https://www.faz.net/-gai-870b6

„Ein Bild – Eine Geschichte“ : Gut und Böse

London, 2012: Usain Bolt und feiert den Olympiasieg. Justin Gatlin wird Dritter Bild: Picture-Alliance

Usain Bolt gegen Justin Gatlin, Jamaika gegen Amerika: Das 100-Meter-Duell bei der Weltmeisterschaft in Peking ist ein Schicksalslauf. Es geht um nicht weniger als die Zukunft der Leichtathletik.

          Die Zukunft der Leichtathletik entscheidet sich an diesem Sonntagnachmittag um Viertel nach drei unserer Zeit in Peking. Im Vogelnest, dem prächtigen Stadion der Sommerspiele von 2008, geht es um nicht weniger als das Schicksal des Kerns Olympias. Die beiden Herren, die hier auf dem Foto zu sehen sind, wie sie sich im August 2012 nach dem Sprint-Finale der Olympischen Spiele von London fühlten und aufführten, sind als Hauptdarsteller vorgesehen:

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Entweder versetzt der Amerikaner Justin Gatlin seiner Sportart, die ohnehin von Doping-Verdächtigungen gebeutelt ist, den allerletzten Stoß, und der ganze Zirkus taumelt in den Orkus. Oder der Jamaikaner Usain Bolt rettet mit Jubel und Fanfaren die Krone des Sports und eröffnet den klassischen Disziplinen der jahrtausendealten Geschichte unserer Spiele eine triumphale Zukunft.

          Für alle Zeiten ein Betrüger

          Nicht wenig für knapp zehn Sekunden, oder? Längst geht es nicht mehr allein darum, wer schneller rennt im Weltmeisterschafts-Sprintfinale über 100 Meter: Justin Gatlin, der mit dem Stigma zweier Doping-Sperren und der Hypothek antritt, für alle Zeiten als Betrüger zu gelten – oder Usain Bolt, der Superman aus Jamaika, der das hingerissene Publikum auf seinen eleganten Sprints mitnimmt aus der Welt des Zweifels in Dimensionen jenseits der Realität. Der eine (Gatlin), 33 Jahre alt, ist mit 9,74 Sekunden deutlich schneller als jeder andere Sprinter in diesem Jahr. Der andere (Bolt), 29, hält mit 9,58 Sekunden über 100 und 19,19 Sekunden über 200 Meter seit acht Jahren Weltrekorde, die für Sterbliche eigentlich unerreichbar schienen. Sie sollten, wenn sie das Halbfinale unverletzt und auf ihrem Niveau überstehen, die anderen sechs Finalisten in den Schatten stellen.

          Wer dabei war, erinnert sich an die langsam einsetzende Fassungslosigkeit des gerade 22 Jahre alten Bolt, als er, noch voller Freude über seinen ersten Olympiasieg just hier in Peking 2008, von abgebrühten Sportreportern gefragt wurde, wie er denn die Öffentlichkeit davon überzeugen wolle, dass seine Leistung sauber sei. Staunen, Bewunderung, ja, das löste sein Sieg in Weltrekord-Zeit damals aus (gefolgt von Siegen und Weltrekorden über 200 Meter und mit der jamaikanischen Staffel). Doch sein Jubel schon vor dem Ziel und der offene Schnürsenkel eines seiner Spikes erzeugten auch Zweifel und Empörung. Mangelnden Respekt vor der Konkurrenz warf Jacques Rogge, der damalige Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, dem Olympiasieger noch während der Spiele vor. Viele teilten seine Empörung. Sie hielten Bolt für einen dreisten Doper.

          Ohne Probleme: Justin Gatlin (unten rechts) gewinnt seinen Vorlauf souverän

          Lamine Diack, der ehemalige Präsident des Welt-Leichtathletikverbandes, versteht seine Sportart offenbar als Kirche. Man solle nicht ständig zweifeln und negativ denken, forderte er von der Gemeinde, sondern an die Athleten und ihre Leistungen glauben. Bolt hätte in den sieben Jahren, in denen er bis auf den Sprint von Daegu 2011 jedes olympische und Weltmeisterschafts-Finale gewann, den Zweifel nähren und mehren können. Doch seit Gatlin schneller und schneller rennt, fallen mehr und mehr Zuschauer vom Unglauben ab.

          Bolt scheint fast so überrascht wie damals, dass er für die Glaubensgemeinschaft nun als der Gute gilt, der gegen das Böse zu kämpfen hat, das Licht, das den Schatten auf seinem Sport vertreiben soll. „Ich werde oft gefragt, ob ich für einen sauberen Sport kämpfe“, sagte er auf seiner Pressekonferenz in Peking. „Ich laufe für mich selbst. Es gibt viele, die sauber laufen. Es ist die Verantwortung aller, den Sport zu retten und ohne Doper vorwärtszukommen.“ Die Erwartungen, die auf dem Sprinter aus Jamaika ruhen, sind phänomenal. In den vergangenen beiden Jahren legte er lange Verletzungs- und Ruhepausen ein.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Länger leben : Kerle, macht’s wie die Frauen

          Von der Gleichstellung der Geschlechter profitieren auch Männer – sie sind gesünder und leben länger. Die regionalen Unterschiede, die in einer Studie sichtbar werden, überraschen.
          Viele Fragen an den Präsidenten in der Whistleblower-Affäre: Donald Trump beantwortet Reporterfragen vor dem Weißen Haus.

          Telefonat mit Selenskyj : Trumps Erpressung

          Für Donald Trump ist das Telefonat mit dem ukrainischen Präsidenten nicht verwerflich. Er sieht nichts Schlimmes darin, seine Macht zu nutzen, um politischen Konkurrenten wie Joe Biden zu schaden. Dabei beginnt der Skandal schon an anderer Stelle.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.