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Protestaktion der Dopingopfer : Schwarzsehen für den Durchblick

Hinweis auf „charmante Art”: Ines Geipel und der Verein Doping-Opfer-Hilfe weisen mit ihrer Aktion auf die gravierenden Probleme des Spitzensports hin Bild: dpa

Mit Schutzbrillen machen Doping-Opfer auf den Betrug im Sport aufmerksam - Athleten, Funktionäre und Politiker aber schauen weg. Die Doping-Opfer bleiben im deutschen Sport isoliert.

          Wenn sich an diesem Dienstagmorgen manche Leichtathletikfans noch ein wenig müde und verwundert die Augen reiben sollten über die 100-Meter-Freakshows der vergangenen beiden Nächte (siehe auch: Phänomen Bolt: Fun, Fun, Fun), dann werden sie vor dem Olympiastadion erste Hilfe finden. Vor den Eingängen werden einige Studenten stehen und Doping-Schutzbrillen verteilen, garantiert ohne Nebenwirkungen. Die Schutzbrille für Doping sieht so aus: Lila und Pink mit weißer Schrift. Ein bisschen wie von „Lady Gaga“, wie Ines Geipel findet, einst vom Doping in der DDR geschädigte Leichtathletin und mittlerweile Schriftstellerin und Professorin an der Hochschule für Schauspielkunst in Berlin. 20.000 von den Lady-Gaga-Brillen hat der Verein Doping-Opfer-Hilfe für die Skeptiker des Spektakels herstellen lassen, und falls es in den Tagen der Weltmeisterschaft noch mehr kritische Freunde der Leichtathletik geben sollte, könnten auch noch ganz schnell weitere produziert werden. Am Mittwoch sind die Studenten wieder vor dem Stadion.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Und so funktioniert die Doping-Schutzbrille: aufsetzen und schwarz sehen. Nichts ist zu erkennen. Die Brille ist ein Schwindel. Sie ist aus Pappe, beidseitig verwendbar, und dort, wo sonst das Glas sitzt, stehen die bilingualen Botschaften: „Ich will das nicht sehen.“ Und auf der anderen Seite für die internationalen Fans: „I don't want to see cheats!“ Die Brille, durch die man den Betrug nicht sehen will, soll für die Verdunkelung stehen, die man bei der Leichtathletik-WM jeden Tag erlebe, sagt Ines Geipel: „Man sieht hindurch und sieht nichts.“

          Professionelle Distanz

          Über die Risiken und Nebenwirkungen der Weltmeisterschaften wird ausdrücklich am Brillenbügel hingewiesen: „Sportbegeisterte freuen sich auf einmalige Erlebnisse. Stattdessen bekommen sie Hochglanzbilder, die lügen, Trainer, die leugnen, Anti-Doping-Kommissionen, die das Gift sauberreden, Sportfunktionäre, die den Betrug abnicken, Politiker, die das bezahlen und feiern.“ Und dazu die Forderung der Aktion: „Stand up clean, heroes!“

          Ines Geipel, die vor 25 Jahren den noch heute gültigen Vereinsweltrekord beim SC Motor Jena über 4 mal 100 Meter mit aufstellte - und den sie vergeblich versuchte annullieren zu lassen -, will mit anderen Doping-Opfern auf „eine charmante Art“ auf die gravierenden Probleme des Hochleistungssports hinweisen. Infoblätter gibt es bei der Aktion zu den Brillen natürlich dazu. Die Doping-Opfer selbst aber werden nicht an den Ständen sein. So wollen sie professionelle Distanz zwischen ihren schmerzlichen persönlichen Erfahrungen und ihren aktuellen sportpolitischen Zielen legen.

          Aus der Ecke der „Miesepeter“ heraus

          Sie möchten bei der WM ganz bewusst aus der Ecke der „Miesepeter“ hinaus, wie Ines Geipel sagt. Zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer wollen sie Anschluss an den Zeitgeist finden. „Wir verstehen uns nicht als rückwärtsgewandte Opfer. Wir sind sehr in Sorge mit Blick auf die Zukunft.“ Am kommenden Donnerstag werden sie in Berlin an vier Trainer aus Ost und West auch die Heidi-Krieger-Medaille für engagiertes Wirken gegen Doping im Spitzensport verleihen.

          Aber die Doping-Opfer bleiben im deutschen Sport trotzdem isoliert. Sie wissen das. Sie glauben, dass keine der heutigen deutschen Athleten „aufstehen“ und sich der Aktion anschließen werden. „Wir sind unangenehm. Ich bekomme es zu spüren“, sagt Andreas Krieger, der als Heidi Krieger 1986 in Stuttgart die EM im Kugelstoßen gewann und dem seit seinem 13. Lebensjahr nichtwissentlich Anabolika und männliche Hormone verabreicht wurden. Vor über zehn Jahren unterzog er sich dann einer geschlechtsangleichenden Operation.

          „Bitte handeln Sie! Jetzt!“

          Von den Sportlern ihrer Zeit würden die Doping-Opfer als „Nestbeschmutzer“ angesehen, von der heutigen Generation „als Gegner“, sagt Krieger. „Wir sind Störer, weil wir wenige sind.“ Auch Ines Geipel ist erstaunt, wie wenig Resonanz sie mit ihrem Engagement bei der Athleten-Generation Berlin '09 erzeugen. Die Helden von heute laufen, springen und werfen, was das Zeug hält, aber sie stehen nicht auf. „Es irritiert uns sehr, warum es so viel Stille gibt.“

          Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) findet die Aktionen der Doping-Opfer während der Weltmeisterschaft zumindest nicht als störend. Sagt der DLV zumindest. „Es ist legitim, dass man auf die Auswüchse des Sports hinweist und darauf, dass Doping die Gesundheit ruiniert“, erklärt DLV-Präsident Clemens Prokop. Aber sobald sie sich als Teil des sportpolitischen Prozesses einbringen wollen, stoßen sie an Grenzen.

          Thomas Bach und Michael Vesper, der Präsident und der Generalsekretär des Deutschen Olympischen Sport-Bundes (DOSB), zeigten in Gesprächen zwar Verständnis, als es zum Beispiel um Rente für dopingversehrte Sportler ging. Aber das zuständige Innenministerium, der Staatssekretär blockiert. Weil es noch zu keinem Gespräch mit Innenminister Wolfgang Schäuble gekommen ist, haben sie einen offenen Brief verfasst. Sie fordern darin unter anderem die Entscheidung über die Weiterbeschäftigung dopingbelasteter Trainer zurückzunehmen: „Der kranke Sport braucht mehr noch als diese Revision. Er braucht wirkliche politische Verantwortung, mit einer klaren Haltung und mit Konsequenzen. Bitte handeln Sie! Jetzt!“

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