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WM-Gastgeber China : „Das sauberste Land der Welt“

Gong Lijiao: Scharfe Konkurrentin von Christina Schwanitz Bild: Picture-Alliance

Gastgeber China hegt angeblich keine großen Ambitionen bei der Leichtathletik-WM. Nur im Kugelstoßen soll es Gong Lijiao mit der sächsischen Favoritin Christina Schwanitz aufnehmen – und wird ausgerechnet vom früheren deutschen Bundestrainer Dieter Kollark betreut.

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          Lokalmatadoren und chinesische Favoriten sind nicht leicht zu finden bei dieser Weltmeisterschaft der Leichtathleten. Am Wochenende beginnen die Wettkämpfe im Vogelnest, dem großartigen Stadion der Olympischen Spiele von 2008. Und schon im zweiten Wettbewerb der neun Tage währenden Veranstaltung kommt es zum höchst aufgeladenen Duell der sächsischen Favoritin Christina Schwanitz mit einem dieser raren Exemplare. „Was das Publikum bei Gong Lijiao macht, ist mir vollkommen Hupe“, scherzt Christina Schwanitz zwar, die Erste der Jahreswertung in der Diamond League. Doch hinter der Chinesin steht nicht nur das Publikum von 50.000 Besuchern. Sie kämpft auch um einen Vorsprung durch deutsche Technik: Dieter Kollark ist ihr Trainer, der Mann aus Neubrandenburg, dessen einstige Lebensgefährtin Astrid Kumbernuss 1996 in Atlanta Olympiasiegerin und insgesamt dreimal Weltmeisterin wurde, und der später Franka Dietzsch trainierte, dreimal Weltmeisterin im Diskuswerfen. „Der deutsche Verband hat mir den Stuhl vor die Tür gestellt, ohne mit mir zu sprechen“, sagt Kollark, 71 Jahre alt. „Das motiviert mich schon.“

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Um sich in Wettkämpfen stählen zu können, lebt die 26 Jahre alte Chinesin, Dritte der Olympischen Spiele von London 2012, immer Mal wieder im Internat der Sportschule Neubrandenburg und fliegt von Berlin aus zu internationalen Wettkämpfen. Mit ihrer Bestleistung von 20,34 Meter liegt sie mehr als vierzig Zentimeter hinter der Sächsin Schwanitz. Doch zweimal siegte sie schon in dieser Saison, und Kollark glaubt an ihre Schnelligkeit, ihre Nerven und eine spezielle Magie. „Ich habe an einem Dreizehnten Geburtstag, Astrid ist die dreizehnte Olympiasiegerin“, sagt er im Mannschaftshotel in Peking. „Vielleicht gewinnt eine Chinesin die dreizehnte Goldmedaille meiner Trainerlaufbahn.“ In der Qualifikation am Samstag schaffte Gong mit 19,11 Meter zumindest die drittbeste Weite. Schwanitz legte 19,39 Meter schon im ersten Versuch vor.

          Warmes Nest? China spielt die Erwartungen runter

          Kollark sprang ein, als Gerd Böttcher aus Halle an der Saale, den die Chinesen verpflichtet hatten, vor einem Jahr starb. „Das muss man schon machen“, sagt er. „Seit der Wende bin ich ja nicht mehr so programmiert, dass Sport Kalter Krieg ist. Heute ist Sport global und Business.“

          Gerade sieben bis acht Medaillen umfasst die Prognose von Du Zhaocai, dem Präsidenten des chinesischen Leichtathletikverbandes und Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees. „Zweimal könnte die Nationalhymne gespielt werden“, sagt er. Zu den Fachleuten, die er dafür verpflichtet hat, gehört auch Renato Canova. Die Mission des italienischen Langlauf-Gurus geht weit über das Laufen hinaus. „Ich bin hier, um einen Spirit zu verbreiten“, sagt er. „Ding Changqin war Zweite im Marathon der Nationalspiele. Aber sie haben sie mir nicht für die Nationalmannschaft gegeben.“

          Als er insistierte, bekam er zu hören, die Läuferin sei zu ehrgeizig. Sie wolle mehr Wettkämpfe, und sie wolle Geld; das könne man nicht unterstützen. Keine Frage, dass der Trainer die entschlossene Athletin längst in die chinesische Auswahl geholt hat. Zwei Jahre lang hätten Sportklubs in der Provinz hoch talentierte Athletinnen und Athleten heimlich trainieren lassen, nichts als trainieren, um mit den Unbekannten bei den Nationalspielen zu überraschen. Weltmeisterschaft und Olympische Spiele haben in den Provinzen keine Bedeutung.

          Erinnerungen an die „chinesische Laufarmee“

          Aber gibt es nicht eine Lauf-Tradition in China, spätestens seit der berüchtigte Ma Junren Läuferinnen wie Wang Junxia und Qu Yunxia mit ausgesuchter Rücksichtslosigkeit und angeblich dem Konsum von Schlangenblut schnell genug für eine Reihe von Weltrekorden machte? „Alle sagen: Es war komisch“, sagt Canova. „Er hat etwas gemacht damals.“

          Als er kam, habe er seltsame Blutwerte bei einem seiner Läufer festgestellt. Im Urin habe, auf Canovas Betreiben, Epo nachgewiesen werden können, Athlet und Trainer wurden suspendiert. Seit dieser Demonstration, behauptet der Trainer, seien alle gewarnt: „China ist das sauberste Land der Welt.“

          Allerdings: Laufen ist nicht Teil der chinesischen Kultur, stellt Canova immer wieder fest, und sei es, dass die schönsten Laufstrecken asphaltiert und damit unbrauchbar für seine Athleten sind. „Gehen ist hier das, was Laufen in Kenia ist.“ Und damit ist er bei einer weiteren Favoritin. Hong Liu hat im Mai den Weltrekord über 20 Kilometer auf 1:24:38 Stunden gedrückt; die russische Titelverteidigerin Elena Laschmanowa ist wegen Dopings gesperrt.

          „Die sind besser, als man denkt.“

          Als er eine Sportschule in der Inneren Mongolei besuchte, erzählt Canova, war er schier überwältigt von deren Größe: hinter einer einen Kilometer langen Fassade lebten und trainierten mehr als 2000 Sportlerinnen und Sportler. Die meisten von ihnen waren Tischtennisspieler und Turner. Ein einziger Läufer fand sich darunter. Mit der Idee, den chinesischen Sportartikelhersteller Li Ning für ein Lauf-Projekt zu gewinnen, wie es Nike in Oregon mit Mo Farah und Galen Rupp unterhält, sei sein Vorgänger Gabriele Rosa gescheitert, erzählt Canova.

          Doch er gibt sich überzeugt, dass sauberer Sport und dessen Wirkung auf die Gesellschaft der chinesischen Sportführung inzwischen wichtiger seien als Medaillen. Und sei es, dass talentierte chinesische Athletinnen nicht mehr bedingungslos ihre Karriere beenden, sobald sie heiraten, dass Funktionäre ihren Sportlern auch mal einen eigenen Reisepass zugestehen, damit sie allein zu Wettkämpfen reisen können. Kollark sieht den chinesischen Sport schon viel weiter. Der Hochspringer Zhang Guowei, der Sprinter Su Bingtian, von den Chinesen seien einige Überraschungen zu erwarten, sagt er. „Die sind besser, als man denkt.“

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