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Sprinter Christian Coleman : Der, der die Zweifel hervorruft

Im Scheinwerferlicht – und das nicht nur wegen seines Favoritenstatus: Der unter Dopingverdacht stehende Sprinter Chris Coleman Bild: Reuters

Christian Coleman hat Dopingtests verpasst. Dank seiner Anwälte darf der Sprinter, der nicht nur in dieser Hinsicht den Bösewicht spielt, aber doch an der WM teilnehmen.

          2 Min.

          Vor zwei Jahren war Christian Coleman die Hoffnung der Leichtathletik. Da besiegte er, 21 Jahre alt, im WM-Endlauf von London Usain Bolt. Der Jubel für den Neuen blieb dem Publikum damals im Halse stecken. Coleman war in 9,94 Sekunden zwar eine Hundertstelsekunde schneller gewesen als Bolt, doch zwei Hundertstel langsamer als Justin Gatlin. Die Zuschauer buhten. Gatlin ist zwar der Olympiasieger von Athen 2004. Doch er galt als einer der vielen gefallenen Sprinter, wurde zweimal wegen Dopings gesperrt. Die Begeisterung für den jungen Coleman wurde angesichts der Abneigung gegenüber dem Sieger zurückgestellt für die nächste Gelegenheit. Seine Zeit würde kommen.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Nun hätte Colemans Zeit da sein sollen: der Endlauf über 100 Meter bei den Weltmeisterschaften in Doha an diesem Samstagabend (21.15 Uhr MESZ). Bolt hat in London wirklich seinen Abschied gegeben, Gatlin ist inzwischen 37 Jahre alt, hat als Titelverteidiger mit Startrecht bei der WM die Trials in den Vereinigten Staaten ausgelassen und hat im Juni in Kalifornien seine diesjährige Bestzeit von 9,87 Sekunden aufgestellt; geradezu sensationell für das Alter.

          Aber Coleman war deutlich vor ihm im Ziel und gewann das Rennen in 9,81 Sekunden. Und Gatlin sorgte in Doha für Schlagzeilen, indem er dort mit Dennis Mitchell auftauchte. Mitchell, Olympiasieger von Barcelona 1992, war wegen Dopings gesperrt, und Gatlin hatte sich angeblich von ihm getrennt. Es hätte alles so gut aussehen können für Coleman.

          Der unauffindbare Coleman

          Doch Coleman, 23 Jahre alt, in 6,34 Sekunden schnellster Mann über 60 Meter in der Halle und mit einem Millionenvertrag von Nike ausgestattet, hat seit London die Chance verspielt, in die Fußstapfen von Bolt zu treten, besser: in die Fußstapfen treten zu können. Bolt überwand den Sumpf aus Verdacht und Misstrauen, in dem seine Disziplin steckte, durch Charme, Witz und Unangreifbarkeit. Nie stand er im Verdacht, manipuliert zu haben, obwohl er auf den Sprintstrecken so schnell rannte wie niemand vor und nach ihm: 9,58 Sekunden über 100 und 19,19 Sekunden über 200 Meter.

          Läuft allen davon: Coleman sprintete schon im Vorlauf die einhundert Meter unter zehn Sekunden.

          Coleman dagegen, schnellster Sprinter der Jahre 2017, 2018 und 2019 mit einer Bestzeit von 9,79 Sekunden, würde mit dem Gewinn des Titels die Rückkehr der Skepsis in seinem Metier manifestieren. Vor wenigen Wochen wurde bekannt, dass Coleman dreimal innerhalb von zwölf Monaten für Doping-Tests nicht anzutreffen war. Zweimal hatte er die falsche Adresse angegeben, einmal hatte er den Ort, den er angegeben hatte, kurzfristig verlassen. Die Regeln schreiben dafür eine Doping-Sperre vor; Coleman hätte für die WM und die Olympischen Spiele von Tokio gesperrt werden müssen. Doch seine Anwälte fanden eine Passage in den Regularien, nach der der erste Regelverstoß vorverlegt werden muss. Damit fallen der erste und der dritte Regelverstoß nicht mehr in dieselben zwölf Monate. Eine Formalität, die nichts von ihrer Merkwürdigkeit dadurch verliert, dass die Kontrolleure die Regel so bald wie möglich ändern wollen. Coleman macht die Sache nicht besser, indem er beteuert, niemals gedopt zu haben.

          Er macht die Sache sogar noch schlimmer, indem er sich in eine Feindschaft mit der nächsten Hoffnung des Metiers hineinsteigert: Noah Lyles, dem einzigen Sprinter auf der Welt, der ihn in diesem Jahr besiegt hat und ein großer, lustiger Unterhalter ist, der tanzt und singt. Da neigt das Publikum dazu, Partei zu ergreifen. Colemans Glück ist, dass der 22 Jahre alte Lyles erst im nächsten Jahr den Weltrekord über 100 Meter brechen und Olympiasieger werden will, am liebsten in ein und demselben Rennen. Im ersten Diamond-League-Sprint des Jahres, in Schanghai, besiegte Lyles Coleman im Fotofinish und starrte ihn danach provozierend an.

          „Wenn dein Ziel ist, im Mai schnell zu rennen und im Netz zu spotten und zu posen, hast du die falschen Prioritäten“, twitterte Coleman. Lyles erzählte daraufhin, wie Coleman im Call Room vor dem Rennen die Konkurrenten ärgerte, indem er seinen Kopfhörer absetzte und laut drehte. In Doha werden die beiden über 200 Meter gegeneinander antreten. Der Endlauf ist am Dienstag, Favorit ist mit einer Bestzeit von 19,50 Sekunden Lyles. Schnell rennen ist nicht alles. Aber wer als der Langsamere ins Ziel kommt, wird in dieser Rivalität nichts zu melden haben.

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