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Harald Schmids WM-Kolumne (5) : Qual als Glück empfinden

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Alles ist möglich, wenn man es nicht als Qual empfindet: Roman Sebrle Bild: AFP

Die Werfer holen Medaillen, doch die deutschen Läufer sind kaum zu sehen. Auch dem Glücksgeheimnis der Zehnkämpfer ist Harald Schmid in seiner WM-Kolumne auf der Spur. Doch etwas scheint in Berlin für eine „richtige“ WM zu fehlen.

          Die deutschen Werferinnen und Werfer überzeugen und gewinnen Medaillen. Die Frauen haben im Mehrkampf überzeugt und im Sprung wird sich auch noch etwas tun. Doch Gustav Schwenk, die Journalistenlegende, steht verzweifelt in einem der Flure im Olympiastadion und weinte früheren Zeiten nach. Er vermisst die deutschen Läufer. Treten sie vereinzelt auf, dann spart das Stadion nicht an Begeisterung. Robert Hering konnte es bei seinem Halbfinale über 200 Meter genießen. Er ist gerade 19 Jahre alt, und lief vielversprechend. Wir wollen mehr von ihm sehen!

          Seltsam ist, dass einige Wettkämpfe eine extreme Spannung im Stadion auslösen, andere wieder nicht. Meist sind es die Duelle der Favoriten, manchmal ist es ein Dreikampf, der Begeisterung hervorruft. Das Szenario im Diskuswerfen hätte kaum besser sein können. Bei jedem Wurf von Robert Harting raste der Puls des Zuschauers - und noch stärker, als sein polnischer Mitstreiter zum letzten Wurf ansetzte. Harting hatte schon vor dem Wettkampf verkündet, das Berliner Olympiastadion sei „sein“ Stadion. Das müsse den anderen Diskuswerfern bekannt sein und sie müssten damit rechnen, dass er seinen Heimvorteil nutzen wolle. Harting ist ein Typ, das muss man ihm lassen - auch wenn er mit seinen unbedachten Aussagen nicht immer Zustimmung hervorruft (siehe auch: Leichtathletik-WM: Diskuswerfer Harting gewinnt Gold).

          „Leichtathletik-Legionäre“ gab es schon in der Antike

          Die 100 Meter Hürden der Frauen brachten wieder einen jamaikanischen Erfolg. Zumindest einem Geheimnis dieser Leichtathletik-Insel bin ich auf der Spur. Ich hatte bereits erwähnt, dass die Läufer mit sehr guter Lauftechnik aufwarten. Brigitte Foster-Hylton, die Siegerin des Hürdenlaufs lobte deswegen ihren Trainer überschwänglich. Er sei pedantisch in dem Bestreben, ihre Technik zu vervollkommnen, gerade weil dieser Lauf über die Hürden so anspruchsvoll sei. Wenigstens ein Erklärungsbaustein.

          Brigitte Foster-Hylton (vorne): Pedantischer Technik-Trainer als Baustein des Erfolgs

          Doch wie soll ich diesen 800-Meter-Lauf der Frauen einordnen? Da gewinnt die aus dem Nichts in der Weltspitze aufgetauchte südafrikanische Läuferin Caster Semenya unangefochten in Jahresweltbestzeit. Einiges an diesem Lauf und an dieser Figur macht mich nachdenklich.

          Über die 1500 Meter der Männer ging Kenia leer aus, stellte aber den Sieger und den Dritten. Wie das? Der Sieger Yusuf Saad Kamel ist in Kenia geboren - startet aber für Bahrein. Und auch Bernhard Lagat stammt aus Kenia, läuft aber seit längerem für die Vereinigten Staaten. Sollte man sich über „Leichtathletik-Legionäre“ erregen, die für Geld oder andere Gründe ihr Land verlassen? Das jedoch hat jahrtausende alte Tradition: Schon zur Zeit der antiken Olympischen Spiele wurde ein berühmter Athlet abgeworben. Astylos von Kroton (heute Crotone, Süditalien) war achtfacher Olympiasieger zur Zeit der Perserkriege. Er feierte Siege im Stadionlauf, im Doppellauf und im Waffenlauf. Aus nicht bekannten Gründen kehrte er aber seiner Heimatstadt den Rücken und trat im Jahre 484 als Syrakusaner an.

          Das Beispiel zeigt, dass die Leichtathletik die internationalste Sportart ist. Sie ist mit ihren Disziplinen so durchlässig, dass auch die kleinsten Nationen ihre Chance haben. Das wird in Berlin jeden Tag bewiesen.

          Eine richtige WM ist es nur mit „Public Viewing“

          „Roman Sebrle ist schon alt.“ Diesen Spruch schnappte ich bei den Fachleuten im Stadion auf. Doch der Zehnkampf-Weltrekordhalter liegt nach dem ersten Tag noch immer vor den Jungen wie Pascal Behrenbruch. Gerd Kanter, der Diskuswerfer aus Estland, schreibt in seinem Buch „Everything is possible“ über den Weg zur Höchstleistung. Dank dieser Lektüre fällt es leichter zu verstehen, warum sich Männer über zwei Tage hinweg durch zehn Disziplinen bis aufs Äußerste quälen. Das Geheimnis ist, dass sie es gar nicht als Qual empfinden. Sie sind glücklich bei dem, was sie tun. Sie lieben das Training Tag für Tag, und sie sind mit Lust beim Wettkampf. „Mach es so!“ - oder du wirst nie ein Zehnkämpfer sein.

          In der Stadt entsteht übrigens ein gutes Gefühl für die WM, auch wenn es keine richtige WM sei. Jedenfalls wurde ich Zeuge eines Gesprächs in der S-Bahn. Dort wurde klar gestellt, dass es nur eine WM sein könne, wenn es auch „Public Viewing“ gäbe. Das sei schließlich bei der richtigen WM auch so gewesen.

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