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Mainz-Präsident Strutz : Vom Dreispringer zum Marathon-Mann

Tiefpunkt 2003 in Braunschweig: „Im Nachhinein war das unser großes Glück” Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Harald Strutz steht seit über zwanzig Jahren Mainz 05 als Präsident vor. Nun wird er 60 - aber er hat noch viel vor.

          3 Min.

          Das wohl berühmteste Bild von Harald Strutz entstand am 25. Mai 2003. Damals saß der Präsident von Mainz 05 um kurz vor 17 Uhr auf dem Rasen des Braunschweiger Stadions und weinte. Hemmungslos ließ Strutz seinen Tränen freien Lauf, einige Zeit lang bemerkte er nicht einmal die Kamera, die ihn aus nur einem halben Meter Entfernung in Nahaufnahme auf die Fernsehbildschirme brachte. Das Leiden des Präsidenten wurde zum Sinnbild für das dramatische Scheitern des „Unternehmens Bundesligaaufstieg“. Wenige Minuten zuvor schien Mainz noch am Ziel aller Vereinsträume angelangt, nachdem das Spiel bei Eintracht Braunschweig beim Stand von 4:1 für die Rheinhessen abgepfiffen worden war. Die Frankfurter Eintracht aber schoss in der Nachspielzeit gegen Reutlingen die nötigen zwei Tore zum 6:3-Endstand, der ihr dank der um einen Treffer besseren Tordifferenz den letzten freien Platz im Oberhaus sicherte.

          Daniel Meuren

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Tränen von Strutz waren mit dafür verantwortlich, dass Mainz zum „Aufsteiger der Herzen“ wurde. Ein Jahr später wurde der Klub auch deshalb beim wirklichen Sprung in die Bundesliga umso herzlicher im Kreis der Großen aufgenommen. „Braunschweig war der bitterste sportliche Moment meines Lebens. Es war aber auch die Geburtsstunde des heutigen Mainz 05“, sagte Strutz einmal. An diesem Mittwoch feiert der stets gut gelaunte Präsident seinen 60. Geburtstag auf dem bisherigen Höhepunkt der Erfolgsgeschichte des Klubs, den er mit seinen Mitstreitern in den vergangenen 22 Jahren aus der sportlichen Bedeutungslosigkeit auf Rang zwei nach der Hinrunde der aktuellen Erstligasaison geführt hat.

          Als Strutz 1988 auf einer chaotischen Mitgliederversammlung das Amt übernahm, war der Verein zwar soeben erstmals nach über einem Jahrzehnt im Amateurfußball wieder in die Zweite Bundesliga aufgestiegen. Die Erfolge von heute waren aber nicht einmal zu erträumen. Der Klub, den schon sein frühverstorbene Vater Walter einst in den fünfziger Jahren geführt hatte, war finanziell am Boden. Peter Arens, bis heute als Vizepräsident Weggefährte in der Vorstandsmannschaft, klapperte seinerzeit von seinem Friseur- und Parfümeriegeschäft in der Mainzer Innenstadt aus immer wieder die Geschäftsleute in der Nachbarschaft ab und sammelte Geld, um ausstehende Spielergehälter zahlen zu können.

          Im Profisport ungewöhnliche Kontinuität

          Strutz machte sich trotz der trostlosen Ausgangslage unverdrossen ans schwere Werk. Nach einem Abstieg und dem sofortigen Wiederaufstieg behauptete sich der Klub mehr als ein Jahrzehnt lang im fast ständigen Abstiegskampf der zweiten Liga. Der passionierte und in einer Band aktive Rocksänger überredete nach und nach Weggefährten wie den damaligen Sat.1-Chef Jürgen Doetz oder den heutigen Finanzvorstand Friedhelm Andres zur Mitarbeit bei der Aufgabe, das Überleben eines mittellosen und bei den Mainzern kaum beachteten Fußballvereins zu sichern. 1991 stieß der heutige Manager Christian Heidel als Sportlicher Leiter zur zehnköpfigen Vorstandsriege, die seither nahezu unverändert den Aufstieg des Klubs begleitet hat.

          Diese im Profisport ungewöhnliche Kontinuität ist das größte Verdienst von Strutz und zugleich das Geheimnis des Erfolgs. Diesen misst der ehemalige Spitzen-Dreispringer derweil nicht allein am Tabellenplatz, vielmehr nennt er als herausragende Leistung, „dass wir der Stadt Mainz neue Lebensqualität gegeben haben und der Verein aller Mainzer geworden sind“. Der Präsident selbst, der seit 1980 neben seiner Anwaltskanzlei als Justitiar die Rechtsangelegenheiten des Landessportbunds Rheinland-Pfalz führt und seit einem Jahrzehnt für die FDP im Mainzer Stadtrat sitzt, etablierte sich unterdessen auch außerhalb seines Klubs als Sportfunktionär; 1996 wurde er als Vertreter der zweiten Liga in den Vorstand des Deutschen Fußball-Bundes gewählt, mittlerweile ist er dessen Vizepräsident genauso wie beim Ligaverband DFL.

          Das schönste Geschenk zum 60. Geburtstag machte sich der gebürtige Mainzer und überzeugte Fastnachter selbst. In den Feldern vor der Stadt steht die fast fertige neue Arena, in der Mainz von der kommenden Saison an vor bis zu 34 000 Zuschauern spielen kann. Der seit den Neunziger Jahren angestrebte Bau sichert nicht nur dem Verein die wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit, er ist zugleich das in Beton gegossene Denkmal der Präsidenten-Ära Strutz. Das Stadion belegt auch, dass ein einst als Luftikus geltender Gemütsmensch mit erstaunlicher Beharrlichkeit, aber ohne krankhafte Verbissenheit für seinen Klub besondere Ziele erreichen kann.

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