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Agassis Open : Das Drama eines begabten Kindes

Ein Mann mit einer dunklen und geheimen Leidenschaft: Andre Agassi Bild: dpa

Diesen Freitag stellt Andre Agassi sein Buch „Open“ in Berlin vor. Die Autobiografie liest sich nicht nur wie das Drama eines begabten Kindes, sondern auch wie eine Mahnung an Talente und ihre Eltern.

          3 Min.

          In den vergangenen Wochen hat Andre Agassi so viele Interviews zu seiner Autobiographie gegeben, dass man alles über sein Leben zu wissen meint: dass er Metamphetamin konsumiert hat, als er 1997 unter sportlichen und privaten Problemen litt. Dass er kurz darauf die Spielerorganisation ATP nach einem positiven Dopingtest belogen hat. Dass seine Löwenmähne nicht echt war. Dass er Boris Becker ziemlich unsympathisch und Pete Sampras eher langweilig findet. Sogar dass er den natürlichen Duft seiner Frau Stefanie Graf zu schätzen weiß, meinte Agassi der Welt mitteilen zu müssen.

          Thomas Klemm
          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Eine Frage hat der Amerikaner auf seiner internationalen Interview-Tour d'horizon, die sich an diesem Freitag in Berlin fortsetzt, aber nicht hinreichend beantwortet: Wenn Agassi seinen Sport mit einer derartigen „dunklen und geheimen Leidenschaft“ gehasst hat, wie er behauptet, wie hat er dann zwei Jahrzehnte als Tennisprofi durchhalten können? Warum hat Agassi zu einem frühen Zeitpunkt, als er noch nicht von seiner deutschen Frau angespornt wurde und spielend für seine Stiftung und seine Schule werben musste, nicht einfach den Tennisschläger in die Ecke geschmissen? Warum hat er sich und seinen kaputten Rücken so lange gequält, bis er nach seinem 870. und letzten Matchgewinn auf der Profitour reglos vor Schmerzen in der Umkleide des New Yorker Tennisstadions lag und kaum noch atmen konnte?

          Vage Antworten, wie sie im Buche stehen, lauten so: Stets sei er „auf merkwürdige Weise getrieben weiterzumachen“. Oder: „Ich brauche den Schmerz, den nur Tennis mir geben kann.“ Eine andere Beschreibung ist ebenso allgemein: Das Tennisleben, behauptet der nun 39 Jahre alte Privatier im Rückblick, sei wie „ein reißender, erregender, grauenhafter, überraschender Strudel“. Jedes Wort deutet darauf hin, dass Agassi in seiner Karriere fremdbestimmt wurde, gelenkt von einer unheimlichen Macht, die nichts mit Eigenmotivation zu tun hat. Erst im Nachhinein hat Agassi den wahren Grund für sein Gefühl des Ausgeliefertseins erkannt. „Mit der Zeit habe ich meinen Vater verinnerlicht - seine Ungeduld, seinen Perfektionismus, seine Wut -, bis seine Stimme klingt, als wäre sie meine eigene“, lautet einer der zentralen Sätze im Buch „Open“.

          „Wie ein reißender, erregender, grauenhafter, überraschender Strudel”: Agassi über Tennis
          „Wie ein reißender, erregender, grauenhafter, überraschender Strudel”: Agassi über Tennis : Bild: REUTERS

          Die Tragik, mit den Bedürfnissen seiner Bezugsperson zu verschmelzen und von alleine zu leisten, was der andere von ihm erwartet, hat Agassi erst in den vielen Gesprächen mit seinem Biographen J.R. Moehringer herausgefunden. Sein Vater Mike, „ein Narziss“, habe geglaubt, „dass das Leben seines Sohnes ihm gehört“. Schon vor Andres Geburt hatte der Vater verkündet, dass der Filius Tennisprofi würde; danach hängte er dem Säugling ein Mobile aus Tennisbällen über die Wiege. Als Andre laufen konnte, musste er im Training täglich 2500 Bälle schlagen - also knapp eine Million pro Jahr.

