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Leichtathletik-WM : Kampf ums Überleben

Hoffnung auf neue Identifikationsfiguren: zum Beispiel Ariane Friedrich Bild: ddp

Die Leichtathletik hat in Deutschland einen schweren Stand. Womöglich wird die WM in Berlin zum Adieu dieser Sportart vom Olympiastadion. Dann haben die Fußballspieler von Hertha BSC die Arena für sich.

          3 Min.

          Die Rückkehr nach Deutschland – die amerikanischen Leichtathleten erinnern an ihren Landsmann Jesse Owens und seine vier Olympiasiege bei den Spielen in Nazi-Deutschland von 1936. Auch für Lamine Diack, den Präsidenten des Welt-Leichtathletikverbandes (IAAF), kommt seine Sportart bei der Weltmeisterschaft in Berlin, die am kommenden Wochenende beginnt, nach Hause. „Dieses Land liebt die Leichtathletik und hat eine lange Tradition in unserer Sportart“, schwärmt der einstige Weitspringer aus dem Senegal.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Und wenn er die WM 2009 in einem Atemzug mit den Olympischen Spielen von Berlin 1936 und den Triumphen des Jesse Owens nennt, mit den Olympischen Spielen von München 1972, mit der Weltmeisterschaft von Stuttgart 1993 und dem Weltcup-Finale in Stuttgart, überspielt er eine Tatsache: Die deutschen Leichtathleten kämpfen in den neun Tagen von Berlin nur in zweiter Linie um Medaillen. Vor allem kämpfen sie ums Überleben. Premiumsport mit selbstverständlicher Fernsehpräsenz ist Leichtathletik in Deutschland schon lange nicht mehr.

          Zahlen mit deutlicher Aussagekraft

          Auch wenn Berlin und sein Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit das größte Sportfest des Jahres auf der zweiten Silbe betonen und Sponsoren die Stadt herausputzen, als bestehe sie nur aus leichtathletischen Fanmeilen, könnte die WM doch zur Abschiedsparty werden – zum Adieu der Leichtathletik vom Olympiastadion. Immerhin ist das riesige Oval, das vor reichlich siebzig Jahren der Architekt Werner March tief in den märkischen Sand grub, keine Investitionsruine von Sportgeschäft und politischer Renommeesucht wie das 320 Millionen Euro teure Vogelnest von Peking. Das dient seit den Olympischen Spielen nur mehr als Museum seiner eigenen Vergangenheit.

          Man solle die WM genießen: „So etwas erlebt Deutschland so bald nicht wieder”

          Das Olympiastadion von London 2012 soll sofort nach den Spielen von 90.000 auf 20.000 Sitze zurückgebaut werden, falls es sich nicht doch als Kricketstadion nutzen lässt. Im Berliner Olympiastadion mit einst 100.000 und heute 72.000 Plätzen fand immerhin 2006 das Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft zwischen Italien und Frankreich mit zehn Treffern und einem Kopfstoß statt und seit 1937 das Internationale Stadionfest, kurz Istaf genannt. Das größte und letzte erstklassige Sportfest Deutschlands allerdings zieht 2010 ins weniger als halb so große Jahn-Stadion in Prenzlauer Berg – wenn es denn überhaupt weiter existiert.

          Wird die Laufbahn herausgerissen?

          Womöglich haben Hertha BSC und die Pokalfinalisten eines jeden Jahres das Olympia- und WM-Stadion bald für sich. Wenn der deutschen Leichtathletik zu Berlin keine regelmäßige Veranstaltung einfällt, könnte es kommen wie in der Weltmeisterschaftsstadt Stuttgart: Die Laufbahn wird herausgerissen, Leichtathletik weicht dem Bundesligafußball.

          Das wäre keine Überraschung. Schon vor sieben Jahren war das Istaf am Ende. Vom Insolvenzverwalter kauften damals die Unternehmer Werner Gegenbauer und Gerhard Janetzky die Namensrechte, um die Bewerbung der Stadt um die Weltmeisterschaft zu flankieren. Bis zur WM, versprachen sie, das Istaf am Leben zu erhalten. Nun sind sie daran nicht mehr gebunden. Gegenbauer ist inzwischen Präsident der Hertha.

          Zwar hat der deutsche Steuerzahler das Olympiastadion für mehr als 250 Millionen Euro von Grund auf modernisieren und denkmalgerecht überdachen lassen. Doch was den Stand der Leichtathletik angeht – seine Erfolge und seine Präsenz –, erscheint manchen Deutschland wie ein Entwicklungsland. Bei der Cross-Weltmeisterschaft rügte Diack in scharfen Worten das Fehlen deutscher Läuferinnen und Läufer. Insofern ist die Weltmeisterschaft ein mächtiger Anstoß und ein enormes Entwicklungsprojekt.

          Marathon: Ziel in der Stadt, nicht im Stadion

          Auf der blauen Bahn des Stadions werden sich von den Sprintern Usain Bolt und Tyson Gay gleich am ersten Sonntag über die äthiopischen und kenianischen Wunderläuferinnen und -läufer bis zur überragenden Stabhochspringerin Jelena Isinbajewa alle zeigen, die in der Welt der Leichtathletik Rang und Namen haben.

          Mit den Marathonläufen am Schlusswochenende kommen die Veranstalter ihrem Publikum und der Laufkundschaft sogar entgegen: Erstmals wird deren Ziel nicht im Stadion, sondern in der Stadt liegen: kostenlos erreichbar und sogar für einen Volkslauf geöffnet. Wenn das öffentlich-rechtliche Fernsehen danach auch noch seine letzten Übertragungen von der Leichtathletik einstellen sollte, ist dieser Sportart in Deutschland nicht mehr zu helfen.

          Den quotenfixierten Sendern fehlen deutsche Sieger

          Anders als bei Tour de France und dem Radsport bedroht nicht in erster Linie der – zugegeben – nicht geringe Dopingverdacht die Präsenz auf der Mattscheibe. Den quotenfixierten Sendern fehlen im Gegenteil deutsche Sieger. Sie verlangen Identifikationsfiguren, auf gut deutsch: Weltmeister. Seit Sydney 2000 hat es keine leichtathletischen Olympiasieger gegeben. Die Bilanz der Spiele von Peking war noch schlechter als die von Athen, die mit zwei Silbermedaillen als Tiefpunkt galt. Eine einzige Medaille, die bronzene der enttäuschten Speerwerferin Christina Obergföll, brachten die deutschen Leichtathleten aus China mit.

          Seitdem erleben sie einen enormen Stimmungsumschwung. Zehn Medaillen und drei Titel gewann die deutsche Mannschaft bei der Hallen-Europameisterschaft in Turin mit Weltklasse-Ergebnissen von Ariane Friedrich (2,01 Meter hoch) und Sebastian Bayer (8,71 Meter weit). Irina Mikitenko bestätigte mit dem zweiten Sieg in London ihre Dominanz im Marathon. Das deutsche Team gewann im Juni die neu etikettierte Mannschafts-Europameisterschaft in Portugal. Und gerade übertraf der deutsche Nachwuchs bei der „U 20“-Europameisterschaft in Novi Sad mit zehn Titeln und 25 Medaillen alle anderen.

          Kein Wunder, dass nicht nur Wowereit überzeugt ist, dass der Beitrag von 25 Millionen Euro aus dem Stadtsäckel solch ein Sportfest wert ist. Man solle die WM genießen, empfiehlt DLV-Präsident Clemens Prokop. „So etwas erlebt Deutschland so bald nicht wieder.“

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