https://www.faz.net/-gtl-13h72

Uli Eicke im Gespräch : „Verkürzte Muskeln machen dumm“

  • Aktualisiert am

Sie therapieren Tinnitus- und Arthrosepatienten, indem Sie verkürzte Muskeln entspannen?

Mit großem Erfolg. Das ist meine tägliche Praxis. Beispiel Arthrose: Oft steckt der Schmerz nicht in den Gelenken, sondern die Ursache sind die Muskeln, die diese Gelenke bewegen sollen. So ein Gelenk braucht Spiel. Und ein verkürzter Muskel blockiert das Gelenk. Das schmerzt.

Und Tinnitus?

Damit habe ich persönlich Erfahrung. Ich hatte einen so starken Tinnitus, dass ich vor vier Jahren den Schuldienst aufgeben musste. Die Beschwerden habe ich mit anderthalb Jahren Halsmuskeltraining therapiert.

Im Leistungssport gibt es eine gewisse Lust am Schmerz: Wenn ich das aushalte, bringt mir das womöglich einen Vorteil gegenüber dem Gegner, der das hoffentlich nicht aushält.

Das sind andere Schmerzen. Die bekommt man, wenn man über den Punkt hinweg geht und sich selbst quält. Das hat nichts mit den Schmerzen zu tun, die man zum Beispiel in Gelenken hat. Solche Schmerzen machen einen fertig. Wer daran leidet, kann keine Leistung mehr bringen. Ich bemerke das an mir selbst. Wenn sich durch die manuelle Therapie meine Armmuskulatur verkürzt, habe ich Schmerzen in den Gelenken und keine Kraft mehr.

Kraftlosigkeit ist nicht immer mangelnde Energie?

Wenn eine Muskelfaser sich verkürzt hat, leistet sie nichts mehr. Sie hat sich verabschiedet. Das geht manchmal Muskelfaserbündel für Muskelfaserbündel.

Man nimmt das als Alterserscheinung.

Das ist Quatsch. Wenn Leute sich im Alter kaum noch bewegen können, weil ihre Halsmuskulatur verkürzt ist, sind auch die Konzentrationsfähigkeit und sogar die Denkfähigkeit eingeschränkt. Muskelverkürzung macht dumm. Manche verstehen in so einem Zustand die Übungen gar nicht mehr. Das ist doch eine verbreitete Erfahrung: Alten Menschen, die nicht mehr über die Schulter gucken können, traut man nichts zu. Auf der anderen Seite: Achten Sie mal drauf, wie geniale Alte, die jeden Jungen in die Tasche stecken, Hals und Kopf bewegen! Ich würde wirklich gern mal die Halsmuskulatur von Helmut Schmidt inspizieren.

Kinder entwickeln ihren Intellekt, indem sie mobil werden und den Raum erobern . . .

Im Alter kann man den umgekehrten Weg gehen. Wer sich nicht mehr bewegen kann, spürt das auch im Kopf. Schon das Lebensgefühl ist ein ganz anderes. Und es ist nicht nur das Bewusstsein, das leidet, sondern wirklich auch der Intellekt.

Was tun gegen solche Versteifung?

Durch unsere Schuhe, durch Asphalt und Parkett wird unsere Fußmuskulatur eingeschränkt. Dabei sind die Füße fürs Barfußgehen in der Pampa gebaut. Bei uns modernen Menschen mit engen, harten Schuhen verschwindet über die Jahrzehnte die Fußmuskulatur.

Gewinnt man Bewegungsfreiheit, indem man seine Fußmuskulatur reaktiviert?

Das ist mein tägliches Brot. Barfuß gehen hilft. Mit manchen Übungen holt man die Fußmuskulatur zurück.

Muss der Mensch Muskeln haben?

Er muss nicht athletisch aussehen. Aber der Zustand der Muskulatur hat Auswirkungen auch auf die inneren Organe. Wenn der Brustmuskel, gerade der linke, verkürzt ist, ergibt das ein Engegefühl. Mancher, der einen Herzinfarkt fürchtet, braucht als Prävention nur das richtige Training der Brustmuskulatur.

Welche Sportart empfehlen Sie?

Joggen. Rennen und Sprinten.

In der Leichtathletik sehen die Läufer aus, als hätten sie eine Funktionsmuskulatur. Ist das gesund?

Ein Sprinter wie Usain Bolt bewegt sich so, wie ich mir das vorstelle: Die Armbewegungen sind Ausgleichsbewegungen, er ist kaum nach vorn gebeugt. So versuche ich zu laufen – nicht so schnell, aber so elegant. Viele Trainer proklamieren, dass Sprinten eine verhinderte Fallbewegung sei. Das ist aber Quatsch. Gute Läufer sind stabil auf den Beinen. Die dürften auch weniger Schmerzen haben.

Weitere Themen

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.