https://www.faz.net/-gtl-13jkj

Leichtathletik-WM : Jamaika auf dem Alexanderplatz

Wer trägt den schnellsten Schuh der Welt? Bild: AFP

Das Geschäft liegt auch auf der Straße, meinen die Branchengrößen im Umfeld der Leichathletik-WM. Nike schwört auf seine „Speed Challenge“, Adidas hat eine Laufbahn vor dem Olympiastadion aufgebaut, und Puma macht sich am Alexanderplatz breit.

          Was hat der Pappkamerad denn so drauf? In der Nähe der Gedächtniskirche ist Asafa Powell „am Start“, wie das die Jugendlichen so sagen. Das kann man hier sogar mal wörtlich nehmen. Asafa Powell ist hier tatsächlich jeden Tag am Start, für dreieinhalb Stunden. Die Nummer eins unter den Sportartikelriesen beschäftigt ihn bei der „Nike Speed Challenge“. Auf einer blauen Bahn wie im Olympiastadion hängen nun die vier Jungs in den Startblöcken und fordern den Jamaikaner zum Duell, zwei davon barfuß. Allerdings nur einen Papp-Powell. Und trotzdem hat die Jugend keine Chance. Denn dieser Powell wird auf einem elektrischen Schlitten auf seine nur zwanzig Meter lange Reise geschickt. Nach 2,89 Sekunden ist Powell am Ziel, da kommt kein WM-Tourist in der Berliner Innenstadt mit. 2,89 Sekunden ist nämlich exakt die Zeit, die sich umgerechnet ergibt aus seinen 9,79 Sekunden über 100 Meter von 2008. Das war einmal Weltrekord, vor langer Zeit.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Die Leichtathletik geht auf die Straße. Nicht um zu protestieren, sondern um zu florieren. Das ist Teil eines umfangreichen Marketing-Gesamtkonzepts, denn das Geschäft liegt auch auf der Straße, meinen die Branchengrößen. Aber die Unternehmen tragen in Berlin bei der weltweit größten Sportveranstaltung des Jahres natürlich auch ihr eigenes Duell aus. Nike schwört auf seine „Speed Challenge“, Adidas hat eine Laufbahn vor den Toren des Olympiastadions aufgebaut, und Puma macht sich am Alexanderplatz breit. „Street Meet“ heißt das dort, und das Rennen geht über 25 Meter.

          Beworben wird die Sache für die junge Zielgruppe auch in Facebook. Alles dort ist in den Farben Jamaikas gehalten, und ein Junge trägt die gelben „Bolt Arms“ auf dem Rücken und lässt den Blitz in den blauen Himmel fahren. Aber man kann auch einen Kaffee aus den Blue Mountains auf der Karibikinsel nehmen. Auf dem zugigen Alexanderplatz ist Jamaika auf einmal ganz nah.

          Der coolste Beschleuniger der Leichtathletik ist Usain Bolt

          Der Bolt-Faktor wirkt weltweit

          Usain Bolt hat auch seinen Ausrüster Puma zu einem Gewinner der Weltmeisterschaft gemacht. Zehn Millionen Zuschauer in Deutschland haben das Ereignis über 100 Meter verfolgt, und wie die Zahlen des Fernsehens belegen, ist die Quote erst unmittelbar vor dem Rennen in diese Höhe geschnellt. Der Bolt-Faktor. Er wirkt weltweit, wie der Puma-Vorstandsvorsitzende Jochen Zeitz sagt. Er nutzte schon die Tage vor der WM, um dem coolen Beschleuniger der Leichtathletik ein paar neue Schuhe in die Hand zu drücken, freut sich darüber, dass sich der schnellste Lauf in der Geschichte wohl zum weltgrößten Fernsehereignis der Leichtathletik ausgewachsen hat.

          Als Bolt bei den Olympischen Spielen dreimal Weltrekord lief, habe das für Puma laut einer Studie einen geschätzten Mediawert von 250 Millionen Euro ergeben. „Allein das 100-Meter-Finale in Berlin dürfte wohl mehr als ein Drittel dieser Summe gebracht haben“, sagt Zeitz hochzufrieden in Berlin. Aber mal ehrlich: Wer trägt schon den schnellsten Schuh der Welt auf der Straße?

          Bei der Fußball-Weltmeisterschaft, so heißt es in Branchenkreisen, lässt ein Sieg dagegen sofort die Kassen klingeln. Die Fans kaufen dann sofort ein Trikot für das nächste Spiel. Ob der neue „Yaam“ von Bolt, mit dem er nun auch noch die 200 Meter und die Staffel gewinnen will, ein Renner wird? Aber darum geht es Puma auch nicht vordringlich. „Usain Bolt bringt ein nie gekanntes Maß an Lockerheit in den Sport, und das finden viele Menschen attraktiv“, sagt Zeitz. „Er ist nicht nur der Mann, der einen Rekord aufgestellt hat - sonst wäre diese Begeisterung für ihn weltweit nie zustande gekommen.“ Bolt passe perfekt zu dem eigenen Verständnis als Lifestylemarke.

          „Ich war schon immer ein Just-do-it-Kind

          Auch Adidas gibt sich zum 60. Geburtstag des Unternehmens mit den ersten Tagen der WM und auch mit den Auftritten der gesponserten Athleten zufrieden - obwohl Tyson Gay gegen Bolt nicht mithalten konnte. Aber was heißt das schon bei diesem Rennen, hört man aus Herzogenaurach. Die Medaillen „ihrer“ Sportler sind bei dem Unternehmen dennoch die „i-Tüpfelchen“ ihrer enormen Marketinganstrengungen. An diesem Donnerstag startet Blanka Vlasic in dem gerade in Deutschland vielbeachteten Duell gegen Ariane Friedrich - das heißt aber auch: Adidas gegen Nike. Die Amerikaner rüsten seit 2005 nach jahrzentelanger deutsch-deutscher Verbindung den Deutschen Leichtathletik-Verband bis 2012 aus, angeblich für vierzig Millionen Dollar. Adidas ist dafür in diesem Jahr mit dem Internationalen Leichtathletik-Verband eine Verbindung bis 2019 eingegangen.

          Die Vereinbarung umfasst jeden Aspekt der Leichtathletik, von der Produktentwicklung über Grassroots-Projekte bis hin zum Vertrieb im Einzelhandel. „Wir verstehen unser Engagement bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft als eine Investition in das Image unserer Marke“, sagt Sprecher Oliver Brüggen. Die deutsch-deutsche Bindung, die bei der Fußball-Nationalmannschaft schon seit einem halben Jahrhundert besteht, ist da in der Leichtathletik nicht mehr so entscheidend. Und so kommt es, dass der DLV sich jeden Tag in „Niketown“ präsentiert, und die große deutsche Gold-Hoffnung Ariane Friedrich gegen die Adidas-Athletin Blanka Vlasic um den WM-Titel kämpft. Und das klingt bei Ariane Friedrich dann sponsorenmäßig auch schon ziemlich cool: „Ich war schon immer ein Just-do-it-Kind.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Sowohl Trump als auch Johnson winken mit ihrem zerstörerischen Potential. Nur schätzen sie ihre Position falsch ein.

          Schwäche der EU? : Boris Trump

          Sowohl Trump als auch Johnson verschätzen sich: Man kann aus den Wechselbeziehungen der globalisierten Welt nicht in Trotzecken fliehen und dabei nachhaltige Gewinne machen. Europa ist da in einer stärkeren Position.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.