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30 Jahre deutsche Einheit : Die Heimat im Sportverein

Bundeskanzler Helmut Kohl gratuliert Teamchef Franz Beckenbauer (rechts) zum WM-Titel 1990. Bild: Imago

Unschlagbar? Was Beckenbauer nach dem WM-Sieg 1990 aussprach, dachten viele. Der Traum von der sportlichen Überlegenheit Deutschlands ist nicht aufgegangen. Doch es gibt mehr als Medaillen und Titel, auf die der Sport stolz sein kann.

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          Man muss Franz Beckenbauer zugutehalten, dass es eine Suggestivfrage war, mit der ein amerikanischer Journalist ihm am 8. Juli 1990 in Rom praktisch den Ball auflegte zu dem fulminanten Schluss aus der unmittelbar zuvor gewonnenen Fußball-Weltmeisterschaft. „Wir sind jetzt die Nummer eins in der Welt. Wir sind schon lange die Nummer eins in Europa“, antwortete Beckenbauer mit einem Lächeln, dem sich bis heute nicht entnehmen lässt, ob es Stolz ausdrückt oder Ironie: „Jetzt kommen die Spieler aus Ostdeutschland noch dazu. Ich glaube, dass die deutsche Mannschaft über Jahre hinaus nicht zu besiegen sein wird.

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          Das tut mir leid für den Rest der Welt, aber wir werden für die nächsten Jahre nicht zu besiegen sein.“ Zeitungskommentatoren in der damals noch existierenden DDR warfen dem Teamchef triumphierende Haltung vor, Maßlosigkeit und fehlende Bescheidenheit, wohl auch weil der Titelgewinn in der Heimat der Spieler, die noch dazukommen sollten, Krawalle auslöste. Was Beckenbauer aussprach, war womöglich naiv. Aber wie er dachten viele Sportstrategen in Ost und West. Dass die Olympiamannschaft der DDR bei den Olympischen Spielen von Seoul 1988 in der Medaillenwertung erstmals das Team der Vereinigten Staaten übertroffen hatte, war nun kein Grund mehr zu erschrecken. Im Gegenteil: Die olympische Anmaßung weckte Großmannsträume.

          Bei den Olympischen Winterspielen von Albertville 1992 stellte das vereinte Deutschland die erfolgreichste Mannschaft. In Barcelona 1992 gewannen Heike Drechsler und Heike Henkel, Silke Renk und Dieter Baumann vier von 33 Goldmedaillen; dazu kamen sieben von den Kanuten, je vier von Radrennfahrern und Ruderern. Dieses Hoch gilt Politikern und Funktionären seitdem als Maß, wenn sie den steten Niedergang des Spitzensports in Deutschland beklagen.

          Der Traum von der sportlichen Überlegenheit Deutschlands ist nicht aufgegangen. Doch es gibt mehr als Medaillen und Titel, auf die der Sport stolz sein kann. Marode Sportanlagen wurden mit Entschlossenheit und Einfallsreichtum gerettet und modernisiert; sie sind Nährboden aufstrebender Vereine in den neuen Ländern, allesamt neu gegründet. Viele, die das staatliche Doping der DDR und damit den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen betrieben, sind von staatlichen Gerichten verurteilt. Die Schädigung Hunderter ihrer Opfer erkannte der Staat durch Hilfszahlungen an.

          Da die Corona-Krise viele Leistungssportler um ihre Sponsoren bringt, zeigt sich der Wert der für die Staatsamateure des Ostens erfundenen Förderstellen bei Militär und Polizei; über mehr als tausend verfügen die Verbände. Zeit ihrer Existenz gerierte sich die im Sport so gnadenlos effizient erscheinende DDR als Sportnation. Die Einheit und die daraus entstandene Möglichkeit, im eigenständigen Verein eine Heimat zu finden oder außerhalb der Organisationen aktiv zu sein, erhebt den Sport in den Rang einer Alltagskultur – ohne Hintergedanken.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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