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Zwischen Wüsten-WM und Olympia : Probleme mit Ansage – und sonst?

Eines der Highlights: Die polnische Staffel freut sich über einen nicht von allen so erwarteten Erfolg. Bild: Reuters

Sehenden Auges hat die Leichtathletik ihre wichtigste Veranstaltung meistbietend versteigert und zugelassen, dass Athleten ihre Gesundheit aufs Spiel setzen. Und die Zukunft sieht nicht besser aus.

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          Eine der Schwierigkeiten sprachen die Veranstalter der Leichtathletik-Weltmeisterschaft offen an: den Ausfall der Lautsprecher im Stadion. Sie bestanden geradezu darauf, dass die Technik repariert werden musste. Das Hin und Her um die Siegerehrung des qatarischen Volkshelden Mutaz Barshim war der Grund. Zunächst zogen sie die Zeremonie spontan vor, dann, als sie ihn aus der Pressekonferenz ins inzwischen menschenleere Khalifa-Stadion gezerrt hatten, bliesen sie sie ab.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Barshim also wurde am nächsten Tag gefeiert. Das hatten er und sein Publikum verdient. Sie hatten zum ersten Mal bei dieser WM, am achten von zehn Tagen, Stimmung entfacht. Barshim lockte so viele Zuschauer ins Stadion, dass Tribünen gesperrt wurden, selbst für Besucher, die Tickets vorweisen konnten. Ihre Zahl gab das OK mit 42.000 an – so viele, wie ins Stadion passen, wenn nicht Tribünen verhängt und große Areale Presse und Fernsehen vorbehalten sind, wie es bei dieser WM der Fall war. Und die verschobene Siegerehrung? Die habe allein mit defekten Lautsprechern zu tun.

          Probleme mit Ansage – das könnte das Motto dieser Weltmeisterschaft in der Wüste sein. Sehenden Auges hat der Weltverband IAAF seine wichtigste Veranstaltung meistbietend versteigert und ließ zu, dass Marathonläufer und Geher in dem feindseligen Klima von Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit ihre Gesundheit aufs Spiel setzten. Vielleicht war es gut, dass es nicht einmal gelang, für diese Wettbewerbe ein Publikum zu finden. Statt in die Stadt legten die Organisatoren die Strecken auf eine autobahnähnliche Schnellstraße, die Doha City gegenüber an der Bucht liegt. Die Fernsehbilder erwiesen sich als PR-Desaster.

          Farbenfroh inszeniert: die Abschlussfeier der Leichtathletik-WM in Doha

          „Legacy“ („Erbe“) war das Schlagwort gewesen, als Sebastian Coe die Olympischen Spiele von 2012 für London gewann und organisierte. Der Sport, die Stadt, die Menschen – alle sollten mit einem Erbe bedacht werden. Nun ist Coe, der ehemalige Läufer, als Präsident eines Verbandes wiedergewählt worden, der künftig als World Athletics firmieren wird. Und hat, statt Doha mehr zu hinterlassen als die Erinnerung an den schönen Abend mit Barshim, mit einem Erbe zu tun, das er mit dem Wechsel des Etiketts hinter sich lassen will. Dies wird kaum gelingen, denn die WM verkaufte Coes Vorgänger Lamine Diack auch an Eugene in Oregon. Sie wird 2021 die Kulisse bilden bei der Geburtstagsfeier des Unternehmens Nike an dessen Gründungsort. Die WM geht damit in die Heimat des Nike Oregon Project, dessen Gründer und Kopf während dieser Weltmeisterschaft gesperrt und ausgeschlossen wurde.

          Konnte die WM wenigstens als Testlauf für Tokio 2020 dienen? Auch die Vergabe der Sommerspiele nach Japan hat Diack, durch den Verkauf eines olympischen Stimmenpaketes, manipuliert. Was Straßenläufer und Geher am Rande des Zusammenbruchs lehren konnten, wird sich in Japan zeigen. Das Stadion dort wird nicht, wie das in Doha, klimatisiert sein; feuchte Hitze wird alle Leichtathleten berühren. Das gekühlte Stadion von Doha bot, so empfanden es nicht wenige Athleten, perfekte Bedingungen. Gewiss ist man als Sportler nicht für Umweltverträglichkeit der Veranstaltung und die Menschenrechtslage am Ort verantwortlich. Aber eine Meinung, etwa zur Technologie von gestern – von brüllenden Gasgeneratoren statt von Sonnenenergie gespeiste Air-Condition – und zur Behandlung der äthiopischen und kenianischen Arbeiter, die zu ihren Athleten ins Stadion kamen, dürfen sie schon haben.

          Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, wenn das Klima im August 2020 die Olympiateilnehmer bremst. Der eine oder andere Leichtathlet bringt sich mit Bestleistungen in Verruf, statt gefeiert zu werden. Betretenes Schweigen herrschte auf weiten Teilen der Pressetribüne, als etwa Olympiasiegerin Shaunae Miller-Uibo die 400 Meter in 48,37 Sekunden hinter sich brachte. In diese Dimension sind in diesem Jahrtausend lediglich zwei Frauen vorgestoßen. Shaunae Miller-Uibo wurde Zweite.

          Die siegreiche Salwa Eid Naser, in Nigeria geboren und für Bahrein am Start, kam mit ihren 48,14 Sekunden dem Erbe des Kalten Krieges und dem Rekord von Marita Koch vom Oktober 1985 so nahe wie keine Frau zuvor. Verdacht durch Nähe entsteht auch über Zeit und Kontinente hinweg. In angenehmer Erinnerung werden der Stabhochsprung bleiben, die lustige Mixed-Staffel, der Zehnkampf. Allerdings nicht so sehr, wie es sich die Zeitung „Gulf Times“ wünscht. Das Blatt aus Doha fasste Coes geschmeidiges Lob für ihre WM in der Schlagzeile „the best ever“ zusammen – Worte, die Coe gar nicht benutzt hatte.

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