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Marion Jones : „Der brutale Höhepunkt eines schrecklichen Jahres“

  • Aktualisiert am

Gescheiterter Wechsel Bild: AP

„Warte, warte!“, schrie Marion Jones, doch die dritte Staffel-Läuferin Lauryn Williams konnte den Stab nicht greifen. In Sydney war sie die Königin der Leichathletik, Athen wurde für Marion Jones zum Desaster.

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          Sie wollte mit der Staffel Weltrekord laufen, doch am Ende liefen nur noch die Tränen. „Meine wildesten Träume wurden in negativster Weise Realität. Es war der brutale Höhepunkt eines schrecklichen Jahres“, brachte Marion Jones ihr olympisches Desaster von Athen auf den Punkt.

          Disqualifiziert mit der 4x100-m-Staffel, Rang fünf im Weitsprung: Vier Jahre, nachdem sie in Sydney die größte Erfolgsgeschichte einer Leichtathletin mit dreimal Gold und zweimal Bronze geschrieben hatte, folgte der Absturz des Superstars.

          „Alles Verleumdungen“

          Binnen eines Jahres hat sich das Leben der 28jährigen komplett verändert. Nichts ist mehr so, wie es war, seit sie nach der Geburt ihres Söhnchens wieder auf die Bahn zurückgekehrt ist. Zusammen mit ihrem Lebenspartner Tim Montgomery, als Weltrekordler bei den amerikanischen Trials am Ziel Olympia gescheitert, steckt Marion Jones im Dopingsumpf.

          Keine Spur von der ansteckenden Fröhlichkeit aus dem Jahr 2000

          „Ich habe nichts Verbotenes genommen. Alles Verleumdungen“, beteuerte sie. Doch als Fakt liegt auf dem Tisch, daß im Jahr 2000 unter ihrem Namen Medikamente im Wert von 7.300 Dollar vom kalifornischen Dopinglabor Balco bezogen wurden. Noch stärker wird Montgomery durch Balco-Unterlagen belastet. Sein 100-m-Weltrekord (9,78) soll Produkt eines jahrelangen Dopingprogramms gewesen sein. Leicht möglich, daß seine Karriere bald beendet ist. Denkbar, daß auch Marion Jones nicht ungeschoren davon kommt.

          Urteil noch im Herbst

          „Daß Frau Jones in Athen angetreten ist, finde ich lustig. Ich kenne ihre Akten und darin gibt es klare Zeugenaussagen“, sagte der Heidelberger Doping-Experte Werner Franke. Er rechnet mit einem Urteil noch im Herbst. In den Akten befinden sich auch Dokumente, die Marion Jones zugerechnet werden und exakte Angaben für die Einnahme verschiedener Doping-Mittel wie Erythropoietin (EPO), Wachstumshormone oder die Anwendung einer so genannten Testosteronsalbe enthalten sollen.

          Doch im Grunde war sie schon in Athen restlos bedient. Im Weitsprung hielt sich der Fehlschlag der Marion Jones (6,85 m) noch im Rahmen. Beim Triumph von Tatjana Lebedewa (7,07) und der russischen Troika mit Irina Simagina und Tatjana Kotowa (beide 7,05) fehlten 20 Zentimeter an Bronze. Doch danach nahm das Desaster seinen Lauf.

          „Ich schrie: Stopp“

          „Wir wollten Weltrekord laufen, schneller sein als die DDR-Mädchen 1985 - und dann dies“, seufzte Marion Jones und wischte sich die Tränen mit dem Handrücken aus dem Gesicht. Das Malheur geschah, als die bei den Trials über 100 und 200 m am Athen-Start gescheiterte Jones den Stab auf Lauryn Williams übergeben wollte. Statt auf Nummer sicher gehen, lief die Staffelkollegin zu schnell weg. „Ich schrie: Stopp. Doch es war zu spät, ich konnte sie mit dem Stab nicht mehr erreichen.“

          Die Konsequenz war bitter: Wechselmarke überlaufen, Disqualifikation. Erstmals seit den Boykottspielen 1980 in Moskau keine 4x100-m-Medaille für die Vereinigten Staaten. Doch viel schlimmer war die Niederlage für Marion Jones.

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