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Hengst Casall : Abschied vom sportlichen Papa

  • -Aktualisiert am

Schluss: Bengtsson und Casall. Bild: Imago

Der Hengst Casall hat beim Hamburger Derby-Turnier seinen letzten Auftritt. Er ist einer der absoluten Top-Verdienern der Branche – und gewinnt auch zum Abschied noch einmal die Siegprämie.

          Wo der Holsteiner Hengst Casall auch hingefahren wird: er trifft überall Verwandte. Ob er das merkt? Wohl eher nicht. Aber Pferdezuchtexperten machen erstaunte Gesichter. Besonders in der höchstdotierten Springserie der Welt, der Global Champions Tour, tummeln sich seine Nachkommen. Bei der Etappe im vergangenen Jahr in Monte Carlo traten gleich vier seiner Kinder gegen den sportlichen Papa an. Auf der Station in Rom auch vier – drei davon erreichten mit ihm sogar das Stechen. Finalsieger am Ende der Saison war trotzdem keiner aus der munteren Kinderschar – sondern Casall mit seinem schwedischen Reiter Rolf-Göran Bengtsson.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Der Alte machte den Nachkommen immer noch was vor, wenn es darauf ankam. Aber das wird sich nun bald ändern. Casall, der sowohl im Sport als auch im Vererbungsgeschäft überaus erfolgreiche Holsteiner Zuchthengst, ist jetzt achtzehn Jahre alt. An diesem Samstag war der schöne Braune noch einmal in einem der schweren Springen der Tour am Start, in Hamburg-Klein-Flottbek im Rahmen des Springderbys – und gewann. Im Stechen setzte er sich klar durch. Mit null Strafpunkten in 42,69 Sekunden lag er fast zweieinhalb Sekunden vor dem ebenfalls fehlerfreien Harrie Smolders mit Don. Dritter wurde Christian Ahlmann auf Epleaser van't Heike. Anschließend wurde Casall bei einer tränenreichen Verabschiedungszeremonie noch einmal gefeiert. Und dann war es das für ihn mit den Parcours.

          Fit und frisch verlässt Casall den Sport. Er ist ein muskulöser, imponierender Athlet. So, wie man sich einen Holsteiner vorstellt, bei denen das Springtalent zu den Grundvoraussetzungen gehört. Sehr frisch sogar, wie der Reiter lächelnd sagt. „Erst heute Morgen ist ein Vögelchen aus der Hecke gehüpft. Und schon hat er einen Satz zur Seite gemacht.“ Diese Wachheit und Vorsicht haben dem Schweden zu Beginn der Zusammenarbeit Probleme bereitet. „Wenn er etwas Gefährliches gesehen hat, ist er sofort umgedreht und davongerannt“, sagt Bengtsson.

          Die Geduld, das Bemühen, dem jungen Pferd Sicherheit und Vertrauen zu geben, haben sich mehr als gelohnt. Die Wachheit und geistige Frische sind Bengtssons Meinung nach der Grund dafür, dass Casall sich auch in der Spätphase seiner Karriere im Spitzensport noch durchsetzen konnte. Mehr als 4,2 Millionen Euro Preisgeld hat er gewonnen, womit er zu den absoluten Top-Verdienern der Branche gehört. in Hamburg kamen noch einmal 99.000 Euro dazu. Bengtsson erhielt allerdings nur einen kleinen Teil davon, und auch Casalls Besitzer, der Holsteiner Verband, wurde nicht reich durch die Erfolge. Casall wurde an einen Sponsor, das dänische Gestüt Ask, vermietet. Dort also klingelte die Kasse.

          „Clarimo kann nicht allein um die Welt fahren“

          Bengtsson, ein sehr ruhiger Schwede, macht nicht viel Worte um all die Geschichten. Seit langem hält er sich mit verschiedenen Pferden im großen Sport, mit Ninja war er 2011 Europameister, er gewann zwei olympische Silbermedaillen. Mit Casall erreichte er 2014 in Caen das Weltmeisterschafts-Finale mit Pferdewechsel, das allerdings unerfreulich für ihn endete. Dieser Modus, der damals zum letzten Mal galt, sah vor, dass am finalen Wettkampftag die vier besten Reiter noch einmal gegeneinander antreten und im Ringtausch ihre Pferde über einen Parcours reiten.

          Casall bewies bei dieser Gelegenheit wenig Teamgeist. Seinem eigenen Reiter brockte er einen Abwurf ein. Schlimmer noch: Mit Jeroen Dubbeldam, dem späteren Weltmeister, absolvierte Casall den identischen Parcours fehlerfrei. Bengtsson musste den Kampfplatz als einzig medaillenloser Vierter verlassen. Seine übliche Reaktion in solchen Momenten: ein schwer zu deutendes skandinavisches Lächeln.

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          Bengtsson lebt schon viele Jahre in Schleswig-Holstein. Auf Schloss Breitenburg, beim deutschen Reiterpräsidenten Breido Graf zu Rantzau, hat er sich seit 2003 eingemietet, allerdings steht ein Umzug an mit 20 Pferden. Zusammen mit seiner Frau gründet Bengtsson einen eigenen Betrieb in Itzehoe. Casall wird den Umzug wohl nicht mitmachen. Der Ort, an dem er seine Deckdienste für den Verband fortsetzen soll, wird noch bestimmt. Und nun? Bengtsson hat einen weiteren Holsteiner Zuchthengst im Beritt, doch das reicht nicht für eine Top-Karriere. „Clarimo kann nicht allein um die Welt fahren“, sagt Bengtsson.

          Er wird sich um ein weiteres Spitzenpferd bemühen müssen. In dieser Branche, in der steinreiche Leute mehrere Millionen Euro für ein Pferd springen lassen, ist es nicht leicht, sich so beständig an der Spitze zu halten wie Bengtsson. Der ist kein reitbegeisterter Superreicher, sondern muss von seinem Sport leben. „Dazu muss man immer wieder junge Pferde aufbauen“, sagt er. In dieser Kette tut sich gerade eine Lücke auf. Casaltino, ein Sohn von Casall in Bengtssons Stall, ist erst sechs und damit noch zu jung, um seinen Vater ersetzen zu können. Er sei auch noch ein bisschen schmal, sagt der Reiter. Noch zarter waren die acht Fohlen von Casall, die am Donnerstag zu Ehren des Edelhengstes in Hamburg vor der eleganten VIP-Tribüne versteigert worden sind. Nummer fünf, ein munteres Füchslein, erzielte einen Preis von 30.000 Euro, was viel ist für ein Pferdekind.

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