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Leichtathletik-Kommentar : Ein ganz scharfer Tanz

Unaufhaltsam: Usain Bolt Bild:

Usain Bolt ist das Gesicht der Leichtathletik. Es zeigt die Freude am Spektakel samt Weltrekorden. Es bringt aber auch die Zweifel des Dopings mit sich. Ein Kommentar mit FAZ.NET-Spezial zu Bolt.

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          Wer sich fragt, was Usain Bolt am Sonntagabend im Berliner Olympiastadion gezeigt hat, bekommt hier die Antwort: Luggo, Luggo. Das ist der Tanz, den er für seinen Jubel vorbereitet hatte. Das ist nicht die Frage? Wir wollen wissen, ob Bolt ein Wunder der Natur oder das Produkt skrupelloser Manipulation ist?

          50.000 Menschen im Stadion und einige Millionen an den Fernsehgeräten haben gesehen, dass Bolt die hundert Meter auf der blauen Bahn tatsächlich in 9,58 Sekunden gelaufen ist: elegant, überragend, unberührbar. Für den Premierminister seines Landes ist er ein Vorbild, der Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes sieht in ihm den Retter seiner Sportart. Und das Publikum, in Berlin und Kingston, jubelt.

          Kein konkreter Verdacht

          Rennt und tanzt so ein Homunkulus? Das Risiko bei Bekenntnissen für Bolt ist überschaubar. Die These vom Einzeltäter ist, im Falle eines Falles, die probate Ausstiegsstrategie: Wer auffliegt, ist der Böse, alle anderen sind Opfer eines dreisten Betruges. Dabei ist längst klar, dass effektives, heutiges Doping vor allem in Netzen und Kleingruppen betrieben wird; das haben Balco und die Praxis des Doktor Fuentes ebenso hinreichend belegt wie die Uniklinik Freiburg und die Wiener Blutbank.

          Nun gibt es keinen konkreten Verdacht gegen Bolt, im Gegenteil: Tyson Gay, dem auf der blauen Bahn von Berlin in 9,71 Sekunden der drittschnellste Sprint der Sportgeschichte gelang und der trotzdem keine Rolle spielte, verteidigt ihn fast schon leidenschaftlich. Usain sei ein Mensch, sagte Gay, und ein Sprint unter 9,6 Sekunden sei menschenmöglich. Das muss er sagen, schließlich will er, womöglich mit den gleichen Mitteln, zu ähnlichen Resultaten kommen.

          Usain Bolt ist das Gesicht der Leichtathletik

          Auch wenn der Sport in dem, was er Dopingbekämpfung nennt, manchmal über die Grenzen des Zumutbaren hinausgeht, kann doch als gesichert gelten, dass seine Fahnder und seine Labors längst nicht alles, was machbar ist, nachweisen können – wenn sie denn überhaupt danach schauen. Gewiss erklären nicht Aufputschmittel, mit denen gerade fünf jamaikanische Läufer auffielen, die exorbitante Überlegenheit Bolts, zumal er seine Gelassenheit bei zwei Fehlstarts im Halbfinale vorführte.

          Stephen Francis, der Trainer von Asafa Powell, benannte Armut und Perspektivlosigkeit als Antrieb der Athleten in seiner Trainingsgruppe in Kingston. Bolt demonstrierte die Mentalität des Profisportlers, als er die Verwertungskette sportlicher Leistung beschrieb. Spektakel interessiere die Leute, das ziehe Sponsoren an, und davon könnten er und seine Konkurrenten gut leben, sagte er.

          Usain Bolt ist das Gesicht der Leichtathletik. Es ist freundlich und sympathisch, nicht nur beim Luggo, Luggo. Doch das Geschäft der besten Sprinter besteht aus mehr als dem, was man auf der Bahn sieht und in Interviews hört. Manchmal ahnt man, dass es ein Tanz auf der Rasierklinge ist.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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