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200 Meter Freistil : Der Skater gewinnt den Schanghai-Showdown

Zum zweitenmal Dritter: Paul Biedermann Bild: dapd

Ryan Lochte hat sich schon beim Versteckspielen verletzt, beim Skateboarden und Breakdancen. Vor der WM in Schanghai fiel der Schwimmer nur vom Motoroller. Prompt gewinnt er Gold über 200 Meter Freistil - vor Phelps. Der Hallenser Biedermann wird Dritter.

          Die Frage kam schnell und scharf. „Was ist Ihre Strategie für das Finale?“ Ryan Lochte war etwas ratlos, er lächelte und murmelte dann: „Hab ich noch nicht drüber nachgedacht.“ Die Nachfrage kam wie aus der Pistole. „Aber Michael Phelps sagte, er hat eine Strategie, wie könnte die aussehen?“ Kurze Stille, leises Lächeln. „Er wird wohl schnell angehen, ich weiß, er will ins ruhige Wasser kommen. Er schwimmt direkt neben mir, also werde ich ein bisschen an die Leine rüberkommen und mich von ihm ziehen lassen“, sagte Lochte, unerschütterlich in seiner verhaltenen, lässigen, auf liebenswürdige Weise leicht verpeilt wirkenden Art.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Aber die täuscht. Die täuscht gewaltig.

          Denn am Dienstag im WM-Finale über 200 Meter Freistil in Schanghai kam es genau so, wie es Lochte am Abend zuvor nach dem Halbfinale vorausgesagt hatte. Phelps führte, Lochte blieb dran und ging vorbei. Und am Ende war es wieder Ryan Lochte, der lächelte - mit der Goldmedaille um den Hals.

          Startschuss zum Schanghai-Showdown: Phelps (m.) unter Spannung

          Es war ein extrem spannendes Finale, das der Amerikaner in 1:44,44 Minuten gewann, gut drei Zehntelsekunden vor seinem Landsmann Phelps (1:44,79) und dem Titelverteidiger Paul Biedermann (1:44,88). Dessen Trainer Frank Embacher musste anerkennen: „Lochte ist taktisch sehr clever geschwommen.“ Der neue Weltmeister holte sich den entscheidenden Vorsprung auf der dritten Bahn, dort, wo eigentlich auch Biedermann nach vorne gehen sollte.

          Doch für den war Lochte an diesem Tag nicht zu erreichen. Und das wurmte ihn mächtig. „Ich bin schon ein bisschen enttäuscht, ich kann mich noch nicht freuen über die Medaille“, sagte Biedermann, als auch sein zweiter Titel von der WM 2009 in Rom weg war. Es war seine zweite Bronzemedaille in Schanghai, aber die Begeisterung darüber war hielt sich diesmal - anders als noch bei den 400 Meter Freistil - in engen Grenzen.

          Bronze ist kein großer Trost

          Biedermann hatte mehr gewollt, er war der Titelverteidiger, die 200 Meter sind seine Strecke, und nun war neben Lochte auch wieder dieser Phelps schneller gewesen als er, wenn auch nur um neun Hundertstelsekunden. Dass das eigentlich keine Schande ist, dämmerte Biedermann auch bald. Ein großer Trost aber war es nicht. „Wahrscheinlich waren die Erwartungen an mich selber zu hoch“, versuchte er, die eigene Zerknirschung zu erklären. „Paul wollte eben als Weltmeister auch Weltmeister werden“, zeigte Embacher Verständnis, fand aber auch: „Mit diesem Ergebnis können wir sehr gut leben.“ Zumal Biedermann nur vier Hundertstelsekunden vor Rang vier und elf Hundertstel vor Rang fünf lag, die der koreanische 400-Meter-Weltmeister Park Tae-hwan und der Franzose Yannick Agnel belegten.

          Biedermann ärgerte sich vor allem, dass er gegenüber den beiden Amerikanern am Start und bei den Wenden Zeit verloren hatte. „Daran muss ich arbeiten, ich muss jetzt jeden Tag im Training 100 Prozent geben“, sagte er, und es wirkte, als wolle er gleich morgen damit anfangen. Embacher hörte das gerne und bestätigte: „Auf der Strecke ist Paul der Schnellste, aber wir müssen an den technischen Elementen noch arbeiten.“ Das haben sie bisher auch schon getan, vor allem nach der Umstellung auf die neuen, stärker geneigten Startblöcke, aber: „Ich bin zuversichtlich, dass wir bis Olympia 2012 noch einiges hinbringen“, sagte Embacher.

          Nur vom Roller gefallen

          Dann wird es Biedermann im Finale wohl wieder mit denselben Gegnern zu tun haben wie in Schanghai - allen voran mit Ryan Lochte. Für den war es der erste Sieg bei großen Meisterschaften gegen den Superstar Phelps. Trotzdem blieb er danach ganz tiefenentspannt. „Wir kämpfen nun seit acht Jahren gegeneinander, und es geht hin und her“, sagte er und zeigte viel Respekt vor seinem Rivalen: „Für mich ist es ein Privileg, mit ihm im gleichen Team und im gleichen Rennen zu sein.“

          Das WM-Gold war für den 26 Jahre alten Lochte aber auch „ein großer Selbstvertrauens-Schub“. Für ihn geht es jetzt vor allem um eines: sich vor den Olympischen Spielen 2012 in London nicht mehr groß zu verletzen. 2007 brach er sich den Fuß beim Skateboarden, 2008 brach er sich die Schulter, als er beim Versteckspielen mit seinem kleinen Bruder von einem Baum fiel, 2009 riss er sich den Meniskus im Knie beim Breakdance.

          Vor der WM in Schanghai hatte er im Juni nur einen vergleichsweise harmlosen Verkehrsunfall mit einem Motorroller, bei seinem Abflug kam er mit dem Schrecken davon. „Ich habe einen Hang dazu, mich vor wichtigen Titelkämpfen zu verletzen“, kommentierte Lochte den Unfall lächelnd. „Deshalb war das kein Schock, sondern ziemlich normal für mich.“ Sieht ganz so aus, als könnte sich Ryan Lochte im Moment eigentlich nur selbst schlagen.

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