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Medien : Kanzler und DFB ermuntern ARD und ZDF

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Kanzler Schröder: Weiß was populär ist Bild: ap

Im Poker um die TV-Rechte der Fußball-Weltmeisterschaften hat sich Bundeskanzler Gerhard Schröder auf die Seite der Fans geschlagen.

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          „Es wird eine High-Tech-Weltmeisterschaft“, kündigt Wolfgang Niersbach an. Seine Vision für 2006 tat er im Rahmen der Sport-Business-Days in Frankfurt kund: „Bei keinem Spiel werden weniger als 30 Kameras übertragen. Der Zuschauer kann auswählen, ob er das WM-Spiel aus der Perspektive von Oliver Kahn, von der Seitenlinie oder der Tribüne aus verfolgt.“

          Die Medien-Zukunft Niersbachs soll 2006 Realität für Otto Normalverbraucher sein. Wolfgang Niersbach ist dann nicht mehr DFB-Mediendirektor, sondern zu diesem Zeitpunkt längst der WM-Experte für Kommunikation und Informationstechnologie, bei dem alle Fäden zusammenlaufen. Keinen Hehl macht Wolfgang Niersbach daraus, wer dies technisch leisten soll: „ARD und ZDF haben dafür die besten Voraussetzungen.“

          Chancen für eine Einigung

          Dummerweise scheinen die öffentlich-rechtlichen Anstalten im Verhandlungspoker ausgebootet. „Doch ich sehe noch gute Anzeichen für eine Lösung“, verriet Wolfgang Niersbach bei den siebten deutschen Sponsoringtagen in Frankfurt. Für eine Einigung mit den öffentlich-rechtlichen Sendern sprach sich folglich auch der Vizepräsident des Organisationskomitees der WM 2006 aus. „Wir würden es begrüßen, wenn ein Abschluss mit ARD und ZDF zustande käme“, sagte der Mediendirektor. „Das käme dem Ansinnen entgegen, die WM zu einem nationalen Ereignis zu machen.“

          Die DFB-Verantwortlichen machten in Frankfurt keinen Hehl daraus, dass sie ARD und ZDF am liebsten in der ersten Reihe sähen. „Wir haben darauf zwar keinen Einfluss, können uns aber eine WM ohne diese Anstalten nicht vorstellen.“ Struktur und Präsenz der öffentlich-rechtlichen Sender sprächen nun einmal für eine Beteiligung.

          Pläydoyer von Gerhard Schröder

          Mit einem Plädoyer für eine Einigung im Interesse der Fans hat sich Bundeskanzler Gerhard Schröder in den Millionen-Poker um die TV-Rechte an den Fußball-Weltmeisterschaften 2002 und 2006 eingemischt und die Kirch-Gruppe zur Rückkehr an den Verhandlungstisch aufgefordert.

          „Herr Kirch, sorgen Sie dafür, dass sich Ihre Leute mit den Vertretern von ARD und ZDF zusammensetzen, damit die Fans das sehen, was sie wollen und was sie verdienen“, forderte Schröder am Aschermittwoch auf einer Veranstaltung der rheinland-pfälzischen SPD in Mainz und wandte sich damit direkt an den Münchner Medien-Mogul. Der Kanzler, selbst ein großer Fußball-Fan, sieht auch nach den geplatzten Verhandlungen zwischen der Kirch-Gruppe und den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten weiter die Möglichkeit eines Kompromisses. „Die Chance ist da“, sagte Schröder, „die Bereitschaft bei den Öffentlich-Rechtlichen auch. Die andere Seite sollte sie nutzen.“

          „Dummes Geschwätz“

          Für seine Initiative erntete der Bundeskanzler Kritik von der Opposition. Als „dummes Aschermittwochs-Geschwätz auf Stammtischniveau“ bezeichnete der medienpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Hans-Joachim Otto, die Aussagen Schröders: „Er nutzt die aktuelle Stimmung im Lande populistisch aus, um sich beim Wähler anzubiedern.“

          ARD und ZDF waren in der vergangenen Woche aus dem monatelangen Poker wegen unüberbrückbarer finanzieller Differenzen ausgestiegen. Kirch hatte die TV-Rechte am WM-Turnier 2002 in Südkorea und Japan sowie der besonders attraktiven WM 2006 in Deutschland für insgesamt 3,4 Milliarden Mark erworben. Für 2002 sind 225 Millionen Mark und für 2006 eine halbe Milliarde Mark für den deutschen TV-Markt im Gespräch. Zum Vergleich: Die WM 1998 in Frankreich hatte die öffentlich-rechtlichen Anstalten 11,6 Millionen Mark gekostet. Um jedoch zu vermeiden, erstmals seit 1954 nicht von einer Fußball-WM berichten zu können, hatte der ARD-Vorsitzende Fritz Pleitgen bereits durchblicken lassen, für neue Verhandlungen zur Verfügung zu stehen: „Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Wir werden uns weiter bemühen.“

          Regelung per Gesetz soll vermieden werden

          Bis Juni will Kirch in sämtlichen Ländern Europas mit Ausnahme von England seine Rechte verkauft haben. Mit RTL und SAT.1/ProSieben stünden für ihn weitere Verhandlungspartner bereit. Ein Scheitern der Verhandlungen könnte laut Schröder sogar eine Diskussion über gesetzgeberische Maßnahmen in Gang setzen, um die Übertragung der WM im frei verfügbaren Fernsehen zu ermöglichen. Das jedoch möchte der Bundeskanzler vermeiden.

          Dieter Hahn, Vize-Chef der Kirch-Gruppe, hatte erklärt, dass bei der WM 2002 25 Spiele live und ohne Zusatzgebühren zu sehen sein werden. Auf Grund des Rundfunkstaatsvertrags müssen WM-Endrundenspiele der deutschen Nationalelf, das Eröffnungsspiel, die Halbfinals und das Endspiel live im Free-TV gezeigt werden. Vor Schröder hatten bereits zahlreiche andere Politiker aller Parteien einen Kompromiss im Rechte-Poker gefordert. Vereinzelt war dabei sogar der Ruf nach einer Änderung des Rundfunkstaatsvertrages laut geworden, um sämtliche Spiele im Free-TV sehen zu können.

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