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Leichtathletik-EM : Turiner Hoch verjagt die Depression von Peking

Erster großer Sieg: Ariane Friedrich holt EM-Gold Bild: dpa

Drei Titel, zehn Medaillen und auch noch den Höhepunkt der Wettbewerbe: Die deutsche Leichtathletik hat bei der Europameisterschaft in Turin zu Beginn des WM-Jahres die Enttäuschungen von Peking hinter sich gelassen.

          3 Min.

          Mit drei Titeln und insgesamt zehn Medaillen hat die Nationalmannschaft bei der Hallen-Europameisterschaft zumindest für ein Zwischenhoch in der deutschen Leichtathletik gesorgt. Den neuen Schwung der seit den Olympischen Spielen von Peking in tiefer Depression gefangenen Sportart verkörperte in Turin am deutlichsten der 22 Jahre alte Sebastian Bayer aus Bremen. Nachdem er im ersten Versuch mit 8,29 Meter den zwanzig Jahre alten deutschen Rekord um vier Zentimeter übertroffen hatte, flog er beim letzten Sprung, seinem zweiten Versuch, auf 8,71 Meter – Europarekord und die zweitbeste Weite, die je in der Halle gesprungen wurde. Der von Bayer angefeuerte Leverkusener Nils Winter wurde mit 8,22 Meter Zweiter.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Auch die mitfavorisierte Hochspringerin Ariane Friedrich aus Frankfurt hielt ihren Erwartungen und dem Druck, unter den sie sich setzte, stand und gewann mit einem Sprung über 2,01 Meter die Goldmedaille. Nach einem Versuch über 2,03 Meter beendete sie den Wettbewerb und ließ sich vom deutschen Block auf der Tribüne feiern. Am Freitag hatten Petra Lammert (Neubrandenburg) und Denise Hinrichs (Wattenscheid) mit 19,66 und 19,63 Meter im Kugelstoßen Gold und Silber gewonnen. (siehe: Leichtathletik-EM kompakt: Doppelsieg mit der Kugel - Hildebrand Sechste)

          „Dies ist Europa-, aber nicht Weltniveau“

          „Wir sind aus der bedrückten Stimmung heraus, die nach Peking auch die Trainer erfasst hatte und zu den Strukturveränderungen geführt hat“, resümierte Chefbundestrainer Herbert Czingon schon vor dem Medaillenregen des dritten und letzten Tages. Seine Prognose von zehn Medaillen – die eingetroffen ist – hatte er vor der Halleneuropameisterschaft noch als Karnevalsscherz eingeordnet. (siehe auch: Mr. Track & Mr. Field: Die zwei Gehirnhälften der Leichtathletik) „Dies ist Europa-, aber nicht Weltniveau“, warnte sein Kollege Rüdiger Harksen in Turin. „Aber man sieht, dass unsere Athleten aufrecht und selbstbewusst in die Wettkämpfe gehen.“ Auch für diejenigen, die in Turin scheiterten, sei dieser internationale Start auf dem Weg nach Berlin und in die Welt der Leichtathletik wertvoll gewesen.

          Gold und Silber vereint: Die deutschen Kugelstoßerinnnen Denise Hinrichs (l.) und Europameisterin Petra Lammert

          Ariane Friedrich, die in den vergangenen Tagen wegen einer leichten Erkältung vom Mannschaftsarzt behandelt wurde, brach nach dem Wettkampf und dem Jubel in Tränen aus, als sie auf den Tod der Mutter ihres Trainers Günter Eisinger in der vergangenen Woche zu sprechen kam. „Dieser Sieg ist für sie“, sagte sie. Die 25 Jahre alte Frankfurterin hatte sich mit Kapuze, Sonnenbrille und Kopfhörern von der Welt abgeschottet, war vor Journalisten buchstäblich davongelaufen, um sich auf ihren Wettbewerb konzentrieren zu können. Die Kroatin Blanka Vlasic, die als stärkste Gegnerin eingeschätzt worden war, scheiterte bereits an der Höhe von 1,97 Meter. „Sie tut mir leid“, sagte Ariane Friedrich.

          Nur Lewis sprang bislang weiter als Bayer

          Sebastian Bayer hatte nach langer Verletzungspause bei der deutschen Meisterschaft in Leipzig vor zwei Wochen seine persönliche Bestleistung auf 8,13 Meter gesteigert, in der Woche darauf um weitere vier Zentimeter auf 8,17 Meter. „Eine ganz normale Entwicklung“ hatte er mit dem Selbstbewusstsein des jungen Überfliegers noch über diese Leistungssteigerung gesagt, zu der auch sein Satz auf 8,29 Meter in Turin noch passte. Doch 8,71 Meter? „Ich bin sprachlos“, sagte Bayer vor der Siegerehrung. „Der Sprung fühlte sich gut an. Ich hatte mit 8,40 Meter gerechnet, mit viel Glück.“

          Nun hat er sich dem 25 Jahre alten Hallen-Weltrekord des Amerikaners Carl Lewis von 8,79 Meter auf acht Zentimeter genähert. Zur Unbeschwertheit des fliegenden Weitspringers dürfte beigetragen haben, dass er in diesem Winter von Leverkusen nach Bremen und dort mit der Hürdensprinterin Carolin Nytra zusammengezogen ist. Weniger Zeit auf der Autobahn, mehr Zeit für Training und Partnerin – „ein Gewinn an Lebensqualität“ resümierte Bayer seinen Wechsel.

          Bronze im Sprint, mit der Kugel und dem Stab

          Sprinterin Verena Sailer, Kugelstoßer Ralf Bartels und Stabhochspringer Alexander Straub gewannen am Sonntagnachmittag Bronzemedaillen. „Ich hatte seit dem Halbfinale mit einer Goldmedaille gerechnete und musste aufpassen, mich nicht verrückt zu machen“, sagte Verena Sailer, die im Winter aus München nach Mannheim gewechselt ist. Sie war im Halbfinale über 60 Meter 7,17 Sekunden gesprintet – die beste Zeit von allen. Im Endlauf kam sie auf 7,22 Sekunden und blieb damit hinter der Russin Jewgenia Roljakowa (7,18) und der Norwegerin Ezinne Okparaebo (7,21) zurück. Trotz ihrer Niederlage freute sie sich: „Jetzt bin ich da, wo ich immer hinwollte.“

          Auch Ralf Bartels aus Neubrandenburg gab sich mit seinen 20,39 Meter und der Bronzemedaille hinter dem überlegenen Olympiasieger Tomasz Majewski aus Polen, der 21,02 Meter stieß, zufrieden. „Silber wäre optimal gewesen“, sagte er. „Bronze ist auch super, aber eben nur Bronze.“ Der Franzose Yves Niaré hatte Bartels mit 20,42 Meter im letzten Versuch übertroffen. Alexander Straub aus Filstal gewann Bronze mit 5,76 Meter. Der Titel ging an den Franzosen Renaud Lavillenie, der 5,81 Meter übersprang. (siehe auch: Leichtathletik-EM kompakt: Gold für Friedrich - Europarekord für Bayer und Dwain Chambers: Ein Mann rechnet ab)

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