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Im Gespräch: Clemens Prokop, DLV-Präsident : „Harting hat Grenzen überschritten“

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Für wie groß halten Sie den Schaden für den Verband durch Hartings Äußerungen?

Vor allem die Äußerung über die Doping-Opfer ist schädlich. Das ist auch nicht förderlich für das Image dieser Weltmeisterschaft. Andererseits wundere ich mich, wie vorher inhaltsleere Beiträge von Robert Harting von den Medien aufgegriffen wurden. Wenn Harting sinngemäß sagt, der Präsident arbeitet seit fünf Jahren nichts, erkennt man die Blödsinnigkeit auf den ersten Blick. Wenn ihm jedoch eine Plattform gegeben wird, ist das auch eine Motivation, sie zu nutzen.

Der Verband hat in Zusammenarbeit mit dem Innenministerium für fünf Bundestrainer eine wachsweiche Erklärung verfassen lassen, die als pauschale Entschuldigung bei Doping-Opfern durchgehen soll und deren Beschäftigung auch moralisch absichert. Haben Sie damit nicht den Widerspruch der Doping-Opfer herausgefordert, auf den Harting nun so reagiert – zumal sein Trainer Goldmann mehr als alle anderen betroffen ist?

Wir haben den Trainern keinen Persil-Schein ausgestellt. Die Frage der Vergangenheitsbewältigung ist juristisch nicht lösbar. Im deutschen Sport sind noch über dreißig Trainer aus der ehemaligen DDR beschäftigt. Das Thema wird in keinem Verband so offensiv behandelt wie im DLV. Wir haben als einziger Verband diese Problematik bis zum Arbeitsgericht betrieben, eben im Fall Goldmann. Es ist Unsinn, wenn Sie behaupten, wir hätten damit fast zwanzig Jahre Schweigen belohnt. Das verkennt die Problematik. Die Bundestrainer wurden nach der Wiedervereinigung angestellt. Sie befinden sich seit 19 Jahren in einem Arbeitsverhältnis. Es sind befristete Arbeitsverhältnisse, aber diese Befristung ist in der Regel unwirksam nach der Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts. Faktisch sind die Trainer arbeitsrechtlich eher auf der sicheren Seite – unabhängig von der Erklärung. Die auch schon verbreitete These, dass Harting das Sprachrohr von Goldmann sein sollte, halte ich für ausgeschlossen. Harting lässt sich nach meinem Eindruck von Dritten nicht steuern.

Die Erklärung der Trainer bedeutet aber nichts für die Vergangenheitsbewältigung.

Wenn man von Vergangenheitsbewältigung der Trainer spricht, muss man wissen: Zivilrechtliche Ansprüche sind verjährt. Strafrechtliche Ansprüche sind verjährt. Und arbeitsrechtlich sind die Möglichkeiten der Verbände erschöpft. Sie haben sich nicht die Weiterbeschäftigung erkauft. Der Versuch der Trainer war, in der Vergangenheitsbewältigung eine neue Dynamik entstehen zu lassen.

Wie bitte?

In der Vergangenheit war die Situation dadurch gekennzeichnet, dass die Trainer geschwiegen haben. Zu fast hundert Prozent – und Doping-Opfer haben neben der Kritik eine Reihe von moralisch begründeten Ansprüchen erhoben, die aber nicht realisierbar waren. Wir befanden uns in einer Art Lähmung. Die Trainer wollten mit ihrer Erklärung einen Schritt nach vorn gehen. Über die Formulierungen kann man sicher streiten. Sie haben sich aber erstmals zu ihrer Verantwortung bekannt.

Aber die Trainer schweigen weiter.

Einzelne Trainer haben mir zugesagt, dass sie versuchen wollen, eine individuelle Kommunikation mit Opfern aufzunehmen. Als Verband haben wir uns auch bemüht, Kommunikation zwischen Trainern und Opfern herzustellen. Wir haben über den Opferhilfeverein zur WM eingeladen. Kurz vor der WM kam die Antwort, dass die Einladung nicht angenommen wird.

Sehen Sie im Fall Harting nicht eine Wagenburg-Mentalität, den Ausdruck einer viel weiter verbreiteten Haltung?

Nach meiner Wahrnehmung ist das ein absoluter Einzelfall. Aber ich hätte aus heutiger Sicht die Vergangenheitsbewältigung anders betrieben. Nach der Wiedervereinigung sind im deutschen Sport entscheidende Fehler gemacht worden. Darunter leiden wir noch heute.

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