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Leichtathletik-WM : Warum Holzdeppe auch mit Silber glücklich ist

Zu Gold reichte es nicht, aber Raphael Holzdeppe durfte über Silber jubeln. Bild: AFP

2013 holte sich Raphael Holzdeppe den WM-Titel. Nun gewinnt der Stabhochspringer in Peking Silber. Er muss sich nicht Favorit Renaud Lavillenie geschlagen geben, sondern einem Youngster. Dennoch ist Holzdeppe zufrieden.

          Was für ein Duell: Als Raphael Holzdeppe sich aufschwang, dem Führenden die sichere Goldmedaille zu entreißen, da feuerte dieser ihn mit Applaus an. Und es war nicht der überragende Stabhochspringer der vergangenen Jahre, mit dem der Titelverteidiger sich maß, der Franzose Renaud Lavillenie; der Olympiasieger und Inhaber des Weltrekords war dreimal an 5,90 Meter gescheitert. Es war ein 21 Jahre alter Amerikaner mit roten Haaren namens Shawnacy Barber, der für Kanada startet, der die Goldmedaille in den Händen hielt und behielt, als Holzdeppe zum letzten Sprung des Abends abhob.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          „Zwei Sachen gingen mir durch den Kopf“, beschrieb Holzdeppe die innere Kabinenansage bei seinem letzten Abflug des Abends im Vogelnest, der ihn zum ersten Mal in seinem Leben über sechs Meter tragen sollte. „Versuch irgendwie drüber zu kommen! Und zugleich habe ich gemerkt, dass nicht mehr drin war. Ich bin zufrieden.“ Die beiden Besten des Wettbewerbs scheiterten an sechs Meter, der Schallgrenze des Stabhochsprungs. Barber hatte alle Höhen zuvor im ersten Versuch gemeistert; mit drei Fehlversuchen wurde Holzdeppe Zweiter.

          Dankbarkeit und Demut waren die Grundierung seines Glücks. Vor zwei Jahren in Moskau Weltmeister geworden, hatte Holzdeppe danach einen Absturz aus Verletzungen und Erschöpfung erlebt, der ihm bald zwei Jahre lang ein bisschen viel Bodenhaftung für einen Stabhochspringer von Weltklasse verschaffte.

          Shawnacy Barber holt gleich Gold bei seiner ersten WM. Bilderstrecke

          „Das Wichtigste ist, dass ich das Gefühl habe, wieder in der Spur zu sein“, resümierte der 25 Jahre alte Pfälzer deshalb nun die Lage. „Silber ist dafür die Bestätigung. Nächstes Jahr wartet die größere Meisterschaft.“ Obacht, soll das heißen, der alte Holzdeppe ist im Anflug auf die Olympischen Spiele von Rio de Janeiro.

          Mit der ganzen Erfahrung seiner 25 Jahre nahm Holzdeppe nach dem Wettkampf den Rotschopf Barber, der in Toronto lebt und in Akron (Ohio) studiert, an seine Seite und zeigte ihm, wo es auf die Ehrenrunde geht in so einem Stadion. Ja, auch Peking 2015 hat einen Überraschungs-Weltmeister im Stabhochsprung hervorgebracht: wie der Niederländer Rens Blom 2005 in Helsinki, der alte Steven Hooker mit seinem letzten Hurra bei der Weltmeisterschaft 2009 in Berlin, der Pole Pawel Wojciechowski 2011 in Daegu und der 23 Jahre alte Holzdeppe vor zwei Jahren in Moskau ist es nun der 21 Jahre alte Shawnacy Barber.

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          „Für Lavillenie wächst sich das zu einem Fluch aus“, kommentierte Tobias Scherbarth, der mit 5,65 Meter Siebter wurde. „Der beste Stabhochspringer, den es je gegeben hat, ist nun schon zum vierten Mal nacheinander nicht Weltmeister geworden.“ Gemeinsam mit Wojciechowski und dessen Landsmann Pjotr Lisek wurde er Dritter.

          Den gerade flügge gewordenen Weltmeister kennt Scherbarth gut. Am Ende seiner Wettkampf-Tour durch Europa und insbesondere Deutschland quartierten sich Barber und sein Vater George in einem preiswerten Appartement in Leverkusen ein und trainierten mit am Olympiastützpunkt. „Er ist gut integriert und wird bestimmt nächstes Jahr wiederkommen“, prognostiziert Scherbarth. Nicht nur die Medaillen Olympias locken, sondern Barber darf, sobald er seinen Hochschul-Abschluss hat, endlich auch Antritts- und Preisgeld annehmen. Noch ist der Weltmeister in der kuriosen Situation, nun zu den begehrtesten Athleten auf einem florierenden Markt zu gehören, aber ein lupenreiner Amateur bleiben zu müssen, um seine Zulassung an der Hochschule nicht zu gefährden.

          Barber hätte, da er zwei Staatsbürgerschaften besitzt, auch für Team USA starten können. Doch wie sein Vater, ehemaliger Stabhochspringer und nun Trainer, entschied er sich gegen das System der Trials und für Kanada. In Leverkusen, der Hochburg des Stabhochsprungs in Deutschland, sorgten Vater und Sohn mit ihren innovativen Stäben für Aufsehen. Sie sind wie konventionelle Stäbe heute ebenfalls aus Karbon, sind aber mit 5,38 Meter länger und haben eine hoch sitzende Biegezone. So hoch wie Barber kann kaum ein anderer Stabhochspringer greifen. „Das ist ein extremer Vorteil“, findet Scherbarth. „Ich werde das unbedingt ausprobieren.“

          „Ich weiß gar nicht, ob ich mit so einem Stab drüber kommen würde“, sagte Holzdeppe. „Jeder hat seinen Stil.“ Am Vorabend noch hatte er sich das Sprintfinale im Fernsehen angeschaut, in dem Usain Bolt buchstäblich aus einem Tief zum Titel sprintete. „Unglaublich, was der für Nerven hat“, staunten die Stabhochspringer, und Scherbarth versicherte seinem Mannschaftskameraden Holzdeppe: „Die hast du auch.“ Er irrte sich. „Ich war vom ersten Moment an nervös“, sagte Holzdeppe.

          „Ich musste mich nach den ersten Fehlversuchen runterbringen.“ Mit abrupten Steigerungen – 5,65, 5,80, 5,90 und 6,00 Meter – versuchten die Veranstalter den Wettkampf, da sich 16 Springer qualifiziert hatten, zeitlich zu limitieren. „Das Pokern fiel heute aus“, sagte Holzdeppe. „Aber wir haben nicht protestiert. Wer bei der WM eine Medaille will, muss 5,90 oder sechs Meter springen.“

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