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Leichtathletik : Doping im Selbstversuch

Sebastian Bayer: In der Verdachtzone gelandet Bild: AFP

Sebastian Bayer sprang bei der Hallen-EM im März in Turin 8,71 Meter weit und landete in der Verdachtszone. Sein Trainer Joachim Schulz kennt sich aus. Der hat einst in der DDR Dopingmittel selbst ausprobiert, um zu wissen, wie sie wirken.

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          „Es gibt nur wenige, die gegen unsaubere Athleten bestehen können“, sagt der Trainer von Weitspringer Sebastian Bayer. „So einer ist Sebastian.“ Der 55 Jahre alte Joachim Schulz, Gymnasiallehrer für Mathematik und Sport in Aachen, weiß genauer als viele andere, wovon er spricht. An diesem Samstag kehrt er in seine Heimat Thüringen zurück, wo sein 23 Jahre alter Athlet in Bad Langensalza die Weltmeisterschaftssaison beginnt. Schulz war bis zum Fall der Mauer Trainer bei Turbine Erfurt. Dort hat er Leichtathleten Dopingmittel verabreicht. Und er hat sie selbst ausprobiert.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Sebastian Bayer wusste, als er bei den Hallen-Europameisterschaften im März in Turin 8,71 Meter weit sprang, dass er in der Verdachtszone landen würde. Er habe immer geglaubt, 8,50 Meter sei das Maximum, das man ungedopt erreichen könne, sagte er Minuten nach seinem Sprung. Der Verdacht richte sich hoffentlich nicht gegen ihn. Nun wird deutlich, wie gut er Bescheid wissen muss über die Wirkung und die Nebenwirkungen von Doping.

          „Heute ist eine andere Zeit“

          „Ja, logisch“, antwortet Schulz auf die Frage, ob er als Trainer in der DDR mit Doping in Berührung gekommen sei. „Ja logisch, ich habe es auch verabreicht.“ Das habe er dem Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) gleich 1990, als er aus Erfurt an die niederländische Grenze gezogen war, unumwunden mitgeteilt. Vor gut drei Jahren, sagt Sebastian Bayer, habe Schulz ihn auf einer Autofahrt über die Gepflogenheiten im Hochleistungssport der DDR aufgeklärt. „Ich weiß, dass es von Staats wegen angeordnet wurde“, sagt er über Doping in dem Staat, der unterging, als er drei Jahre alt war. „Was früher passiert ist, ob in der BRD oder in der DDR, ist passiert. Das Thema ist abgeschlossen. Heute ist eine andere Zeit.“

          Der Halleneuropameister: Bestleistung auf einen Schlag um 54 Zentimeter verbessert

          Vorzeitig hatte der Sportclub Turbine Erfurt 1983 den jungen Trainer, der damals Joachim Jünemann hieß, von der Hochschule geholt und ihm eine Hochsprung-Gruppe anvertraut. Auf die Frage, warum sie trotz hervorragender Vorleistungen so schlecht springe, antwortete eine seiner Athletinnen: „Wegen der Blauen.“ Bald hielt der Trainer die entsprechenden Tabletten in der Hand. Der Sportarzt, der das Oral-Turinabol aus der Originalverpackung des VEB Jenapharm in anonyme Plastikdosen gedrückt und ausgegeben hatte, so erinnert sich Schulz, hatte keine Ahnung, sondern lediglich Anweisungen aus Berlin.

          Deshalb fuhr der neugierige Trainer zu seinem Schwager nach Gera, einem Arzt in der Unfallchirurgie. „Der hat mir erst mal erklärt, was die nehmen“, erinnert sich Schulz. Den Trainern sei genauso wie den Athleten die Aufklärung über Risiken und Nebenwirkungen verweigert worden. Er habe es übernommen, seinen Sportlerinnen die Wirkung männlicher Sexualhormone zu erklären.

          Der Trainer schritt zum Selbstversuch

          In den „Doping-Dokumenten“ von Brigitte Berendonk und Werner Franke, dem Standardwerk zum Doping in der DDR, kommt Jungtrainer Jünemann nicht vor. „Ein kleines Licht“, sagt Franke. Doch eines, das auf eigene Faust erhellen wollte, was da vor sich ging. Der Trainer schritt zum Selbstversuch und schluckte die Anabolika seiner Hochspringerin: eine Tablette mit fünf Milligramm Testosteron pro Tag, drei Wochen lang. „Als Mann passiert einem ja nichts, solange man nicht übertreibt“, sagt er.

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