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WM-Verzicht von Seifert : Fair-Play unter Speerwerfern

Absteigende Formkurve: Speerwerfer Bernhard Seifert verzichtet auf seinen WM-Platz. Bild: dpa

Fünf deutsche Speerwerfer gehören zu den zwölf Besten der Welt. Doch nun verzichtet einer von ihnen auf seine WM-Teilnahme in Doha – und macht den Weg frei für einen Kollegen.

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          Die deutschen Speerwerfer sind seit Jahren in einer außergewöhnlich komfortablen Situation. Sie gewinnen immer, wenn es darauf ankommt. Der Olympiasieger von 2016 heißt Thomas Röhler und kommt aus Jena. Ein Jahr später wurde Johannes Vetter Weltmeister, der Offenburger genießt deshalb eine persönliche Wildcard für die kommende WM 2019 in Doha. Bei der EM 2018 siegte dann wieder Röhler – diesmal sogar per deutschem Doppelsieg vor Andreas Hofmann.

          Der Mannheimer wiederum gewann das Finale der Diamond League 2018. Und bei der Team-EM 2019 setzte sich der Mainzer Julian Weber als deutscher Vertreter mit sieben Metern Vorsprung durch. Ja und dann gibt es noch Bernhard Seifert, der in der weltweiten Jahresbestenliste mit 89,06 Metern auf Platz fünf liegt – nur übertroffen von Vetter (90,03), Hofmann (89,65) sowie den beiden Balten Magnus Kirt (90,61/Estland) und Edis Matiusevicius (89,17/Litauen).

          Alles super, könnte man meinen. Doch das gute Abschneiden der Deutschen in dieser einen Disziplin kann auch Probleme bereiten. Es sind einfach zu viele zu gut, um die wenigen Plätze bei großen internationalen Wettbewerben ohne Probleme vergeben zu können. „So allmählich müssen wir über Ausbürgerung nachdenken“, scherzte Thomas Röhler schon vor einigen Wochen hinsichtlich der WM-Nominierung für den Saisonhöhepunkt in Doha (27. September bis 6. Oktober).

          Doch weil keiner seiner Teamkollegen das Land verließ, hatten der deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) und Bundestrainer Boris Obergföll – selbst zu seinen besten Zeiten, als er noch Henry hieß, ein 90-Meter-Werfer – die Qual der Wahl für Doha. Die Nominierungs-Kommission entschied sich Anfang August für Seifert als vierten Mann für Qatar neben Vetter, Röhler und Hofmann. Mit der Begründung, der 26-Jährige sei zu diesem Zeitpunkt zweitbester deutscher Werfer des Jahres gewesen. Weber, dessen Jahresbestleistung von der Team-EM bei stolzen 86,86 Metern und Rang elf in der Weltbestenliste steht, hatte das Nachsehen.

          Genießt das Glück des Nachrückers: Julian Weber

          Doch nun entschied sich Bernhard Seifert für einen ungewöhnlichen Schritt, der ihn seiner WM-Teilnahme mitsamt Medaillenmöglichkeit beraubte, aber beste Chancen auf einen Fairness-Preis einräumt. Der Potsdamer erklärte an diesem Freitag, wegen seines als dramatisch empfundenen Leistungsabfalls in den vergangenen Wochen sei er derzeit nicht konkurrenzfähig und verzichtete deshalb zugunsten seines Konkurrenten auf die WM-Teilnahme in Qatar. DLV-Generaldirektor Idriss Gonschinska verneigte sich tief: „Diese Entscheidung von Bernhard Seifert respektiere ich mit großer Wertschätzung“, so Gonschinska: „Er bringt sich dabei mit bemerkenswertem Fairplay und Teamgeist im Sinne des Erfolges der DLV-Nationalmannschaft ein.“

          Der hochgeschätzte Seifert hatte sich in den vergangenen Wochen tatsächlich auf den Kopf stellen können, aber er konnte seine Leistungen von Saisonbeginn nicht mehr abrufen. Nun wollte er nicht als Tourist nach Qatar reisen, sondern lieber einem besseren Mann Platz machen. „Ich habe absolute Hochachtung vor der Entscheidung von Bernhard. Das ist eine Geste, die nicht alltäglich ist“, freute sich auch Obergföll über den Teamgeist in seiner Truppe. Gleichwohl rätselte er, warum die Entwicklung bei Seifert nach unten zeigt: „Wir haben dafür keine Erklärung.“

          Nebenbei revidiert die Geste womöglich aber auch eine Fehlentscheidung. Die Wahl Seiferts war schon nach der Deutschen Meisterschaft in Berlin nicht unumstritten gewesen, denn dort war er Anfang August nur Vierter (79,32) geworden, Weber dagegen Zweiter (86,60) knapp hinter Sieger Hofmann (87,07) und deutlich vor Röhler (82,80). Weber war nach einer Verletzung erst spät in die Saison gestartet und zeigte klar aufsteigende Form, Seifert dagegen hatte seine Bestmarke schon im Mai erzielt. Obergföll sagte seinerzeit, die Nominierung sei anhand der vier Kriterien Saisonbestweite, Konstanz, Vergleich bei direkten Duellen und DM als Grundlage getroffen worden. Und dabei habe Seifert knapp vorne gelegen. Doch nun hat dieser die Zeichen selbst richtig gedeutet und verzichtet.

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