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Leichtathletik der Zukunft : Lasst sie laufen!

Raus aus den Stadien, rein in die Städte: 150-Meter-Lauf mit Usain Bolt (natürlich vorne) in Manchester Bild: AP

Die WM war insgesamt schön, aber nicht immer zufriedenstellend. FAZ.NET präsentiert Vorschläge, wie die Leichtathletik der Zukunft aussehen könnte: Hammerwerfen im Central Park, Zehnkampf statt Elfkampf und K.-o.-Duelle im Diskusring.

          Wenn Fußballklubs die Laufbahnen aus den Stadien reißen, muss man das nicht beklagen. Im Gegenteil: Kommt das Publikum nicht zur Leichtathletik, geht die Leichtathletik zum Publikum. Lasst sie laufen, die Leichtathleten! Stabhochspringer und Kugelstoßer, Marathonläufer und Sprinter machen es längst vor. Beim Berlin-Marathon starten Jahr für Jahr 40.000 Menschen. Den Leistungen an der Spitze tut das keinen Abbruch: Haile Gebrselassie will im September seinen Weltrekord zum dritten Mal verbessern. Werfer-Festivals brauchen kaum mehr als eine Wiese oder einen Markt, die Hammerschlag vertragen. Große Sprünge brauchen noch weniger Platz, wie Stabhochspringen in Einkaufszentrum und Fußgängerzone beweist. Selbst Bahnrennen lassen sich, wie Manchester mit dem 150-Meter-Lauf von Usain Bolt gezeigt hat, in Innenstädte verlegen.

          Claus Dieterle
          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Die domestizierte Leichtathletik auszuwildern hätte zwei Vorteile: Nicht nur Metropolen mit Riesenstadien könnten große Meisterschaften ausrichten, sondern auch Länder, die über sportliches Potential, nicht aber über eine Infrastruktur wie Berlin verfügen - Jamaika etwa, Kenia und die Vereinigten Staaten von Amerika. Von dort kommen die besten Athleten der Welt. Doch WM-reife Stadien? Fehlanzeige. Das Schicksal der Usain Bolt, Linet Masai und Allyson Felix als Gastarbeiter muss mit Titelkämpfen in ihren Heimatländern wenigstens symbolisch beendet werden.

          Die Marathonläufe der WM im Berliner Regierungsviertel beweisen, dass Wettbewerbe portioniert und über eine Region verteilt werden können. Temporäre Tribünen können überall aufgeschlagen werden, und die Funk- und Fernsehtechnik ermöglicht Direktübertragungen aus Raumkapseln und von Segelbooten. Es ist keine Schwierigkeit, Bilder von Sprints in Montego Bay, Langläufen in Eldoret und Hammerwerfen im Central Park in alle Welt zu senden.

          Stabhochspringen beim Ball des Sports: Es muss nicht immer ein Stadion sein

          Über die Globalisierung der Leichtathletik hinaus wäre diese Bewegung zurück zu den Wurzeln das Ende der Weltrekorde, der unerreichbaren und vergifteten Bestleistungen. Strecken und Anlagen außerhalb strengster Normen sind einfach nicht vergleichbar. So kämen Titel, Zweikämpfe und die Auseinandersetzung mit den Widrigkeiten der Natur zu größeren Ehren. Nichts wie raus!

          Debakel Zehnkampfregeln: Niemand weiß, wer die Medaillen gewonnen hat

          Solange die Befreiung der Leichtathletik noch nicht stattgefunden hat, gibt es genügend andere Möglichkeiten, um ein bisschen Staub abzuschütteln. Fangen wir bei den Königen der Leichtathleten an, den Zehnkämpfern. Wenn die Athleten nach zwei Tagen die 100 Meter hinter sich haben, den Weitsprung, das Kugelstoßen, den Hochsprung, die 400 Meter, die 110 Meter Hürden, den Diskuswurf, den Stabhochsprung und das Speerwerfen - dann trennen sie nur noch 1500 Meter vom Ziel. Das ist eine letzte höllische Anstrengung - aber noch gar nichts gegen die Konfusion, die im Ziel bei Zuschauern und Athleten herrscht. Niemand weiß, wer am Ende die Medaillen gewonnen hat.

          Die einen liegen auf der Bahn und schnappen nach Luft, die anderen sitzen auf der Tribüne und spekulieren. Dabei gibt es doch die Gundersen-Methode. Damit kann man den komplizierten Schlüssel einfach wegschmeißen, mit dem man aus einem Zehnkampf einen Elfkampf macht. Weil man erst nachrechnen muss, wer gewonnen hat. Wenn die Zehnkämpfer ihr letztes Rennen wie die Nordischen Kombinierer hübsch der Reihe nach starten würden, wüsste man im Ziel wenigstens gleich, wer unter den Erschöpften, die hinter der Ziellinie zusammenbrechen, gewonnen hat: derjenige, der im Haufen ganz unten liegt.

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