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100 Jahre Springderby : Stille rund um Pulvermanns Grab

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Wo Pferde ihre Reiter blamieren: Pulvermanns Grab ist das wohl berühmteste Hindernis im Reitsport. Bild: Picture-Alliance

Vor genau hundert Jahren fand in Hamburg erstmals das Deutsche Springderby statt. Corona bremst die Pferde nun ausgerechnet im Jubiläumsjahr aus. Die Sorge um liebgewonnene Sportereignisse wächst.

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          Das Deutsche Springderby in Hamburg-Klein Flottbek ist nur ein Beispiel, aber sein Schicksal in diesem Jahr steht für viele glanzvolle, festliche, fesselnde, traditionsreiche Veranstaltungen nicht nur im Sport. An diesem Freitag wird es 100 Jahre alt. Seit dem ersten Mal am 26. Juni 1920 ist es nur in den Kriegsjahren ausgefallen – und im Jahr 1972 wegen der Vorbereitungen auf die Olympischen Spiele in München. Und wahrscheinlich muss es in diesem Jahr wegen der Pandemie nach der vorläufigen Verschiebung aus dem Mai bald vollends abgesagt werden. Eine Veranstaltung ohne Zuschauer jedenfalls ist undenkbar. Man kann hier nicht vom Verkauf von Medienrechten leben wie die Deutsche Fußball-Liga. Und nicht vom Anteil an Wetteinnahmen wie der Galopprennsport.

          Es stimmt zwar nicht, dass das Springderby immer wie ein unerschütterliches Monument in der deutschen Sportlandschaft stand. Es musste kurz vor der Jahrtausendwende sogar einmal vor dem Untergang gerettet werden. Aber im kollektiven Gedächtnis weit über die Reiter-Gemeinde und die feine Gesellschaft der Stadt Hamburg hinaus ist es fest verankert. Pulvermanns Grab: Glaubt man nicht bei der Erwähnung automatisch aromatischen Pferdemist zu riechen? Der Große Wall und die vielen Pferde, die sich dort im Laufe der Geschichte nicht hinuntertrauten und ihren Reiter blamierten: Hört man’s da nicht unwillkürlich wiehern?

          Es ist ein trauriges Geburtstagsjahr. Am Himmelfahrts-Wochenende, an dem das Deutsche Spring- und Dressurderby eigentlich hätte steigen sollen, versammelten sich ein paar Unverdrossene auf dem tadellosen Rasen und feierten mit tapferer Fröhlichkeit ein Fest, das so viel glanzvoller geplant gewesen war. Man wollte eigentlich die Goldenen Zwanziger rauschen lassen und fühlbar machen, dass auch ein Springparcours zu einem historischen Denkmal werden kann. Er ist über die Jahrzehnte fast unverändert geblieben, während die deutsche Geschichte über ihn hinwegging.

          Ungewissheit bleibt

          Am Anfang beherrschte der Adel das Feld, und Frauen waren unerwünscht. Die Wehrmacht stritt sich ein paar Jahre mit der SS um die Vorherrschaft im Sattel. Eduard F. Pulvermann, der Schöpfer des Parcours, wurde Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Das Derby ist, wie die alten Bäume, die auf dem Gelände stehen, unbeteiligter Zeuge menschlicher Leidenschaft und menschlichen Wahns.

          Nun ist es still um den Großen Wall, genau wie in unseren Opernhäusern, Konzertsälen, Kongresszentren. Auch Volker Wulff, der Veranstalter des Spring- und Dressurderbys, hat vergangenen Montag rote Scheinwerfer vor seinem Firmengebäude aufgebaut für die „Night of Light“, in der die ganze Branche auf ihre akute Existenznot aufmerksam gemacht hat. Treue Sponsoren lindern vorerst die größte Not des Derbys. Aber die Ungewissheit bleibt. Nicht nur die Frage, wann wieder bessere Zeiten kommen. Sondern die Frage, wie viele der liebgewonnenen Events uns wohl bleiben werden, wenn irgendwann das Coronavirus mit uns fertig sein sollte oder wir mit ihm.

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