https://www.faz.net/-gtl-13h72

Uli Eicke im Gespräch : „Verkürzte Muskeln machen dumm“

  • Aktualisiert am

Früher Spitzensportler, heute auf chronische Schmerzen spezialisiert: Uli Eicke Bild:

Uli Eicke war 1984 Olympiasieger im Einer-Canadier. Heute arbeitet der ehemalige Spitzensportler als Heilpraktiker. Im Interview mit der F.A.Z. spricht er über Schmerzen und Druckpunkte bei Hobbysportlern und Profis. Er ist der Ansicht, dass man sich Schmerzen antrainieren kann.

          4 Min.

          Schmerzen haben sie alle mal, egal ob Spitzensportler oder nur Hobbyathleten. Allerdings entstehen häufig erst durch bestimmte Bewegungen Muskelverkürzungen, die starke Schmerzen auslösen können. Uli Eicke, Ex-Olympiasieger im Einer-Canadier und praktizierender Heilpraktiker, kennt die Druckpunkte bei Hobbysportlern und Profis. Der Therapeut empfiehlt Joggen, Rennen und Sprinten.

          Herr Eicke, sind Sie Schmerztherapeut geworden, weil Sie durch Ihren Sport Schmerzen hatten?

          Während meiner aktiven Zeit hatte ich natürlich Schmerzen. Aber massiv wurden sie, als ich aufhörte, von Kopf bis Fuß: in der Schulter natürlich durch die einseitige Belastung, im Rücken, im Knie.

          Sie knien im Canadier und belasten sich asymmetrisch, indem sie immer auf derselben Seite paddeln . . .

          Klar, dass man dabei ein bisschen schief wird. Aber ich glaube nicht, dass das Schmerzen verursacht hat. Das Problem sind die Muskelverkürzungen.

          Die Muskeln von Spitzensportlern sehen alles andere als verkürzt aus.

          Viele Leistungssportler haben eine knubbelige Muskulatur, kurz und einseitig. Das kann ganz schön weh tun, wenn von einer großen Muskulatur nur ein Muskel trainiert und der Rest verkümmert ist.

          Einen Sportler quält wie einen Nichtsportler die fehlende Muskulatur?

          Oder die falsch trainierte. Beim Training an Maschinen werden die Bewegungen geführt und die Muskeln einseitig belastet. All diese Übungen sind so konzipiert, dass die Muskeln kurz werden.

          Das erleben Sie in Ihrer Praxis?

          Ich behandle einige Spitzen- und Freizeitsportler, die sich Schmerzen regelrecht antrainiert haben. Selbst Studios, die einen gesundheitlichen Ansatz vertreten, sind nicht immer unproblematisch. Ein starker Rücken ist nicht schmerzfrei, wenn die Muskeln verkürzt sind. Da läuft einiges falsch.

          Was denn?

          Das Problem bei Rückenschmerzen sind nicht zu schwache Muskeln im Rücken. Das Problem sind die Muskeln vorn, Bauch, Hüftbeuger, tiefe Beckenmuskulatur. Wenn dort Verkürzungen auftreten, schmerzt es hinten. Und das passiert bei all dem täglichen Wahnsinn: viel sitzen, viel Auto fahren, viel in den Bildschirm gucken.

          Wie können Sie helfen?

          Bei schmerzendem Rücken und Bandscheibenvorfall muss ich oft nur auf den richtigen Muskel drücken, dann sind die Schmerzen weg. Wenn man die problematischen Muskeln mit den richtigen Übungen länger macht und stärkt, kommt der Schmerz auch nicht wieder.

          Massieren Sie?

          Nein. Ich drücke auf bestimmte Bereiche der Muskulatur. Ist der Muskel intakt, lachen die Leute. Wenn man die Stelle bei einem verkürzten Muskel richtig trifft, tut das tierisch weh – meine Patienten schreien manchmal. Nach einer Minute ist die Spannung raus aus dem Muskel, und der Schmerz ist weg. Das ist die eine Therapie. Man kann auch in diese Muskeln spritzen, etwa ein leichtes Schmerzmittel. Die manuelle Technik ist aber ungefährlicher.

          Und dann sind die Leute kuriert?

          Wenn sie sich drehen und bewegen können, können sie so üben, dass ihre Muskulatur länger wird. Das ist der Kern der Therapie. Sie lernen von mir Übungen, mit denen sie unabhängig vom Therapeuten werden.

          Beugen, strecken, Liegestütz?

          Bloß kein Stretching! Da zieht man am Muskel herum und schädigt ihn unter Umständen. Man muss die Muskeln statt dessen lang machen und stärken. Um den Sprintermuskel Iliopsoas, den Hüftbeuger, zu trainieren, geht man zum Beispiel auf die Knie, geht ins Hohlkreuz und muss von den Zehen über Unter- und Oberschenkel bis zum Hüftbeuger die gesamte Muskelkette anstrengen, indem man sich zurückneigt.

          Werden Sie am häufigsten mit Rückenschmerzen konfrontiert, einer unserer Gesellschaftskrankheiten?

          Arthrosen sind genauso häufig, Gelenkschmerzen, Kopfschmerzen bis zum Tinnitus.

          Das alles hat muskuläre Ursachen?

          Es gibt natürlich auch neurogene Schmerzen oder Infektionskrankheiten. Aber das sind Ausnahmen. Auch Ischiasbeschwerden stammen meist nicht vom Ischiasnerv, der da klemmt, sondern das sind Verkürzungen des Hüftbeugers.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Britische Parlamentswahl : Auf Boris!

          Die Tories wollen die Parlamentswahl in alten Labour-Hochburgen gewinnen – vor allem im „Schwarzen Land“ in den West Midlands. Auch weil Parteichef Corbyn so unbeliebt ist, stehen ihre Chancen nicht schlecht.

          Zweiter Weltkrieg : Hemingway im Hürtgenwald

          Der amerikanische Schriftsteller nahm vor 75 Jahren an der grausamen Schlacht bei Aachen teil. Seine traumatischen Erlebnisse im Hürtgenwald brachte er aber nur in Ansätzen zu Papier.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.