoß geahndet, den Kopf als Waffe einzusetzen. Genügend Gründe für die Aiba, im März 2013 den Verzicht auf den Kopfschutz zu beschließen. Der für die Vermarktung genehme Effekt: Der Athlet, Jahrzehnte ein Anonymus, bekam wieder ein Gesicht.

          Alles schön und gut, wenn da nicht die Macht der Gewohnheit wäre. Man boxte weiter mit dem Kopf voran, suchte viel zu oft den Infight. Bei der WM 2013 in Almaty, der ersten ohne Kopfschutz, zählten die Mediziner 43 Verletzungen im Gesicht. Fast alle Folgen von Kopfstößen. Meist Lappalien wie Cuts, Schrammen im Vergleich zu Gehirnerschütterungen, aber sie lieferten jene blutigen Bilder, die das IOC nicht auf den Fernsehschirmen sehen will.

          Die Aiba reagierte mit Regeländerungen, die unmittelbar vor der WM beschlossen wurden: Kopfstöße werden nach einer mündlichen Ermahnung mit einer Verwarnung und einem Punktabzug bestraft. Führt ein Kopfstoß zu einem Cut und zum Abbruch des Kampfes, wird der Verursacher disqualifiziert. Kann der Boxer mit dem Cut den Kampf fortsetzen, bekommt der Verursacher eine Verwarnung und zwei Punkte abgezogen. Dementsprechend vergattert und auf der Hut, zählten Beobachter in Doha nur vier Sündenfälle mit Verletzungsfolge, die entsprechend sanktioniert wurden. Bei 257 Boxern aus 74 Nationen ein souveräner Punktsieg für die Initiative „Heads up“.

          Harry Kappell, seit einem Jahr der Leitende Bundestrainer des Deutschen Box-Verbandes (DBV), atmete nach der WM erleichtert durch, denn auch er will kein Comeback des Kopfschutzes. Der promovierte Sportwissenschaftler aus Wismar musste allerdings mitansehen, dass sich das Trio des DBV in Doha mit Hamza Touba, Roman Fress und Florian Schulz bei diesem Turnier nicht für Rio qualifizieren konnte. Die drei werden wie andere Kaderboxer auch nachsitzen müssen. Ein bisschen mehr als das Viertelfinale hätte es in Doha mit Blick auf die Zielvereinbarung mit dem Deutschen Olympischen Sportbund für Rio (drei Medaillen) schon sein dürfen. Bisher haben erst Artem Harutyunyan und Erik Pfeifer ihren Startplatz für Olympia 2016 sicher.

          „Ernüchternde Ergebnisse“

          Am Schauplatz der letzten Handball-WM mit Logen vom Feinsten, aber Lücken auf den Zuschauerrängen, die durch geschickte Verdunklung kaschiert wurden, waren es Kubaner, Russen, Usbeken und Aserbaidschaner, die dominierten. „Für gestandene europäische Boxnationen wie Bulgarien, Italien, Polen, Spanien und Deutschland fielen die Ergebnisse ernüchternd aus“, lautete das Fazit Kappells nach den Tagen von Doha. Die deutsche Delegation konnte immerhin einen Triumph mit Langzeitwirkung verzeichnen. Hamburg setzte sich mit seiner Bewerbung als Gastgeber der nächsten Box-Weltmeisterschaften gegen die monetären Superschwergewichte Taschkent und Sotschi durch.

          Die Faustkämpfer zieht es mehrheitlich gen Westen. Bei den bisherigen Welttitelkämpfen der Amateure auf deutschem Boden wurde schon ohne Kopfschutz (München 1982) und mit Kopfschutz (Berlin 1995) geboxt. 2017 in Hamburg wieder ohne, wenn das „Heads up“-Kommando von Aiba-Präsident und IOC-Mitglied Ching-Kuo Wu auf Dauer Wirkung zeigt. Für Frauen, Kinder und Jugendliche bleibt der Kopfschutz wie gehabt. Irgendwas muss wohl doch dran sein am Kopfschutz für den Kopf.

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