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Leichtathletik : Beste Grüße aus Rom an Mister Bolt

Blumengruß aus dem Olympiastadion: Tyson Gay rüstet sich zum Angriff auf Usain Bolt Bild: AP

Tyson Gay und Asafa Powell bringen sich für die WM in Stellung: Ihr Gegner ist fern, läuft aber immer mit: Usain Bolt. In Rom gelang dem Amerikaner Gay sein schnellstes 100-Meter-Rennen unter regulären Bedingugnen bisher.

          Es gibt Momente im Leben, die vergisst man nicht. Wie die junge Helferin, die nach dem Golden-League-Meeting in Rom in den ziemlich vollen Bus zurück zum Hotel einsteigt. Und noch ehe sie sich nach einem freien Platz umschauen kann, steht ein dunkelhäutiger Mann auf, räumt wie selbstverständlich seine Sporttasche vom Sitz neben sich und bietet der jungen Dame mit einer galanten Handbewegung den Fensterplatz an seiner Seite an. Und weil es kein Geringerer ist als Tyson Gay, der noch dazu sein weißes Trikot nur lässig um den Hals geschlungen hat, was ziemlich viel vom muskulösen Oberkörper frei lässt, wechselt das Mädchen erst mal die Gesichtsfarbe, bevor sie sich überschwänglich bedankt.

          Nein, dies ist nicht der Beginn einer wunderbaren Romanze in Rom bei Nacht. Tyson Gay ist nur höflich, und hat genug damit zu tun, mit flinken Daumen auf der Handytastatur eine Message nach der anderen in die Welt hinaus zu schicken. Wahrscheinlich teilt der Amerikaner seinen Leuten daheim gerade mit, dass er das Sprintduell gegen den Jamaikaner Asafa Powell gewonnen hat: 9,77 zu 9,88 Sekunden. Tyson Gay, man sieht es, ist mit sich zufrieden. Vor ihm auf der kleinen Konsole steht als schimmernder Beweis ein nicht sonderlich origineller Pokal. Aber weil so etwas in der Leichtathletik Seltenheitswert hat, hat der 26 Jahre alte Amerikaner schon einen Platz für das gute Stück ausgeguckt: „Der kommt bei mir auf den Kaminsims.“

          Natürlich wären ihm Medaillen letzten Endes lieber. Vor allen bei den Weltmeisterschaften im August in Berlin, und aus Gold sollen sie selbstverständlich auch sein. So wie vor zwei Jahren in Osaka, als er drei davon mit nach Hause brachte. Aber im vergangenen Jahr hat ihn bei Olympia in Peking der Bolt-Schock voll erwischt. Nicht nur ihn. Was der schlaksige Jamaikaner mit Vornamen Usain da vor einem Jahr im Pekinger Vogelnest mit drei Weltrekorden über 100 (9,69 Sekunden) und 200 Meter (19,30) sowie in der 4×100-Meter-Staffel (37,10) veranstaltet hat, während ein frustrierter Gay im Halbfinale ausschied, hat die Sprintwelt nachhaltig erschüttert. Ganz abgesehen davon, dass da mittlerweile Zeiten gerannt werden, von denen selbst ein hochgedopter Sprinter wie Ben Johnson nicht einmal geträumt hat.

          Kein Ballyhoo, dafür Respekt: Powell (l.) und Gay gehen artig miteinander um

          Allerdings hat die Bodybuilder-Figur bei den schnellsten Männern ausgedient, und auch das testosterongeladene Platzhirschgehabe ist einer unspektakulären Professionalität im Umgang miteinander gewichen. Wenn sich Tyson Gay und Asafa Powell, wie jetzt in Rom, zum ersten großen Sprintduell der WM-Saison begegnen, dann trifft ein nüchterner, stets ernst wirkender Amerikaner auf einen etwas bärig-tapsig daherkommenden Jamaikaner, dem man gar nicht so viel Speed zutraut, so langsam und bedächtig, wie er spricht. Aber keiner haut dem anderen verbal zwischen die Löffel oder brüstet sich. Nein, da gibt es kein Ballyhoo. Aber durchaus Respekt.

          Unter regulären Bedingungen war Gay nie schneller

          Und wenn das Rennen vorüber ist, streckt Powell eben dem diesmal schnelleren Amerikaner artig die Hand hin, auch wenn er hinterher kommentarlos in den Katakomben des Olympiastadions verschwindet. Am Tag zuvor, am Hotel-Pool, war er noch redseliger und hat erzählt, dass er vor zwei Wochen bei den Trials daheim in Kingston den angeschlagenen Knöchel noch gar nicht voll belasten konnte und erst bei vielleicht 85 Prozent angekommen sei und dass er jetzt mit einem Mentaltrainer zusammenarbeite, obwohl er andererseits behauptet, gar keine Großereignis-Phobie zu haben: „Das wird mir nachgesagt, aber bisher war es immer mangelnde Fitness.“ Wie dem auch sei: Mit den 9,88 Sekunden von Rom – persönliche Jahresbestzeit – ist er im Soll für Berlin. Wenn auch zu jenen 9,72 Sekunden, die ihn seit September 2008 als zweitschnellsten Mann der Welt ausweisen, noch ein Stück fehlt.

          Tyson Gay redet zwar nicht viel, aber er spricht wenigstens auch nach dem Wettkampf. Immerhin war er – unter regulären Bedingungen – nie schneller unterwegs als in Rom. „Ja, so habe ich mir das heute vorgestellt“, sagt er. „Ich merke technische Fortschritte gegenüber den vorigen Rennen, und meine Form wird besser.“ Dabei hat er in seinen bislang einzigen Auftritten mit 19,58 Sekunden über 200 Meter und windunterstützten 9,75 Sekunden für die halbe Distanz schon mal zwei nette Grüße an die Adresse des Herrn Bolt gesendet. Die der am vergangenen Dienstag aus dem Lausanner Regen allerdings postwendend zurückschickte – 19,59 Sekunden über 200 Meter – bei Kühle und Gegenwind. Der Konter saß, Gay war beeindruckt. „Der sah verdammt gut aus.“

          Bolt und Gay gehen sich bis zur WM aus dem Weg

          Tja, das Problem von Gay und Powell heißt nicht Powell und Gay, sondern Bolt. Aber sie arbeiten dran. Und sie behaupten steif und fest, dass auch der schelmische Bogenschütze, der so gerne imaginäre Pfeile in den Himmel schießt, verwundbar sei. Sein Weltrekord im Übrigen auch. Und dass sie beide nach Berlin fahren, um Weltmeister zu werden. „Ja“, sagt Tyson Gay auf die Frage, ob er Bolt besiegen könne. „Wir reden seit Peking darüber, wie wir Usain schlagen können“, ergänzt Powell. „Er ist 9,69 gelaufen, also wissen wir, was zu tun ist.“

          Das klingt nicht gerade nach tiefgreifenden Erkenntnissen, aber es hat ja auch keinen Sinn, Bolt als Mr. Unantastbar auf den Sockel zu heben. Sonst bleibt der ewig da oben. So wie es aussieht, werden sich Bolt und Gay bis zur WM wohl aus dem Weg gehen, obwohl der Amerikaner für den Rest der Saison in Europa bleibt. Gay hat noch einen Trumpf im Ärmel. Er hat München als Trainingsresidenz auserkoren. Dort wird er sich auf Berlin vorbereiten. Vielleicht setzt er auf den „Heimvorteil“.

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