          „Open“ erscheint weniger als ein Buch über den Tennissport und einen seiner erfolgreichsten Vertreter, sondern vielmehr wie ein Roman einer versuchten Selbstverwirklichung, die viele Jahre zum Scheitern verurteilt war. Insofern trifft der deutsche Untertitel „Das Selbstporträt“ nur eingeschränkt zu, weil Agassi nach eigener Darstellung erst spät ein „Selbst“ entwickeln konnte. „Wen interessiert schon, was ich will?“, fragt er an einer Stelle. Die Antwort: nicht mal ihn selbst. Der von Agassi als Autor ausgewählte Pulitzer-Preisträger Moehringer hat die Entwicklungsgeschichte so umgesetzt, dass sie wie ein langes Bekenntnis anmutet, das auf Erlösung zielt. Das Buch wirkt wie von der Seele geschrieben; darum wird nach der Lektüre verständlich, warum Agassi über die öffentliche Kritik nach seiner vorab geäußerten Drogenbeichte schockiert war, wo er doch eigentlich „Mitgefühl“ erwartet hätte.

          Viele andere Talente dieser Welt teilen das gleiche Los

          Das Beklemmende an Agassis Offenbarungen ist, dass sie zwar ein Einzelschicksal beschreiben, aber viele andere Talente dieser Welt das gleiche Los haben teilen müssen oder noch teilen. Auch sie erhalten nicht die Möglichkeit, ihre eigenen Bedürfnisse zu entwickeln, weil übermäßig ehrgeizige Eltern ihren Nachwuchs auf Erfolg trimmen.

          Was jene Kinder zu erwarten haben, die seit Jahren vor allem aus Osteuropa in amerikanische Drillcamps geschickt werden, hat Agassi drastisch beschrieben: Seine Kindheit auf dem Tennisplatz nennt er „Isolationshaft“, die Zeit im Bollettieri-Camp, in der Pöbeleien und Schlägereien unter konkurrierenden Schülern an der Tagesordnung waren, bezeichnet er als „Folterkammer“. Wer unter solchen Umständen groß wird, kann sich später auch nicht wirklich über Erfolge freuen. Sowohl nach seinem ersten Grand-Slam-Turniersieg 1992 in Wimbledon wie auch nach dem Sprung an die Spitze der Weltrangliste 1995 hat Agassi nichts anderes empfunden als innere Leere.

          Eine Mahnung an Eltern hochbegabter Kinder

          Um mit dem extremen Stress umzugehen, hat der Amerikaner zwei Verhaltensweisen für sich entdeckt. Zum einen spielt er - im Wortsinne - mit dem Feuer, indem er heimlich Gegenstände wie Kleidung oder Schuhe anzündet; zum anderen flüchtet er sich in Selbstgespräche. Eine seiner frühesten Phantasien ist es, mit dem Tennis aufzuhören. Aber er schafft es nicht, aus Angst vor seinem gewaltbereiten Vater und weil sich selbst etwas in ihm sträubt - „irgendein unsichtbarer Muskel“. Dass ihm dieser Muskel vom Vater antrainiert wurde, ahnt Agassi erst, als er schon verheiratet ist.

          Agassi wird diese Opferrolle erst los, als er sich auf ein geordnetes Umfeld verlassen kann: auf seinen Bruder Philly, seinen Fitnesstrainer Gil Reyes, seinen Jugendfreund und langjährigen Manager Perry Rogers und seine Frau Steffi Graf. Auch Trainer Brad Gilbert gehört zu den Vertrauten. Agassi müsse seinen Hass aufs Tennis respektieren, rät ihm Gilbert, „und dich selbst auch“. Agassis Autobiografie liest sich nicht nur wie das Drama eines begabten Kindes, sondern auch wie eine Mahnung an junge Talente und ihre Eltern.

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