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Schach-WM in New York : Warum Magnus Carlsen der Favorit ist

  • -Aktualisiert am

Siegerehrung im spanischen Bilbao im Sommer: Auch dieses Turnier gewann Weltmeister Magnus Carlsen. Bild: Reuters

In wenigen Tagen beginnt die Schach-WM. Titelverteidiger Magnus Carlsen wird sich durchsetzen – dafür sprechen auch seine Fähigkeiten in einem anderen Sport. Ein Gastbeitrag.

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          In nicht einmal mehr einem Monat, am 11. November, ist es soweit: Die Schachweltmeisterschaft geht los, in New York. Der amtierende norwegische Weltmeister Magnus Carlsen wird vom russischen Spitzenspieler Sergey Karjakin herausgefordert.

          Bisher bestritt Carlsen zwei Weltmeisterschaftskämpfe, die er beide für sich entscheiden konnte (und beide gegen den früheren, aus Indien stammenden Weltmeister Viswanathan Anand). Für Sergey Karjakin hingegen ist es der erste Weltmeisterschaftskampf.

          Jan-Christian Schröder ist mit 17 Jahren Schachgroßmeister geworden. Er gewann mehrfach die Deutschen Jugendmeisterschaften, nahm an Jugend-Weltmeisterschaften teil. Und spielt heute für den SV Hofheim.

          Seine Qualifikation über das sogenannte Kandidatenturnier im Frühjahr dieses Jahres war schon eine große Überraschung, da er von den acht Spielern die zweitschlechteste Spielstärken-Zahl (Elo) aufwies. Als Favoriten damals galten der amerikanisch-italienische Weltklasse-Spieler Fabiano Caruana und der eben schon erwähnte Anand. Hat Karjakin nun die Chance, Magnus Carlsen vom Schachthron zu stürzen?

          Viel spricht nicht dafür. Carlsen geht als recht klarer Favorit in diesen Zweikampf. Seit Mitte Mai des Jahres 2011 führt er die Weltrangliste im Schach an, meist mit recht deutlichem Vorsprung. Er dominiert dieses Spiel, abzulesen beispielsweise schlicht an der Spielstärker: Seine Elo-Zahl beträgt im Moment 2853 Punkte, Karjakin erreicht mit seinen 2772 Punkten derzeit den neunten Platz der Weltrangliste. Eine Elo-Differenz von rund 80 Punkten ist auf diesem Niveau schon ein mächtiger Unterschied; man könnte überspitzt formuliert von einem Klassenunterschied reden.

          Carlsen ist flexibler

          Karjakin hat außerdem in direkten Aufeinandertreffen keinen besonders guten Score gegen Carlsen. Im Juli diese Jahres musst er während des Spitzenturniers im spanischen Bilbao, dem letzten Aufeinandertreffen zwischen den beiden Titelanwärtern, mit Schwarz eine verheerende Niederlage einstecken. Magnus Carlsen, der wie so oft die Eröffnung recht ambitionslos begann, überspielte Karjakin schnell, startete dann einen Matt-Angriff und ließ seinem Kontrahenten nicht den Hauch einer Chance.

          Im ,,Rückspiel‘‘ während desselben Turniers, Karjakin führte diesmal die weißen Steine, konnte er zwar ein Remis erreichen, allerdings: Er stand die Partie über schlechter und hatte keine Chance auf einen Sieg.

          Im spanischen Bilbao im Sommer sind Carlsen und Karjakin das letzte Mal aufeinandergetroffen vor der WM.

          Neben seiner höheren Spielstärke verfügt Magnus Carlsen auch über eine höhere Flexibilität. So ist sein Eröffnungs-Repertoire breiter aufgebaut und er zeigt eine größere Ideenvielfalt. Mittlerweile schon charakteristisch für den Weltmeister ist, dass er in einer scheinbar ausgeglichenen Stellung weitere Ressourcen findet, um seinen Gegner unter Druck zu setzen.

          Meiner Meinung nach liegt Carlsens Überlegenheit aber auch noch an etwas anderem: seinem Siegeswillen. Obwohl Karjakin sicherlich ebenfalls über einen starken Gewinndrang verfügt, wie er gerne in Interviews betont, habe ich den Eindruck, dass Carlsens einfach noch größer ist. Das zeigt sich etwa darin, dass er nahezu jede Stellung bis zum Ende spielt und immer noch hofft, dass sein Gegner einen Fehler macht. Ein Beispiel: In einigen Endspielen, von denen die Spitzenspieler wissen, dass sie Remis sind, wird heutzutage frühzeitig auch wirklich ein Unentschieden vereinbart und die Partie beendet. Carlsen jedoch versucht normalerweise alles, um doch noch zu gewinnen.

