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Kugelstoßer David Storl : Faszinierender Bengel

Der Jüngste im Team: David Storl, entschlossener Sachse mit Potential Bild: DLV

Generation 2012: David Storl gilt als Jahrhunderttalent im Kugelstoßen. In der deutschen WM-Mannschaft ist er mit neunzehn Jahren und drei Wochen der Jüngste. Und er muss als erster ran. Samstagmorgen, fünf nach zehn, beginnt die Qualifikation.

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          Ein David ist das eigentlich nicht: 1,97 Meter ist er groß, und er wiegt gut 106 Kilo. In der deutschen Mannschaft bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin ist er mit neunzehn Jahren und drei Wochen der Jüngste. Er muss als erster aus dem Team ran. An diesem Samstagmorgen, Punkt fünf nach zehn, beginnt die Qualifikation im Kugelstoßen, seiner Sportart. „Bei der Jugend liegt die Qualifikationsweite meist drei Meter unter meiner Bestleistung“, sagt David Storl, der Jugend-Weltmeister von 2007, der Junioren-Weltmeister von 2008 und der U 20-Europameister von 2009. „Hier ist das anders. Da werde ich gleich alles geben.“

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          20,48 Meter ist seine Bestweite, das dürfte die Konkurrenz mit Olympiasieger Tomasz Majewski aus Polen und Weltmeister Reesa Hoffa aus den Vereinigten Staaten nicht beeindrucken. Doch beeindruckend ist, dass Storl in diesem Jahr zum ersten Mal überhaupt die zwanzig Meter übertroffen hat mit der Kugel der Großen, die 7,25 Kilogramm wiegt. Mit der unwesentlich leichteren Kugel, dem Junioren-Eisen von sechs Kilo, hat er den Weltrekord seiner Altersklasse bereits dreimal verbessert: zuletzt auf 22,73 Meter. Als Jugendlicher, als die Kugel fünf Kilo wog, kam er auf 21,40 Meter. Storl ist zwar noch lange nicht das Gesicht der deutschen Mannschaft, aber er gibt der Zukunft Gewicht. 2012 könnte der David mit der Figur eines Goliath in London um eine Medaille bei den Olympischen Spielen kämpfen. „David Storl trifft sich und die Kugel“, schwärmt Diskus-Bundestrainer Jürgen Schult. „Das sieht rund aus.“ Udo Beyer, Olympiasieger von Montreal 1976, der dreimal den Weltrekord verbesserte, zuletzt auf 22,64 Meter, sagt, er sei „fasziniert von diesem Bengel“.

          „Lob macht faul“

          Die Fachleute am Institut für Angewandte Trainingswissenschaft in Leipzig (IAT) sagen, seine Werte seien teilweise jetzt schon besser als die von Beyer und dessen Nachfolger Ulf Timmermann. „Wenn sich einer wie er so herausragend verbessert“, sagt der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, Clemens Prokop, „dann gehört er auch zu einer Weltmeisterschaft der Erwachsenen.“ Nachwuchs-Bundestrainer Dietmar Chounard nennt Storl ein Jahrhunderttalent. Der junge Sachse steht für die Generation, die nach den jungen Springern Ariane Friedrich und Sebastian Bayer kommt.

          Storl vergeht, wenn er so etwas hört, das freundliche Schmunzeln, mit dem er meist auf die Welt reagiert. „Lob macht faul“, sagt er. Und dann erzählt er, dass der deutsche Meister Ralf Bartels im Bankdrücken 255 Kilo schaffe und er selbst nur 160. Gewiss sei Kraft nicht das Entscheidende, um weit zu stoßen. „Ich bin technisch noch entwicklungsfähig“, sagt er, „aber die größten Defizite habe ich im Kraftbereich.“ Seine Technik ist weitgehend perfekt. Seit er neun Jahre alt ist, beherrscht er die Angleittechnik. Ab und zu schaut er sich auf „youtube“ im Internet Aufnahmen von Timmermann an; er ist das Maß der Dinge.

          „Goethe ist ganz okay“

          Reese Hoffa, der die spektakuläre Drehstoßtechnik nutzt, nennt Storl den Leichtathleten, der ihn am meisten fasziniere. Um ihn und Chris Cantwell von nahem zu sehen, hat er unerkannt einen Wettkampf in der Provinz besucht. Er hat die beiden nicht angesprochen. Was er am Samstag vorhat? „Ich werde versuchen, mich nicht unterkriegen zu lassen.“ Die Drehstoßtechnik der Amerikaner beherrscht Storl auch. Obwohl er bis zu 18 Meter damit erreicht, erlaubt ihm sein Trainer nicht, mehr als einen Wettkampf im Monat damit zu bestreiten. „Sie ist komplizierter als angleiten, manchmal mache ich sie aus Spaß.“

          Noch ein Jahr wird Storl in Chemnitz aufs Sportgymnasium gehen. Damit Zeit fürs Training bleibt, gönnen er sich und die Schule ihm dreizehn Schuljahre. Neben Sport sind Geschichte und Deutsch seine Leistungskurse. „Goethe ist ganz okay“, sagt der Schüler Storl. „Faust“ und „Werther“ hat er im Unterricht gelesen. Nach dem Abitur will Storl zur Polizei, bei der sich Sport mit einer Berufsausbildung verbinden lässt.

          „Der Storli ist eine Granate“

          Trotz der gewaltigen Leistungsentwicklung auch in diesem Jahr wird sich der Überflieger wohl daran gewöhnen müssen, dass seine Entwicklung sich nicht mehr so sprunghaft vollzieht wie in der Jugend. Als er vor drei Jahren, mit fünfzehn, beim LAC Chemnitz den Mehrkampf aufgab und mit dem Krafttraining begann, fiel das mit einem enormen Wachstumsschub zusammen. Innerhalb eines Jahres wuchs Storl um 13 Zentimeter und legte 25 Kilo zu. Sein Trainer Sven Lang versucht, ihn dennoch schonend und umfassend athletisch aufzubauen und nicht über die Maßen zu belasten. Bis heute benutzt Storl im Training, um vor allem die Geschwindigkeit seiner Stöße zu entwickeln, auch eine Frauenkugel von vier Kilo.

          „Der Storli ist eine Granate“, sagt Diskus-Weltmeisterin Franka Dietzsch von dem Dynamit und der guten Laune, die das Riesentalent im Training zeigt. „Es macht Spaß, ihm zuzugucken. Da fühlt man sich nicht wirklich wie 41; obwohl ich seine Mutter sein könnte.“ In Wirklichkeit ist Mama Storl gerade vierzig. Und der Großvater ist der Anführer eines Fanklubs, der mit mindestens 65 Mitgliedern aus Döhlen bei Rochlitz in Sachsen an diesem Samstag im Berliner Olympiastadion dabei sein wird – schon von zehn Uhr morgens an.

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