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Zuschauermangel in Berlin : Graue Leerstellen

„Es wird keine leeren Plätze geben”: Klaus Wowereit irrte Bild: ddp

Im Fernsehen ist die Leichtathletik-WM ein Quotenrenner, aber das Berliner Olympiastadion ist mit einem angestaubtem Programm nicht zu füllen. Die leeren Ränge haben längst die Politik auf den Plan gerufen - auch weil Bürgermeister Wowereit noch vor kurzen behauptete, alle Karten würden verkauft.

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          Wenn doch das Berliner Olympiastadion wenigstens so kunterbunte Sitze hätte wie die Arena in Leiria. In Portugal, bei der Mannschafts-Europameisterschaft im Juni, blieb zwar die Hälfte aller Plätze leer, aber das fiel optisch wenigstens nicht so auf. Und die grauen Sitzschalen in Berlin unterstreichen nur, woran diese ansonsten stimmungsvolle WM bis jetzt krankt: am Besuch. Das ist selbst Steffi Nerius aufgefallen, der bei ihrem Sieg im Speerwerfen nur 33.000 Zuschauer zujubelten. „Die Stimmung ist zwar toll. Aber ich finde es etwas schade, dass das Stadion nicht so richtig voll war.“ Bei Robert Hartings Diskus-Coup waren es kaum mehr. Nicht einmal Sprintwunder Usain Bolt hat es im Duell mit Tyson Gay geschafft, die Kapazität von 56.000 Zuschauern auszulasten.

          Befürchtet haben das ja viele, sogar Lamine Diack, der Präsident des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF), aber Klaus Wowereit, der Regierende Bürgermeister von Berlin, hat noch ein paar Tage vor der WM, als erst 330.000 der halben Million Karten abgesetzt waren, gesagt: „Es wird keine leeren Plätze geben.“ Jetzt freut sich das Fernsehen zwar über hohe Einschaltzahlen, über Bolts Sieg (9,92 Millionen) über den Quotenbringer Volksmusik, über den Triumph von Steffi Nerius im TV-Duell mit dem VfB Stuttgart in der Champions-League-Qualifikation am Dienstagabend (6,72 zu 2,6 Millionen), aber die grauen Lücken flimmern mit über den Schirm. Denn in der Ostkurve werden nun einmal die Flaggen für die Siegerehrung hochgezogen.

          Über leere Ränge kann auch die merkwürdige Arithmetik des WM-Organisationskomitees (BOC) nicht hinwegtäuschen. Dort zählt man kurzerhand die Zuschauer aus der Morgen- und der Abend-Session zusammen. Beim Duell Bolt-Gay kamen so 74.413 Zuschauer zusammen. Dieses Summenspiel sei zwecks Vergleichbarkeit bei der IAAF so üblich, sagt Michael Mronz, im BOC für Ticketing und Marketing zuständig. Was nichts daran ändert, dass in Berlin nur Tageskarten verkauft werden.

          „Schade, dass das Stadion nicht richtig voll war”: Auch bei Steffi Nerius' Siegerehrung waren die Ränge in Berlin nur dünn besetzt

          Die Leerstellen rufen die Politiker auf den Plan

          Es gibt reichlich Kritik am Marketing-Konzept des BOC. Sie reicht vom Vorwurf, viel zu spät mit den Werbeaktionen angefangen zu haben und zu sehr auf Berlin und die Abendkasse vertraut zu haben, bis hin zur Preisgestaltung. Nicht nur die Ausrüster Puma und Adidas sind unzufrieden mit der Resonanz vor Ort. Die Leerstellen haben auch schon die Berliner Politik auf den Plan gerufen. Die fordert über die Parteien hinweg, die Tickets billiger abzugeben, die in einer Spanne von 34,90 und 153,55 Euro angeboten werden.

          Mehr als 50 Euro für einen durchschnittlichen Sitzplatz seien zwar für Großveranstaltungen durchaus üblich, wie Clemens Prokop, der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, einräumt, aber die Frage bleibt trotzdem, ob sich die Leichtathletik, eine Sportart, die nicht gerade boomt, da nicht doch zu teuer verkauft. Aber Mronz erklärt, man habe für Montag und Dienstag durchaus vergünstigte Karten angeboten, allein an der Nachfrage habe es gemangelt. Und generell hätten sich die teureren Karten besser verkauft.

          „Das Olympiastadion ist zu groß“

          Abgesehen von ökonomischen und Marketingfragen, könnte es aber einfach auch sein, dass die überraschende Feststellung von IAAF-Generalsekretär Pierre Weis zutrifft: „Das Olympiastadion ist zu groß.“ Das wusste man zwar auch vorher, aber Helmut Digel, deutsches Mitglied des IAAF-Councils, teilt diesen Ansatz. Nur dass er ihn anders formuliert. „Es ist schwer, ein Stadion dieser Größe zu füllen. Mit einem Programm, das nicht jeden Tag attraktiv ist.“

          Das leicht angestaubte WM-Schema mit den unzähligen Qualifikationen ist oft zäh, und wenn es interessant wird, fallen mehrere Entscheidungen oft gleichzeitig. Trotzdem sollen die Problemtage nun vorbei sein. Aber um den Gesamteindruck zu korrigieren, müsste es schon ein starkes Finale werden. Über das ursprüngliche Ziel, alle 500.000 Karten an den Fan zu bringen, spricht längst keiner mehr.

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