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Bundesliga-Start : Handball-Aufschwung Ost

Stefan Kretzschmar (rechts) mischt mit dem SC DHfK Leipzig nun auch in der obersten deutschen Klasse mit. Bild: Picture-Alliance

Drei Teams aus den neuen Bundesländern spielen künftig in der Handball-Bundesliga. Einem Klub wird gar der große Coup zugetraut. Und der Oberbürgermeister von Aschersleben wird wohl das wichtigste Amt im DHB übernehmen.

          Stefan Kretzschmar ist häufig zu sehen und zu hören, was Wunder auch, ist der Mann doch ein Gesicht des deutschen Handballs. Eine seiner größten Persönlichkeiten sogar, wie Frank Bohmann findet, der Geschäftsführer des Ligaverbandes (HBL).

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Kretzschmar wird künftig vermutlich noch präsenter sein, schließlich mischt er jetzt auch direkt in der Bundesliga wieder mit, mit dem SC DHfK Leipzig, in dessen Aufsichtsrat er sitzt. Nicht zuletzt mit Kretzschmars Hilfe marschierten die Leipziger von der vierten Liga in die Bundesliga – und der exzentrische frühere Nationalspieler frohlockt: „Für mich ist ein Traum wahr geworden.“

          Der Ost-Handball macht überhaupt von sich reden. Der ThSV Eisenach ist wieder in die Bundesliga zurückgekehrt, die an disem Wochenende (auch im Handball-Bundesliga-Liveticker bei FAZ.NET) in ihre 50. Saison startet; dazu kommt als drittes Team aus dem Osten der SC Magdeburg, der schon eine Größe in der Liga ist. Außerdem wird nach dem Stand der Dinge Andreas Michelmann, Kommunalpolitiker aus Sachsen-Anhalt, neuer Präsident des Deutschen Handball-Bundes (DHB).

          Der Oberbürgermeister von Aschersleben steht auf dem Außerordentlichen Bundestag am 26. September in Hannover, auf dem umfassende Strukturreformen beschlossen werden sollen, allein zur Wahl als Nachfolger von Bernhard Bauer. Das teilte der Verband am Mittwoch in Stuttgart nach einer Präsidiumssitzung mit. Zugleich zogen die Landesverbände Württemberg, Bayern, Hessen und Niedersachsen einen Antrag auf Abwahl aller DHB-Vizepräsidenten zurück. Der Streit im DHB scheint somit beigelegt und ein Comeback von Bauer ausgeschlossen, zu Gunsten Michelmanns.

          Anflug erster Klasse: Der Schweizer Alen Milosevic schaffte mit Leipzig den Sprung in die Bundesliga.

          Man mag von einer Renaissance des Handballs im Osten sprechen, der - anders als der Ost-Fußball – ein buntes Bild abgibt. Für Bohmann ist es allerdings „nicht besonders bemerkenswert“, dass jetzt drei Mannschaften aus dem Osten in der höchsten Klasse vertreten sind. Der Ost-Handball, betont Bohmann, sei immer vital geblieben, „das Gefälle im Handball war nie so groß wie im Fußball“. Außerdem gebe es im Osten eine sehr gute Nachwuchsarbeit im Handball.

          Bohmann will deswegen auch nicht von einer Wiederauferstehung des Handballs im Osten reden; er hält ihn längst sogar für so stark, dass er ihm bald einen großen Coup zutraut. Bohmann meint damit den SC Magdeburg, der zuletzt Bundesliga-Vierter war und im DHB-Pokal erst im Finale der SG Flensburg unterlag. „In ein, zwei Jahren“, sagt Bohmann, „werden die Magdeburger um die Meisterschaft mitspielen.“

          Andreas Michelmann (Zweiter von rechts, im weißen Hemd) wird wohl der neue DHB-Präsident.

          Der SC Magdeburg hatte eine sportliche und wirtschaftliche Talfahrt überwinden müssen, es war um Schulden in Millionenhöhe gegangen. Mit Geschäftsführer Marc-Hendrik Schmedt, einem Finanzexperten, gelang die Wende; der Verein soll mittlerweile von fast allen Verbindlichkeiten befreit sein. Und Schmedt sagt stolz: „Der SCM ist in Magdeburg ein Politikum, ein Identifikationsträger schlechthin.“

          Und er wird jetzt für ganz Sachsen-Anhalt werben: Auf den neuen Trikots der Spieler prangt die Aufschrift „Weltoffen, willkommen, Sachsen-Anhalt“. Der ThSV Eisenach versucht sein Glück diesmal mit einem Neun-Nationen-Team – und einem eigenwilligen Slogan: „Tradition bewahren heißt für uns, nicht um die Asche vergangener Erfolge zu sitzen, sondern das Feuer am Lodern zu halten.“ Die Thüringer mussten sich mächtig strecken, um Handball am Ort anbieten zu können.

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          Ihre Halle hatte zunächst nicht den Standards der ersten Liga genügt; erst nach dem Einbau einer provisorischen Zusatztribüne erhielten die Eisenacher vorerst grünes Licht von der HBL. Sie hatten dafür 140.000 Euro aufbringen müssen. Ein enormer Kraftakt für einen Klub, der mit angeblich 1,85 Millionen Euro den kleinsten Etat der Liga hat – und um das sportliche Überleben wird kämpfen müssen.

          Das gilt auch für die Leipziger, die ihr Budget dem Vernehmen nach um eine halbe Million Euro auf 2,2 Millionen Euro aufgestockt haben. „Unsere finanzielle Situation ist stabil“, sagt Kretzschmar, „wir haben kein Harakiri betrieben.“ Der ehemalige Linksaußen war für die Leipziger nach eigener Einschätzung eine Art „Katalysator“, zum Beispiel bei Verhandlungen mit potentiellen Sponsoren.

          Und die Aufmerksamkeit, die das Leipziger Handball-Projekt grundsätzlich erregt, hat natürlich maßgeblich mit seiner Person zu tun. Kretzschmar, ehemals Sportdirektor beim SC Magdeburg, empfindet ganz besondere Genugtuung, dass „sein“ Team erstklassig geworden ist – weil die Leipziger von vielen ausgelacht worden seien, als sie von ihren Bundesliga-Plänen erzählt hatten.

          Und zumindest in ihrer Stadt möchten Kretzschmar und Co. nun einen Platz (fast) an der Sonne einnehmen. „Ich traue uns zu“, sagt Manager Karsten Günther, „dass wir uns perspektivisch als Nummer zwei etablieren können.“ Direkt hinter dem Fußball und RB Leipzig. Immerhin sind sie, den Liga-Status betreffend, den Rasenballern erst mal einen Schritt voraus.

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