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Kommentar : Kinderschwimmen in Kasan

Alzain Tareq aus Bahrein ist gerade zehn Jahre alt und schwimmt bei der WM in Kasan Bild: AFP

Bei der Schwimm-WM startet auch Alzain Tareq. Dabei ist sie gerade zehn Jahre alt. Das Kind aus Bahrein dient als schwimmendes Schaufensterpüppchen. Das ist Missbrauch.

          „Ich war die schnellste Schwimmerin im Team von Bahrein.“ Die Schnellste eines Landes gehört zu einer Weltmeisterschaft, nach diesem simplen Prinzip funktioniert der Sport. Deshalb schwimmt Alzain Tareq für Bahrein bei der WM in Kasan. So einfach ist das. Tatsächlich?

          Nein. Alzain Tareq ist zehn Jahre alt. Ein Kind, das demnächst in die fünfte Klasse käme, würde sie in Deutschland zur Schule gehen. Der Grundschule soeben entwachsen, alt genug für einen Schulwechsel. Alt genug für eine Weltmeisterschaft also? „Warum“, fragte Chef-Bundestrainer Henning Lambertz in Kasan, „soll sie denn nicht hier schwimmen?“ Sie schwimme ihre Strecke und fertig. „Das macht sie zu Hause auch zehnmal in der Woche. Wenn wir jetzt so ein Naturtalent hätten, das mit elf oder zwölf ins Auge stechen würde, würde ich sie auch mitnehmen.“

          Das wäre allerdings ein Problem. Denn Kinder haben, auch wenn es, anders als bei EM und Olympia, kein Mindestalter gibt, bei einer WM nichts verloren, so einfach ist das. Dabei ist das sportliche Talent nachrangig. Zwar lässt sich geistige Reife ganz schlecht messen und quantifizieren. Aber sie ist ein entscheidendes Kriterium in der extremen Welt des Leistungssports. Wer jetzt anmerkt, Franziska van Almsick sei in Barcelona 1992 mit 14 Jahren zu drei Olympia-Medaillen geschwommen, nennt schon das beste Argument gegen den Start noch jüngerer Kinder.

          Vier Jahre zwischen Kind und Teenager sind ein gewaltiger Altersunterschied. Und van Almsicks Karriere ist ein glänzendes Beispiel dafür, wie schwierig es sowieso schon ist, mit all den Anforderungen umzugehen, die ein Leben in der in vielerlei Hinsicht extremen Welt des Leistungssports für Heranwachsende mit sich bringt. Selbst Zwanzigjährige mögen körperlich zwar in der Form ihres Lebens sein - die geistige Bestform aber kommt erst später, viel später.

          „Ich war die schnellste Schwimmerin im Team von Bahrein“ Bilderstrecke

          Im Fall von Alzain Tareq kommt noch ein anderes Problem hinzu: Warum wohl ist sie schnellste Schwimmerin ihres Landes? Weil es in Bahrein, wie anderswo in der arabischen Welt, viel zu wenig Schwimmerinnen gibt. Weil sich arabische Funktionäre zwar mit Begeisterung auf Ämter im internationalen Sport stürzen - die Fina wird spätestens ab 2019 von Kuweit aus kontrolliert werden, der Heimat des Strippenziehers im Weltsport, Scheich Ahmad al Sabah.

          Das Interesse dieser Männer an Gleichberechtigung und Förderung von Sportlerinnen aber ist äußerst überschaubar. Als es Saudi-Arabien wieder einmal geschafft hatte, keine einzige Sportlerin zu den Asien-Spielen im vergangenen Jahr zu schicken, meinte al Sabah, das müsse wohl technische Gründe gehabt haben. Stimmt nicht. Es sind eher juristische.

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          Damit sich Alzain Tareq altersgerecht mit zehnjährigen Schwimmerinnen vom Festland bei Regionalmeisterschaften messen kann, müsste den Mädchen in Saudi-Arabien die Teilnahme an Schwimmwettkämpfen erst mal erlaubt werden. Der Inselstaat Bahrein, über eine Brücke mit dem großen Nachbar Saudi-Arabien verbunden, schickt eine chancenlose Zehnjährige nach Kasan, offenbar für die Quote. Alzain dient als schwimmendes Schaufensterpüppchen. Das ist, auch wenn sie sich freut: ein Missbrauch.

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