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Vlasic gewinnt Hochsprung : Die Weltrakete Ariane zündet nicht

Aus der Traum: Rakete Ariane Friedrich scheitert an der Mission Gold Bild: dpa

Die Show musste Ariane Friedrich doch Usain Bolt überlassen. Für die deutsche Hochspringerin reichte es bei der Leichathletik-WM nur zu Bronze. Dennoch war sie nicht enttäuscht. Gold gewann Erzrivalin und Titelverteidigerin Blanka Vlasic.

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          Bei 2,04 Meter wagte Blanka Vlasic ihr erstes Tänzchen. Und Ariane Friedrich blieb nur noch eine Chance: Zu pokern, sich den letzten Versuch für 2,06 Meter aufzuheben. Dann wurde es totenstill im Berliner Olympiastadion, auch wenn es erstmals nahezu ausverkauft war. So still, dass man beim Anlauf jeden ihrer Schritte zu hören glaubte. Und einen trügerischen Moment lang sprangen die 54 000 Zuschauer freudig auf und brachen einen Bruchteil später in ein kollektives „Ahh“ aus. Sie war doch noch gefallen, die Latte - mit den Hacken abgestreift. Das Hochsprung-Duell, eines der Highlights dieser Weltmeisterschaften, war entschieden. Da tat es nichts zur Sache, dass sich die Russin Anna Tschitscherowa noch zwischen die beiden Hochsprung-Diven schob.

          Auch sie hatte, wie Ariane Friedrich, 2,02 Meter übersprungen, sich aber weniger Fehlversuche geleistet, was der deutschen Meisterin die Bronzemedaille einbrachte. Und Blanka Vlasic trabte, nachdem sie dreimal an der Weltrekordhöhe von 2,10 Meter gescheitert war, auf die Ehrenrunde und ließ sich, in die kroatische Flagge gehüllt, vom deutschen Publikum gebührend feiern. „Es war ein Wettkampf voller Emotionen“, sagte die Weltmeisterin. Doch auch Ariane Friedrich wirkte alles andere als enttäuscht. „Ich bin über die Medaille nur glücklich“, sagte sie. „Blanka war heute einfach die Bessere. Auch Anna war stark. Deshalb bin ich sehr zufrieden.“ Zumal sie in den vergangenen zwei Nächten kaum geschlafen habe, weil sie sich „immer wieder diese tolle Atmosphäre hier vorgestellt“ habe.

          Schon bei der Präsentation hatte Ariane Friedrich entgegen ihrer sonst so demonstrativ gepflegten Aggressivität Lockerheit und Selbstbewusstsein demonstriert. Ganz ohne die schützende Sonnenbrille, die sie sonst immer von der Welt da draußen abschottet, hatte sie lachend ins Publikum gewinkt und ihre schärfste Konkurrentin abgeklatscht. Und als wenige Minuten später die deutsche Nationalhymne zu Ehren des Teamkollegen und Diskus-Weltmeisters Robert Harting erklang, schloss sie genießerisch die Augen und wiegte mit einem leichten Lächeln den Kopf, so als wollte sie sagen: Die ist auch für mich. Doch daraus wurde nichts.

          Nur Bronze statt angestrebtem Gold: Die Rakete Ariane Friedrich zündete nicht
          Nur Bronze statt angestrebtem Gold: Die Rakete Ariane Friedrich zündete nicht : Bild: dpa

          Krisensituation bei 2,02 Metern

          Die 1,92 Meter zum Einstieg waren nur ein Test, und sie erntete dafür einen anerkennenden Blick ihres Trainer-Managers Günter Eisinger. Die Krisensituation kam erst bei 2,02 Metern. Tschitscherowa und Vlasic hatten vorgelegt, und Ariane Friedrich legte vor ihrem dritten und letzten Versuch die Finger an die Lippen: Ruhe bitte. Dann der befreiende Schrei und die breitbeinige Geste des Triumphs auf der Matte. Es war der Schlüssel zu Bronze.

          Auch wenn Anna Tschitscherowa noch ein Wörtchen mitzureden hatte: Es blieb das Duell zwischen der Hallen-Europameisterin aus Frankfurt und der Weltmeisterin aus Split. Zwischen der grellblonden Deutschen, die ihren Trainer und Manager manchmal auch als „Papa“ betrachtet, weil der sie behütet wie seinen Augapfel, und der brünetten Kroatin, die von ihrem leiblichen Vater Josko trainiert wird, einem ehemaligen Zehnkämpfer. Der Mann, der sonst nicht die Nerven hat, seine Tochter zu begleiten, stand diesmal an der Bande neben Bojan Marinovic, ihrem Fach-Coach, der sie auch entdeckt hat. Sein Kommen hatte sich gelohnt. Blanka Vlasic ist daheim in Kroatien ein Superstar und steht auf einer Popularitätsstufe mit dem ehemaligen Tennisprofi und Wimbledonsieger Goran Ivanisevic. Als ihr österreichischer Manager Harald Edletzberger für sie in Split ein Meeting auf die Beine stellte, kamen 12.000 Zuschauer.

          16:5 für Vlasic

          Ariane Friedrich muss sich diesen Status noch erarbeiten. Aber dazu hätte sie Weltmeisterin werden müssen. Sie ist ja auch erst in diesem Jahr eine ebenbürtige Gegnerin geworden, was sich in der Statistik ausdrückt. 16:5 steht es nun für Vlasic im Vergleich der beiden. Doch in diesem Jahr hat Ariane Friedrich den Spieß umgedreht - 3:1 führte sie vor Berlin. Und im Juni, beim Internationalen Stadionfest, hatte sie der sensiblen Kroatin mit einem aggressiv-emotionalen Auftritt die Show gestohlen. Aber schon beim letzten Vergleich in Monaco hatte sich eine mögliche Trendwende angedeutet. Da war die 25 Jahre alte Weltmeisterin, der Ariane Friedrich bis dahin aus dem Weg gegangen war, bei 2,03 Metern um einen Fehlversuch besser. Was die Frankfurterin, die immerhin ihre Weltjahresbestleistung von 2,06 Metern behält, wieder ein wenig in ihre Lieblingsrolle zurückbrachte: die der Jägerin.

          Doch die Gejagte widerstand diesmal. Blanka Vlasic ist zurückgekommen nach all den Enttäuschungen, die sie im vergangenen Jahr zu verkraften hatte. Sie hatte ja alles gewonnen, nur die beiden entscheidenden Wettkämpfe nicht. Und vielleicht noch ein bisschen schmerzhafter als der Verlust von Gold in Peking war der von Geld beim Golden-League-Finale in Brüssel. Da wurde sie von diesem „German Girl“, wie sie Ariane Friedrich lange genannt hat, durch deren Sieg aus dem Jackpot gedrängt. Das hat sie exakt eine halbe Million Dollar gekostet. So etwas bleibt hängen. Aber Blanka Vlasic hat stets behauptet, daraus gelernt zu haben. „Jede Träne nach einem verlorenen Wettkampf macht eine bessere Athletin aus mir“, hat sie gesagt. Am Donnerstagabend, bei der Siegerehrung, waren es Tränen des Glücks. (siehe auch: Friedrich gegen Vlasic: Divenduell in zwei Metern Höhe)

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