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Sebastian Bayer : Der deutsche Bob Beamon

Sensationssprung von Sebastian Bayer: „Ich weiß selbst nicht, wie das geht” Bild: dpa

Bislang dachte er, dass ohne Doping höchstens 8,50 Meter möglich sind. Dann sprang Sebastian Bayer selbst 8,71. Nun gehört der 22-Jährige in eine Ahnenreihe mit Bob Beamon und Carl Lewis - die für ihn historische Figuren sind.

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          Nach seinem Weltklasse-Satz von 8,71 Meter fiel Sebastian Bayer nicht viel ein. „Ich weiß selbst nicht, wie das geht“, sagte er immer wieder, glücklich und lachend. Er ließ sich immer wieder umarmen und scheiterte mit Wonne daran, zu erklären, wie ein 22 Jahre alter Weitspringer, der sich in diesem Jahr auf 8,17 Meter gesteigert hatte, plötzlich bei einer Weite landet, die bis auf acht Zentimeter an den Hallen-Weltrekord von Carl Lewis heranreicht und viele Reporter in der Halle von Turin an den sagenhaften Weltrekordsprung des Bob Beamon von 8,90 Meter erinnerte.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Doch Mexiko 1968 und selbst Carl der Große sind Vor- und Frühgeschichte für den jungen Mann vom Jahrgang 1986. Bei der Hallen-Europameisterschaft in Turin hatte Bayer am Sonntag schon mit seinem ersten Sprung von 8,29 Meter für eine Überraschung gesorgt und den Wettkampf praktisch gewonnen. Er ließ die folgenden drei Sprünge aus, hatte einen Fehlversuch und trat dann an, weil, wie er sagte, „es eine Ehre ist, den letzten Sprung des Wettbewerbs zu haben“. Es folgte die Sensation der Titelkämpfe.

          Bayer sagte: „Höchstens 8,50 Meter sind sauber möglich“

          In der Welt des Weitsprungs, in der Halle und im Stadion, ist seit anderthalb Jahrzehnten niemand außer Irving Saladino mehr so weit gesprungen wie nun Bayer; und selbst in den achtziger und neunziger Jahren sprangen nur acht Männer je weiter als 8,71 Meter. Olympiasieger und Weltmeister Saladino aus Panama erreichte seine Bestweite von 8,73 Meter im vergangenen Jahr in Hengelo, beim Sportfest seines Managers Jos Hermens.

          Historische Glanztat: Bob Beamon flog bei den Olympischen Spielen 1968 auf 8,90 Meter

          „Ich habe bisher immer gesagt, höchstens 8,50 Meter sind sauber möglich“, fiel Bayer dann doch noch ein. „Jetzt habe ich es selbst anders gemacht. Ich hoffe, dass das nicht in Frage gestellt wird.“ Die Überraschung wie die Sorge ist dem jungen Mann durchaus abzunehmen.

          Selbständigkeit und Selbstbewusstsein

          Auf die Frage, ob er denn von Weiterbildungsangeboten des Deutschen Leichtathletik-Verbandes wie dem Seminar mit Saladinos brasilianischem Trainer Nélio Moura profitiert habe, antwortete Bayer - zwei Tage vor seinem großen Sprung - mit solchen Leuten, deren Athletinnen schon des Dopings überführt worden seien, wolle er nichts zu tun haben.

          Nicht einmal das Techniktraining wollte er akzeptieren, als die Chefbundestrainer ausführten, welch ein Experte Moura sei. „Viele Wege führen nach Rom“, sagte Bayer bündig, „Bei mir würde es nichts bringen, wenn ich so trainieren würde.“

          Ein Wunder, wenn er je wieder würde laufen können

          Dieser kurze Auftritt demonstrierte mehr als vieles andere die Selbständigkeit und das Selbstbewusstsein des jungen Mannes, der sich mehrmals schmerzhaft für seinen Sport entscheiden musste. Als er bei der Junioren-Europameisterschaft 2006 in Kaunas schon den zweiten Platz sicher hatte, rutschte er bei seinem letzten Sprung auf dem regennassen Balken aus.

          Beim Stürzen fanden die Spikes doch noch Halt, und Bayer brach sich den Mittelfuß drei Mal; außerdem rissen zwei Bänder. Der Arzt, der den Bruch mit Schrauben und Metallplatten heilte, kündigte ihm an, dass es ein Wunder wäre, wenn er je wieder würde laufen können. Als dem Teenager in der Reha-Klinik zwei halbstündige Trainingseinheiten pro Tag verordnet wurden, vervierfachte er die Dosis. Nach einem halben Jahr ließ er sich alles Metall aus dem Fuß entfernen, um endlich wieder richtig trainieren und springen zu können.

          „Faszinierend ist, wie lang acht Meter sind“

          Dabei hat der junge Mann Angst vorm Fliegen. Seine Zehnkampf-Karriere scheiterte früh daran, dass er sich im Stabhochsprung nicht über 2,80 Meter hinaus traute. Und selbst beim Tiefflug, auf den er sich seitdem mit meisterhaften Ergebnissen verlegt hat, bremsen ihn immer wieder Verletzungen und deren Nachwirkungen. Die Saison 2007 verdarb eine Sprunggelenkverletzung, bis vor einer Woche schmerzten die Leisten, die er sich bei Hallensprints gezerrt hatte.

          Wenn er das Besondere seiner Disziplin beschreibt, ist es - anders als bei anderen Springern und auch bei Werfern - nicht der Flug, der ihn begeistert. „Faszinierend ist, wenn man in einem Wohnzimmer steht und abschreitet, wie lang acht Meter sind“, sagte er in Turin. Der Mann, der stets auf dem Sprung ist, muss sich wohl immer erst im Nachhinein deutlich machen, wie weit er eigentlich kommt.

          Weniger Zeit auf der Autobahn, mehr Glück im Privatleben

          Für Hochgefühle hat er im Wettkampf keine Zeit. „Anlaufen, abspringen, landen“, so beschreibt er seine Disziplin. „Man spürt, ob das ein guter Sprung ist oder nicht. Aber nicht mehr. Man muss so viel beachten, um die Landung einzuleiten.“

          Vielleicht kommt Sebastian Bayer seit diesem Winter mehr zum Genießen. Seit er mit der Hürdensprinterin Carolin Nytra in Bremen zusammengezogen ist, verbringe er weniger Zeit auf der Autobahn und erlebe ein glücklicheres Privatleben, sagt er (siehe: Olympia-Countdown (4): Nicht allein nach Peking ). Seinen Aachener Trainer Joachim Schulz, der ihn seit der Jugend und auch in Leverkusen betreute, schickt ihm jetzt die Trainingspläne per E-Mail, Nytras Trainer Jens Ellrott hilft mit Expertise und neuen Ideen bei der Umsetzung. Offenbar bedarf es keiner Höhenflüge, um große Sprünge zu machen.

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