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Usain Bolt : An der Schallmauer

Mauern, die fallen: Bolts T-Shirt Bild: AFP

Das Berliner Publikum liegt Usain Bolt zu Füßen. Er darf sogar John F. Kennedys großes Wort verballhornen: „Ich bin ein Berlino“. Auch über 200 Meter lief Bolt, wie immer, praktisch ohne jeden Konkurrenten zum nächsten phantastischen Weltrekord. Die Marke von 19 Sekunden scheint nicht mehr fern.

          3 Min.

          „Ich bin ein Berlino“, behauptete Usain Bolt, bevor er bei der Weltmeisterschaft im Berliner Olympiastadion am Donnerstag den fünften Weltrekord seines Lebens lief, phantastische 19,19 Sekunden über 200 Meter. Nur vier Tage vorher hatte er den Weltrekord über hundert Meter auf 9,58 Sekunden verbessert, auch schon eine unfassbare Zeit. Der Spruch auf seinem T-Shirt war, ebenso wie sein Herumalbern mit Maskottchen „Berlino“, eine Geste an das Berliner Publikum, das dem Jamaikaner zu Füßen liegt, was wiederum er „wonderful“ findet. Die Verballhornung des berühmten Wortes, das John F. Kennedy in der kältesten Kälte des Kalten Krieges, im Juni 1963, in Berlin sprach, könnte auch eine Anspielung darauf sein, dass es nicht nur damals Mauern gab, die unüberwindlich wirkten und doch fielen. Auch im Sport gibt es Marken, deren Überwindung den Beginn eines neuen Zeitalters, den Eintritt in eine neue Dimension markiert. Zwar formulierte Bolt vor dem Start überdeutlich in die Kamera: „Come and get me!“ Doch dann lief er, wie immer, allein und praktisch ohne jeden Konkurrenten zum Weltrekord, und niemand konnte ihn oder das fassen, was er wieder einmal geleistet hatte. Wer oder was auch immer ihn antreibt: Ein Herausforderer kann es nicht sein.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Siebzehn Jahre lang bestand der 200-Meter-Weltrekord des Italieners Pietro Mennea von 19,72 Sekunden. Dann kamen, bei den Olympischen Spielen von Atlanta 1996, Frankie Fredericks und Michael Johnson und unterboten ihn; Johnson war der Schnellere von beiden und verbesserte den Rekord um vier Zehntelsekunden auf 19,32. Weitere zwölf Jahre dauerte es, bis jemand diese Marke steigern konnte: Usain Bolt. Er tat es in Peking, an dem Tag, an dem er 22 Jahre alt und zum zweiten Mal Olympiasieger wurde, in 19,30 Sekunden. Nun hat er, nur ein Jahr später, mehr als ein Zehntel davon abgetragen. Fredericks und Johnson, beide in Berlin Augenzeugen seines Laufs, halten es für wahrscheinlich, dass er, mit ein wenig Rückenwind statt des fast unmerklichen Berliner Ostwindes von 0,3 Metern pro Sekunde, als Erster auch die Schallmauer von 19 Sekunden durchbricht.

          Dafür spricht, dass Bolt längst nicht auf dem Höhepunkt seiner Entwicklung ist. „Ich bin schon müde angereist und nicht in so guter Form wie vergangenes Jahr in Peking“, behauptete er in Berlin. Sein Trainer Glen Mills sagt, noch hätten sie gar nicht richtig am Tempo gearbeitet. Bolt müsse sich technisch noch entwickeln und als Athlet reifen. Bolt ist der erste und einzige Mensch, der in einem regulären Rennen über hundert Meter 9,7 Sekunden unterboten hat. Auch das geschah zuerst vor einem Jahr in Peking, als er die Welt staunen machte mit 9,69 Sekunden.

          Wer oder was treibt ihn an? Usain Bolt bleibt unfassbar - einen Herausforderer hat er nicht

          Von allen Sterblichen hat sich Tyson Gay dieser Mauer am dichtesten genähert, als er am Sonntag 9,71 Sekunden lief. Bolt sah er dabei von hinten. Denn der Jamaikaner, für den es keine Grenzen zu geben scheint, lief zwar im selben Rennen, aber bereits in der nächsten Dimension: jenseits von 9,6 Sekunden.

          „Neunzehn-eins ist einfach krank“

          Die zweite Hälfte des Langsprints am Donnerstag brachte er in 9,27 Sekunden hinter sich. Alonso Edward aus Panama und der Amerikaner Wallace Spearmon kamen in 19,81 und 19,85 Sekunden auf die Plätze zwei und drei. „Neun-fünf ist einfach verrückt“, sagte Bolts jamaikanischer Mannschaftskamerad Steve Mullings, Fünfter in 19,98 Sekunden, ebenfalls jenseits einer markanten Mauer. „Neunzehn-eins ist einfach krank. Er wird bald eine Achtzehn laufen.“

          „Ich habe nie gesagt, dass ich hundert Meter in 9,4 Sekunden laufen kann“, sah sich Bolt veranlasst zu beteuern „Ich habe nur gesagt, dass ich 9,4 für möglich halte. Was über 200 Meter möglich ist, will ich nicht sagen. Ich erlege mir keine Beschränkungen auf.“ So hat er in vier Tagen beide Sprint-Weltrekorde um je elf Hundertstelsekunden verbessert, und noch steht das Finale der Sprintstaffeln aus.

          Doping? „Beleidigt mich nicht, dass Sie danach fragen“

          Bolt musste sich daran erinnern lassen, dass er bei der Weltmeisterschaft von Helsinki 2005 zwar im selben Endlauf stand wie der später des Dopings überführte Amerikaner Justin Gatlin, doch als Achter von ihm und dessen Siegeszeit (20,04 Sekunden) in 26,27 meilenweit entfernt war. Und er musste sich fragen lassen, was sich seitdem verändert habe. Er habe damals erst ein Jahr mit Trainer Mills zusammengearbeitet, „dem allergrößten Trainer der Welt“, antwortete er. „Ich hatte einen Krampf in diesem Rennen.“

          2006 sei er überwiegend verletzt gewesen. Bei der WM von Osaka 2007 wurde er dann Zweiter hinter Tyson Gay; er verlor den Vergleich mit 19,91 zu 19,76 Sekunden. „Wir fanden heraus, dass mein Problem vor allem darin bestand, dass ich nicht stark genug war“, sagte er. „Wir gingen zurück ans Zeichenbrett und arbeiteten vor allem an meiner Kraft und meiner Tempo-Ausdauer.“ Dass auch andere Erklärungen für seine atemraubenden Leistungen kursieren, kann der schnellste Mann der Welt verstehen. „Das beleidigt mich nicht, dass Sie danach fragen“, sagte er freundlich. „Jahr für Jahr rennen Leute schnell und werden positiv getestet; ich weiß, dass es das immer geben wird im Sport.“ Er werde, versicherte er, die Sache klären, indem er weiter schnell laufe und sauber sei – „und eines Tages werden die Leute aufhören, Fragen zu stellen“.

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