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Usain Bolt : Der Tänzer

Schnelle Schritte, große Gesten: Usain Bolt Bild: AFP

Schnelle Schritte und große Gesten sind die Markenzeichen von Usain Bolt. Dabei ist ihm der Sprint längst nicht mehr genug. Die 400 Meter warten und der Weitsprung ruft nach ihm.

          So sieht das Selbstbewusstsein eines Champions aus: kein Klettverschluss! Usain Bolt trainiert nicht nur Kraft und Tempo, sondern übt, vor dem Spiegel, auch Grimassen, Gesten und Tanzschritte. „Ich kann noch nichts verraten“, sagte er in dieser Woche zu seiner bevorstehenden Aufführung. „Aber wenn ich am Sonntag gewinne, werde ich sicher etwas Neues machen.“ Für den Lauf, im Übrigen, sei er hundert Prozent in Form.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Was Bolt überhaupt nicht geübt hat, sind Schleifen. Aber das nimmt der Souverän des schnellen Schritts locker in Kauf. Mit offenem Schnürsenkel am linken seiner goldenen Schuhe lief er schließlich vor einem Jahr in Peking zum Weltrekord von 9,69 Sekunden und zum ersten seiner drei Olympiasiege. Die Schleife rechts sieht, wenn man die Fotos von damals unter die Lupe nimmt, auch nicht besonders haltbar aus. Ein Wunder, dass sie bis in Ziel hielt.

          Maßgeschneiderte Schuhe ohne Kindersicherung

          Und doch hat Bolt, als er sich von seinem Ausrüster Puma neue Spikes maßschneidern ließ, auf die Kindersicherung verzichtet. Als der Usain Bolt der deutschen Dax-Vorstände, Puma-Chef Jochen Zeitz, in Berlin an die hundert Sportreporter zusammentrommelte, um dem Jochen Zeitz der Laufbahn, eben Usain Bolt, dessen neue Schuhe zu überreichen, stellte sich heraus, dass sie nicht nur eine merkwürdig orange Farbe haben. Puma hat ihnen obendrein den Namen Yam gegeben. Yam ist die Riesenknolle mit gelborangem Fleisch, von der sich Bolt in jungen Jahren überwiegend ernährte und die, davon ist sein Vater Wellesley Bolt felsenfest überzeugt, ihn stark und schnell gemacht hat. Jetzt hat er sie an den Füßen.

          Ob Kartoffeln, Pantoffeln oder gar keine Schuhe - der Riesensprinter von 1,93 Meter Körpergröße aus dem hintersten Jamaika würde mit allem zurechtkommen. Sprint ist ihm in die Wiege gelegt. Trelawny Parish östlich von Montego Bay, in dem Bolts Heimatörtchen Sherwood Content liegt, hat die höchste Dichte an Weltklassesprintern auf der ganzen Welt. Dort rannte vor zwanzig Jahren Veronika Campbell-Brown barfuß mit Jungs um die Wette; heute ist sie Weltmeisterin im Sprint, Olympiasiegerin über 200 Meter und Favoritin auf beiden Strecken in Berlin. Aus Trelawny Parish stammen die Olympiateilnehmer Michael Green und Voletta Wallace, Marvin Anderson, Omar Brown und Michael Frater, Letzterer in Peking Mitglied der siegreichen jamaikanischen Staffel.

          „We don't need dope to cope“, sagt Babsy, die Ministerin

          Aus Falmouth im Telawny Parish wanderte vor gut vierzig Jahren ein Elternpaar namens Johnson aus, an der Hand einen Achtjährigen namens Benjamin Sinclair, über den fast nur Positives zu sagen ist. Ben Johnson gewann achtzehn Jahre später in Seoul den Endlauf über 100 Meter, zwar in Weltrekordzeit, aber eine Zehntelsekunde langsamer als Bolt weitere zwanzig Jahre danach. Postwendend musste er - vermutlich weil er die schöne, fruchtbare Heimat verlassen hatte - zugeben, dass es nicht Yam gewesen war, das ihm so schnelle Beine gemacht hatte.

          Bei Usain Bolt soll es aber so sein. In Berlin ist der schnellste Mann der Welt in Begleitung der jamaikanischen Ministerin Olivia Grange, genannt Babsy. Sie hält sich zugute, im vergangenen Jahr, während alle Welt auf Peking und dessen Olympische Spiele guckte, ein Anti-Doping-Gesetz durch Kabinett und Parlament gebracht und die Gründung einer staatlichen Anti-Doping-Agentur durchgesetzt zu haben. Das ist die Einrichtung, die jüngst fünf Sprinter mit einem Aufputschmittel erwischte und miterleben musste, dass der jamaikanische Verband sie alle freisprach. „We don't need dope to cope“, sagt Babsy und verspricht eine Präventionskampagne unter diesem Motto, „Wir brauchen kein Doping, um klarzukommen.“

          „Mir reicht es, einfach zu gewinnen“, sagt Bolt, der Star

          Na, wenn das so ist, kann Usain Bolt natürlich leichten Herzens versprechen, dass er in Berlin seine Ergebnisse von Peking übertreffen wolle. Doch wie übertrifft man die Goldmedaillen im Sprint, die über 200 Meter und die mit der 4 × 100-Meter-Staffel, allesamt gewonnen in Weltrekordzeit? „Ich weiß auch nicht“, entgegnet Bolt. „Mir reicht es, einfach zu gewinnen.“ Eigentlich bleibt ihm unter diesen Umständen nur, in Berlin das zu vollziehen, was er in Peking schon erwogen hatte, dann aber abblies: nach seinem Sieg an diesem Sonntag, nach dem Sieg über 200 Meter am Donnerstag und nach dem Sieg mit der jamaikanischen Staffel am Samstag auch noch, am Sonntag, die 4 × 400-Meter-Staffel zum Sieg zu treiben. Bei den Olympischen Spielen 2012 in London wird er voraussichtlich auch noch im Einzel über 400 Meter starten; macht ganz sicher fünf Goldmedaillen.

          Wenn ihm das nicht reicht und das Internationale Olympische Komitee nicht zu dem Brauch zurückkehrt, auch künstlerische Darbietungen wie Solotanz mit Medaillen auszuzeichnen, muss Bolt halt nachlegen. Längst ruft der Weitsprung - diese Anlaufgeschwindigkeit! - nach ihm. Damit der Star bei diesem enormen Programm Energie spart, könnte Puma dann ja vielleicht doch den Champions-Schuh mit Klettverschluss entwickeln.

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