          Ich persönlich habe Carlsens Siegeswillen übrigens auch schon zu spüren bekommen, allerdings nicht beim Schach sondern - beim Fußball! Während des Qatar Masters im Dezember 2015 wurde abends nach den Partien immer Fußball gespielt. Niemand auf dem Platz war es so wichtig zu gewinnen wie Magnus. Und niemand war so sauer über ein Gegentor wie er.

          Auch dahinter verbirgt sich wohl ein Vorteil, den Carlsen gegenüber seinem Herausforderer hat: Die physische Verfassung. Auch wenn man es nicht so recht glauben mag - die Physis nimmt eine immer größere Rolle im Schachsport ein. Es ist sehr schwer und kräftezehrend, sich fünf oder sechs Stunden am Stück auf eine Partie zu konzentrieren.

          Chancenlos ist Karjakin nicht

          Ausdauer ist dafür sehr nützlich. Über Magnus Carlsen ist bekannt, dass er sehr viel Bewegungssport macht, hauptsächlich Fußball und Basketball. Sergey Karjakin allerdings gehört nicht zu den sehr sportlichen Schachspielern, wenn es zugegebenermaßen auch nicht besonders viele von ihnen gibt.

          Allerdings: Chancenlos geht Karjakin natürlich nicht in dieses Match. Es gibt durchaus einige Umstände und Faktoren die für ihn sprechen. Ein Vorteil von Karjakin könnte die Match-Dauer sein, in diesem Zweikamp werden nur zwölf Partien gespielt. Das ist ziemlich kurz, obwohl der Trend dahin geht, dass während einer Weltmeisterschaft nicht mehr mehr als 20 Partien gespielt werden wie es noch während der legendären Duelle zwischen Karpow und Kasparow üblich war.

          Aus statistischer Sicht spielt bei weniger Runden Glück eine größere Rolle als etwa im Falle von 24 Partien. Da Karjakins Klasse nicht an die von Carlsen heranreicht, kann ihm das helfen. Zudem kann das zu größerem psychologischen Druck führen. Wenn Carlsen zum Beispiel nicht besonders gut ins Match startete und früh eine Partie verlöre, stünde er unter deutlich mehr Druck, das auszugleichen. Da er in seinen beiden bisherigen WM-Wettkämpfen gegen Anand nie zurück gelegen hatte, wäre das außerdem eine neue Situation für ihn. Es nicht nicht klar, wie er damit umginge.

          Er hat ein großes Team

          Für Karjakin spricht auch seine schachliche Hauptqualität, seine Zähigkeit. Schon im Kandidatenturnier in Moskau war seine Fähigkeit, schlechte Stellungen zusammenzuhalten, mitentscheidend für seinen Sieg. Als Beispiel sei auf seine Partie gegen Fabiano Caruana verwiesen, der ihn in seiner Lieblingseröffnung, der Damenindischen Verteidigung, enorm unter Druck gesetzt hatte.

          Von Vorteil für den Herausforderer dürfte schließlich auch die große Unterstützung sein, die ihm zuteil wird. Er verfügt er über ein großes Team von Sekundanten, die für ihn arbeiten. Zwar gibt Karjakin nicht alle Teammitglieder bekannt. Fest steht aber, dass die beiden Supergroßmeister Ian Nepomniatchi aus Russland und Shakriyar Mamedyarov aus Aserbeidschan für ihn arbeiten. Überdies wird gemunkelt, dass möglicherweise der frühere Weltmeister Wladimir Kramnik ebenfalls zu  Karjakins Stab gehört. Kramnik wäre mit all seiner Matcherfahrung und seinem unglaublichen Eröffnungsrepertoire (vermutlich das beste weltweit) eine enorme Bereicherung.

          Letztendlich ist aber nicht die Vorbereitung entscheidend, sondern dann doch die Qualität der einzelnen Spieler. Gegen einen so flexiblen Spieler wie Carlsen (der sich natürlich auch mit Mitarbeitern vorbereitet) ist es ausgesprochen schwer, genaue Vorhersagen darüber zu treffen, welche Eröffnungsvarianten und -strategien er wirklich anwenden wird. Deswegen denke ich, dass Karjakins Team ihm zwar sicherlich helfen wird. Aber Magnus Carlsen ist einfach der der bessere Schachspieler und es wäre schon eine mächtige Überraschung, wenn er seinen Titel verlieren würde.

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