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Afrikas Läufer : Mit dualer Karriere neuer Sprit im Tank

Die Kenianerin Valary Jemeli Aiyabei gewann 2019 den Marathon in Frankfurt. Bild: dpa

Die Corona-Krise und die abgesagten Marathons belasten die Läufer aus Ostafrika. Für sie waren die Preisgelder häufig die einzige Einnahmequelle. Eine Stiftung will nun andere Verdienste ermöglichen.

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          Wer kennt sie nicht, die Geschichte vom kenianischen Marathonläufer, der heimkehrt von einem großen Lauf in Europa, umjubelt und mit üppigem Preisgeld in den Taschen, und auf dem Weg zum elterlichen Hof macht er einen Abstecher zum Autohändler mit den dicksten Autos der Region. Auf breiten Reifen und im Glanz des teuersten Neuwagens weit und breit präsentiert er sich stolz Familie, Nachbarn und Jugendfreunden zum Beweis dafür, dass jahrelanges tägliches Training, wenn man es nur entschlossen genug betreibt, zu Ruhm und Wohlstand führt.

          Vielleicht reicht es noch zu ein paar Runden mit Ehrengästen und ihren Kindern auf dem Rücksitz, vielleicht zu einem Abstecher in den Nachbarort. Doch unweigerlich kommt der Moment, an dem die hochgezüchtete Maschine stottert und erstirbt. Der Sprit ist alle. Zur Belustigung der Zeugen und zur abgrundtiefen Peinlichkeit des Betroffenen muss dieser feststellen: Das war’s. Er hat nicht bedacht, dass, wenn das ganze Geld im Auto steckt, nichts mehr für die Tankfüllung übrig ist.

          Langlauf ist eine Art Industriezweig in Ostafrika, aus Kenia und Äthiopien kommen die Besten der Besten und ihr zahlreiches, drängendes Fußvolk. Die Bedrohung durch die Covid-19-Pandemie hat sie um Startmöglichkeiten und Perspektiven gebracht. Die großen Marathons von New York und Boston, Berlin und London ebenso auch wie die City-Läufe der unzähligen Klein- und Mittelstädte waren ihre Zahltage. Sie fallen aus, wie so viele andere Veranstaltungen. Tausende von Profis haben ihre Lebensgrundlage verloren. Hunderte, vielleicht Tausende von Schulabgängern in Afrika, deren sportliche Leistungen ihnen Stipendien an amerikanischen Hochschulen verschafft hatten, dürfen nicht reisen. Auch ihre Zukunft verdüstert sich.

          Duale Karriere

          In der Not treten die Kipchoge-Keino-Stiftung und der Hauptsponsor des Nairobi-Marathons auf den Plan. Es reiche nicht, kenianische Läuferinnen und Läufer allein mit Essenspaketen zu unterstützen, realisieren der einstige Läufer und findige Unternehmer sowie die weltweit aktive Standard Chartered Bank. Seit März unterliegen kenianische Athleten einem Reise- wie Startverbot und verlieren über Prämien hinaus ihre Motivation fürs Training und ihre Perspektive fürs Leben. Umgerechnet 120.000 Euro stehen nun dafür bereit, mit Kursen das wirtschaftliche Analphabetentum von fünfhundert Sportlerinnen und Sportlern zu beenden. Sie sollen, wie der inzwischen achtzig Jahre alte Keino bei der symbolischen Scheckübergabe sagte, dabei helfen, ihre Qualifikation für den Lebensunterhalt zu diversifizieren und ihre Einkommensmöglichkeit zu verbreitern.

          Die Chance, das kleine Einmaleins von Investition, Schuldenmanagement und Rücklage zu lernen, ist die Aufforderung, sich für einen Broterwerb über das Laufen hinaus fit zu machen. Bei der Stiftung Deutsche Sporthilfe, die Sportlerinnen und Sportlern ebenfalls eine Ausbildung neben der sportlichen Laufbahn nahebringt, nennt sich dies: duale Karriere. Sie sorgt dafür, dass es immer für einen Schluck Sprit im Tank reicht, unabhängig vom sportlichen Erfolg oder Misserfolg. Und vom Virus.

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

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