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Leichtathletik als Event : Hoher Bahnhof

Bitte nicht in die Scheibe fliegen: Shawn Barber als Silhouette in Zürichs Hauptbahnhof Bild: dpa

Den vorweggenommenen Höhepunkt beim Leichtathletik-Meeting in Zürich bildet das Bahnhofsspringen der Stabhochspringer. Für Weltmeister Shawn Barber ist erst bei 6,01 Meter Endstation.

          Auf der Suche nach neuen Attraktionen geht die Leichtathletik schon seit einigen Jahren neue Wege. Und kommt dabei an diversen Orten immer wieder auf die gleiche Idee: Wenn die Leute nicht zu uns in die Stadien kommen, dann müssen wir eben zu den Leuten kommen. Vor allem die technischen Disziplinen, die auf relativ engem Raum durchgeführt werden können, eignen sich für diese Spezialevents: Weitsprung in der Stadtmitte, Kugelstoßen in der Fußgängerzone, Stabhochspringen auf dem Marktplatz. Man hat es zuletzt schon häufiger gesehen, dennoch lockt und verblüfft die Nähe zu den Athleten immer wieder die Zuschauer.

          Bei „Weltklasse Zürich“, dem Traditions-Meeting in der Schweizer Finanzmetropole, das an diesem Donnerstag im Stadion Letzigrund (ab 18 Uhr) als vorletzte Station der Diamond League über die Bühne geht, bildete ein vorweggenommener Wettbewerb den Höhepunkt: Stabhochspringen im Hauptbahnhof. Mit Topbesetzung. Die ersten Vier der WM von Peking waren am Start: die Polen Piotr Lisek und Paweł Wojciechowski, die gemeinsam Bronze geholt hatten, der WM-Zweite Raphael Holzdeppe und an der Spitze Überraschungsweltmeister Shawn Barber aus Kanada.

          Laufpublikum in Zehnerreihen: Bitte Vorsicht beim Anlauf des Springers

          In einem Bahnhof gibt es normalerweise viel Laufpublikum, am Mittwochabend kam der Strom der Passanten allerdings schnell zum Erliegen: Auf den Stehplätzen drängten sich die Leute in Zehner-Reihen, um einen Blick auf die verblüffend schnell anlaufenden Athleten zu erhaschen. Deren artistische Kunst in der Luft, über der Latte ist ja für jeden von weither zu beobachten – ein Vorteil dieser Disziplin in Sachen Selbstvermarktungsfähigkeit. Die Sitzplatz-Tribüne war schon lange vorher ausverkauft.

          Die Lautstärke der Musik zwischen den Versuchen erinnerte daran, dass Leistungssport letztlich auch eine Nebensparte der Popkultur darstellt. Doch es war nicht nur ein Show-Event, sondern hatte leistungssportlichen Charakter, was die Stabhochspringer auf engstem Raum zeigten, auch wenn nicht alle zu ihren Bestmarken vorstießen.

          Weltklasse im Hauptbahnhof: Shawn Barber springt kanadischen Landesrekord

          Der Schweizer Lokalmatador Marquis Richards schaffte bei sechs Versuchen nur einen einzigen gültigen, landete mit 5,22 Meter auf dem neunten und letzten Rang. Der WM-Siebte Tobias Scherbarth meisterte gerade mal 5,42, war aber dennoch begeistert: „Hier im Hauptbahnhof zu springen, ist schon Wahnsinn. Die Leute gehen gut mit. Ich hoffe, ich darf nächstes Jahr wiederkommen.“

          Raphael Holzdeppe zeigte sich einmal mehr als Meister des letzten Versuchs, seine Einstiegshöhe von 5,57 überwand er erst im dritten Durchgang. Bei 5,77 war dann aber auch für ihn Schluss. „Da ist ein bisschen der Jetlag durchgekommen“, entschuldigte er sich beim Publikum, dem er ein „super geil“ als Fazit zurief. Mit dem dritten Platz hinter Lisek (beide 5,67) sei er zufrieden. Danach gehörte die Bahnhofsbühne einzig und alleine dem Weltmeister.

          Shawn Barber zeigte eindrucksvoll, dass er vor Wochenfrist nicht zufällig gewonnen hat. Der 21 Jahre junge Kanadier legte 25 Zentimeter zwischen sich und den Rest des Feldes, meisterte 5,77 im ersten Versuch, 5,92 Meter im zweiten und stellte damit zum Abschluss der ausklingende Sommersaison nebenbei einen neuen kanadischen Hallenrekord auf. Erst bei 6,01 Meter war für ihn Endstation.

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