https://www.faz.net/-gtl-9rpg9

Läuferin Mayada Al Sayad : „Auch arabische Frauen haben etwas zu sagen“

Außer Puste: Mayada al Sayad beim WM-Marathon in Doha Bild: dpa

Die Geschichte der Berlinerin Mayada Al Sayad, die für Palästina startet, ist bei der Leichtathletik-WM in Doha vor allem für arabische Frauen ein Signal. Die Torturen beim Marathon ertrug sie nur aus einem bestimmten Grund.

          2 Min.

          Immer mal wieder taumelten Läuferinnen kraftlos am Straßenrand. Elektrowagen sausten vorbei, in denen erschöpfte Läuferinnen mit Infusionsschläuchen im Arm durch die Nacht zur Ersten Hilfe gebracht wurden. Mayada Al Sayad zwang sich, nicht hinzusehen, während sie sich Kilometer um Kilometer, Stunde um Stunde einsam die achtspurige Autostraße hinauf und hinunter quälte. Nimm genug Wasser, sagte sie sich, wenn sie alle dreitausend Meter eine Versorgungsstation erreichte, trink genug und kühl deinen Körper.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Es ging nur darum, die Tortur durchzustehen. Nach dreieinhalb Stunden, als Dutzende von Läuferinnen auf Tragen, im Rollstuhl oder auf eigenen Füßen wankend im Medizinzelt verschwunden waren, erreichte Mayada Al Sayad das Ziel. Sie hatte den Marathon der Leichtathletik-Weltmeisterschaft von Doha, den 42 Kilometer langen Lauf durch das qatarische Wüstenklima von dreißig Grad Hitze und siebzig Prozent Luftfeuchtigkeit durchgestanden – eine von nur vierzig. Achtundzwanzig mussten aufgeben.

          Aufmunternde Zurufe für Palästina

          Ob dies ein reguläres Rennen war, wurde Mayada Al Sayad gefragt. „Eher nicht“, erwiderte sie. „Das ist hier kein Marathon. Es ist ein langer Lauf gewesen, den man durchhalten musste.“ Aus Respekt vor den Athleten hätte man die Weltmeisterschaft besser woanders ausgetragen. Was sie vom Erlebnis WM hält, zeigt ihr Reiseplan. Am Sonntagabend, Tag drei der zehntägigen Veranstaltung, war sie zurück in Berlin.

          Die 28 Jahre alte Mayada Al Sayad hat eine Mission. Seit vier Jahren tritt sie international für Palästina an, das Heimatland ihres Vaters, Krisenregion, Bürgerkriegsland und nicht anerkannt vom deutschen Staat. Die gebürtige Berlinerin besitzt den deutschen und den palästinensischen Pass. Bei den Weltmeisterschaften von Peking 2015, von London 2017 und nun von Doha war sie einziges Mitglied der Mannschaft, bei den Olympischen Spielen von Rio de Janeiro trug sie beim Einmarsch von sechs palästinensischen Athleten die Fahne. Sie habe auf der Strecke aufmunternde Zurufe für Palästina erhalten, erzählt sie. Im Zielraum stürzte ihr eine Helferin entgegen, filmte und bejubelte sie auf Arabisch: „Ich bin so stolz auf dich!“

          In der Hitze der Nacht: Mayada Al Sayad in Doha

          Auf solche Resonanz kommt es Mayada Al Sayad an. „Ich will Vorbild sein“ sagt sie. „Ich will zeigen, dass auch arabische Frauen sportlich etwas zu sagen haben und gut sein können im Sport.“ Die Vertretung Palästinas in der Welt der Leichtathletik ist Familiensache. Mutter Anja, die aus Thüringen stammt, und Vater Mauwiyah, der zum Studium in die DDR kam und inzwischen eine Reihe von Dentallabors gegründet hat, sind als Mannschaftsleiter und Technischer Direktor akkreditiert. Die Mannschaft besteht allein aus Mayada Al Sayad. Das Trikot mit der palästinensischen Flagge, das die Mutter trägt, ist ein Geschenk ihres Vereins: Fortuna Marzahn mit Sitz in der Allee der Kosmonauten im Osten Berlins. Dessen pensionierter Trainer Hansi Stephan ist in Doha als Nationalcoach im Einsatz.

          Was wie ein Spaß wirkt, ist nicht nur dadurch ernst geworden, dass der Weltverband der Leichtathleten Läuferinnen und Läufer, Geherinnen und Geher gesundheitlichen Gefahren aussetzt, indem er unter solchen Bedingungen Wettbewerbe ausrichtet. „Dies bedeutet sehr viel“, sagt Mazen Khatib, Präsident des palästinensischen Leichtathletikverbandes. Das Volk sei stolz auf sie, und besonders für die palästinensischen Frauen sei sie ein Vorbild. „Wir wünschen uns, dass sich diese Frau aus Palästina auch für die Olympischen Spiele in Tokio qualifiziert.“ Mit Läufen in der Mittagshitze von Spanien hatte sich Mayada Al Sayad im Urlaub von ihrem Beruf als Zahntechnikerin auf Doha vorbereitet. Für Tokio, wo ähnliche Bedingungen herrschen, werde sie dieselbe Strategie wählen. Im November fliegt sie zur Vorbereitung auf den Halbmarathon von Jericho nach Palästina. Kein Leichtathlet des Landes erfüllte eine der WM-Normen für Doha. Mayada Al Sayad bekam die Wild Card vom Weltverband, damit Palästina bei der WM nicht fehlt.

          Weitere Themen

          Liverpool stottert den hundert Punkten entgegen

          Premier League : Liverpool stottert den hundert Punkten entgegen

          Der FC Liverpool muss nach einem Unentschieden gegen Burnley aus den verbleibenden drei Spielen noch sieben Punkte einspielen für die angestrebte Hundert-Punkte-Marke. Ein deutscher Landsmann von Jürgen Klopp muss derweil in die Zweitklassigkeit.

          Topmeldungen

          Friedrich Merz (CDU)

          F.A.S. exklusiv : Merz will die Quote abwenden

          Friedrich Merz arbeitet bereits an einem Gegenvorschlag zu einer verbindlichen Frauenquote in der CDU. Und auch die Basis der Partei ist skeptisch. Merz’ Konkurrent Armin Laschet will sich nicht dazu äußern.
          Bewohner des dicht besiedelten Viertels Hillbrow in Johannesburg, Südafrika

          Bevölkerungswachstum : Afrikas demographisches Dilemma

          Bis zum Ende des Jahrhunderts leben elf Milliarden Menschen auf der Erde. Vor allem in Afrika steigt die Zahl. Was bedeutet das für den Kontinent und seinen Nachbarn Europa – auch im Hinblick auf das Coronavirus?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.