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Leichtathletik-WM : Thomas Röhler und die Kraft der Innovation

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Slackline statt Speerwurf: Alternatives Training ist des Thüringers Erfolgsrezept.
Slackline statt Speerwurf: Alternatives Training ist des Thüringers Erfolgsrezept. : Bild: Picture-Alliance

Das Thema verhagelt Röhler die Laune. Auch jetzt in seinem Lieblingscafé, in Sichtweite des Jentowers, der, das Stadtbild dominierend, aus der Ferne ein bisschen ausschaut wie eine Keksrolle. Eigentlich sollte es mal ein Fernglas werden. Jena, die Optikerstadt, mit Abbe, Schott, Zeiss. Stadt der Wissenschaft. Lichtstadt. Die Titel gab es alle schon. Auch Röhler versucht es vor allem mit Innovation – so lautet seine Antwort auf Doping. Vor kurzem hat er mit Bewegungsforschern der Uni Jena ein Forschungsprojekt zu Faszien begonnen. Über die wisse man noch sehr wenig in der Sportwissenschaft, sagt er. Bislang hielt man sie eher für passiv. Aber: „Die Struktur kann mehr als nur rumliegen und Muskeln umhüllen“, ist Röhler sicher. Die Idee entstand aus dem Training heraus. „Was Schmerzsignale melden kann, kann man auch aktiv ansteuern.“ Und damit gezielt nutzen.

Seine Blackroll hat er auf allen Reisen im Handgepäck. Er nutzt auch Magnetfeldtherapie für die Regeneration; Flugkurvenkalkulation und Berechnung der Anlaufgeschwindigkeit sind selbstverständlich. Röhler plant alles genau: Wie viel Risiko bringt wie viel Weite? Die 100 Meter hält er für machbar. Neuerdings kommt auch eine Drohne im Training zum Einsatz. Die Draufsicht soll helfen, um den Bewegungsablauf beim Wurf weiter zu optimieren. Ein Physikstudium scheiterte einst am Stundenplan. Wirtschaft hat er inzwischen mit Eins abgeschlossen.

Der ganz große Wurf: Mit diesem gewann Röhler in Rio Olympia-Gold.
Der ganz große Wurf: Mit diesem gewann Röhler in Rio Olympia-Gold. : Bild: dpa

Röhler ist ein Tüftler. Seit Kindestagen begleitet ihn das Interesse an komplexen Fragen, die Neugier – der Mut, Dinge zu probieren. Nicht das härteste, „das cleverste Training“ ist es, das Erfolg bringt, davon ist er überzeugt. Doch bei allem Ehrgeiz braucht es auch Entschleunigung. Zuletzt ging er fast täglich Angeln, mal eine Stunde, manchmal zwei. Die Saale fließt direkt vor der Tür. In Jena ist zwar kaum etwas zu fischen. Doch darum geht es ihm nicht, wenn er am Ufer zwischen Brombeersträuchern und Kletten hockt. Es ist einfach das In-sich-ruhen. Neulich, erzählt er, schwamm sogar ein Biber vorbei. Und das ist es ja auch überhaupt, was seine Heimat für ihn ausmacht. „Egal, wo du bist – es sind zehn Minuten zu Fuß, und schon stehst du im Grünen.“ Oder oben, auf den Kernbergen, zum Wandern auf Muschelkalkfels. Es ist diese Kombination aus Lebendigkeit, Natur und Ruhe. Jena ist eine Studentenstadt. Von den 100000 Einwohnern ist gut ein Viertel an der Uni eingeschrieben.

Röhler will hier nicht weg. „Ich bin hier aufgewachsen. Klar will ich der Stadt etwas zurückgeben.“ Es stand um den Sport in Jena auch schon mal schlechter. Der FC Carl Zeiss hat sich jüngst in der dritten Fußball-Liga zurückgemeldet. Im kommenden Jahr soll es endlich ein neues Stadion geben. Auch der LC, nach dem schlimmen Hochwasser vor vier Jahren noch am Rande der Existenz, wächst immer weiter. „Vor Nachwuchs können wir uns derzeit kaum retten“, sagt Röhler. Das hat freilich auch mit ihm zu tun. Als Olympiasieger klappert er Woche für Woche die Grundschulen ab. Mit seinen Streichholztricks hat er schon manches Kind aus der Halle zum Verein gelockt.

Jetzt also London. Einen kleinen Plüschbär hat er als Glücksbringer bei sich. In Rio war es ein gehäkeltes Chamäleon. „Der Familie fällt immer etwas Neues ein“, sagt Röhler und lacht. Eltern und Freundin werden ihn von der Tribüne unterstützen. Und auch der Lieblingsspeer ist im Gepäck: der lila-weiß geringelte Schwede. „Auf den ist bei allen Wettern Verlass“, behauptet Röhler. Beim britischen Wetter weiß man ja nie.

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